Wilhelm von Humboldt an Friedrich August Rosen, 18.06.1829

|1*| Ew. Wohlgebohren haben immer einen so freundschaftlichen Theil an meinen Arbeiten genommen, daß ich es mir zu einer wahren Pflicht mache, Ihnen die Inlage zuzusenden, die so eben abgedruckt erschienen ist. Ich bin überzeugt, daß Sie an dieser weiteren Entwickelung meiner Ideen über diesen Gegenstand um so mehr einen freundschaftlichen Antheil nehmen werden, als Ihre gütige Erwähnung derselben auch schon Veranlassung zu meinem früheren Aufsatze darüber war. Ich kann aber nicht läugnen, daß ich bei der gegenwärtigen Mittheilung auch noch eine andere Absicht habe, durch deren gütige Erfüllung Sie mir einen großen Freundschaftdienst erweisen würden. Es wäre mir nämlich sehr daran gelegen, daß mein Vorschlag einer gänzlichen Worttrennung, von allen seinen Gründen unterstützt, in England bekannt würde, und Sie würden mich daher sehr verpflichten, wenn Sie einen englischen Aufsatz darüber in irgend einer der am meisten gelesenen englischen Journale erscheinen lassen wollten. Es wäre dann Hoffnung, daß ein solcher Artikel auch bis nach Indien selbst dränge. Es würde aber nöthig sein, in demselben meinen früheren Aufsatz im Pariser Asiatischen Journal mit dem gegenwärtigen zu verbinden, um nichts, was ich über die Sache beigebracht habe aus der Acht zu lassen. Ew. Wohlgebohren pflichteten schon früher meiner Meinung gütigst bei, und es würde mir daher sehr angenehm sein, wenn Sie dieselbe vielleicht auch noch mit eigenen Gründen zu unterstützen die Güte haben wollten. Wären Sie aber auf der andern Seite auch in irgend einem oder andern Punkte abweichender Meinung, so bitte ich Sie recht sehr, sich nicht durch partheiliche Freundschaft abhalten zu lassen, es ausführlich zu sagen. Es kann mir nur angenehm sein, wenn die Einwendungen, welche man mir doch entgegensetzen wird, mit dem Wohlwollen und der Nachsicht vorgetragen werden, deren ich mir von Ihnen schmeicheln kann.

Ew. Wohlgebohren werden bereits vielleicht den ersten Theil des Schlegelschen Ramayana gesehen haben. Es ist innerlich und äußerlich ein schönes und merkwürdiges Werk, und das seinem Verfasser, |2*| vorzüglich wenn ihm die Vollendung desselben gelingt, einen dauernden Nachruhm zusichert. In Absicht der darin beobachteten Worttrennung aber kann ich Schlegel, auch unabhängig von meinem Wunsche gänzlicher Absonderung, nicht beistimmen. Er hat in diesem Werke ein neues Princip, nämlich das der Endconsonanten befolgt. Er läßt nun, aber auch alle die Wörter getrennt stehen, deren im Zusammenhang endigende Buchstaben Endbuchstaben eines Wortes sein können. Er zieht daher ein Wort mit endigendem dentalen n mit einem folgenden, mit einem Vocal beginnenden Worte nicht zusammen. Dies kann ich nicht billigen. Ich kann nur zwei richtige Principien der Worttrennung, entweder für den Verstand, auf den ersten Anblick die Begriffselemente des Gedanken zu erkennen, oder für das Ohr, unmittelbar durch die Lesung zu erfahren, welche <Worte die> Aussprache zusammen verbinden soll. Der Grundsatz der Endbuchstaben findet hier, meinem Urtheile nach, gar keine Anwendung. Er bezieht sich nur auf die Wörter außer dem Zusammenhange, und wird nicht verletzt, wenn im Zusammenhange andere Endbuchstaben eintreten. Die Ausnahme des möglichen Einflusses der Veränderung der gewöhnlichen Endconsonanten durch auf sie folgende Anfangsbuchstaben, ist immer stillschweigend mit dem Grundsatze selbst verbunden. Der Zustand, in welchem ein Wort, ohne mit dem folgenden zusammenzuschmelzen, durch dies folgende Wort eine Veränderung in seinem Endbuchstaben erfährt, wird grade sehr passend und gut in der Schreibung durch einen ungewöhnlichen und befremdlichen Endconsonanten angedeutet. Die neue Schlegelsche Methode thut nicht dem Verstande Genüge, weil sie viele, dem Begriff nach, getrennte Wörter zusammenzieht; sie unterichtet |sic| den Leser nicht über die Aussprache, indem sie getrennt läßt, was die Indische Aussprache zusammenzog, da die Verwandlung der dumpfen Consonanten in tönenden  <|Humboldt|tönende> |Schreiber| vor Vocalen hinlänglich beweist, daß ein schließender Consonant vor einem anfangenden Vocal nicht getrennt wurde; sie entfernt sich eben so weit, als die Meinige, von dem Indischen Herkommen, dem nichts so sehr entgegen sein kann, als die Trennung eines Consonanten von dem unmittelbar auf ihn folgenden Vocal. Um das jetzige Schlegelsche Princip mit Grunde auf die Schreibung des Sanskrit anwenden zu können, müßte man beweisen, daß die Indische Aussprache die Wörter niemals zusammengezogen habe, wo ein legitimer |3*| Endconsonant ein Wort beschloß, und ich zweifle daß dies möglich sey.

|Humboldt| Sie werde von dem unglücklichen Verluste gehört haben, den ich erlitten habe, und ich ich |sic| bin Ihres freundschaftlichen Antheils versichert. Ich lebe jetzt mit meinen Kindern in fast gänzlicher Einsamkeit, die unser aller Stimmung am meisten zusagt. Ihnen geht es, hoffe ich, erwünscht, und ich wünsche von Herzen, daß Ihnen Ihre Lage jetzt, da Sie dieselbe genau kennen, noch dieselbe Zufriedenheit einflößen möge, als sie es früher that. Man hat uns mit der Hoffnung geschmeichelt, Ew. Wohlgeboren in diesem Sommer hier zu sehen. Wie sehr würde es mich freuen, die Hoffnung erfüllt zu sehen.

Leben Sie recht wohl und nehmen Sie die Versicherung meiner herzlichen und ausgezeichneten Hochachtung und aufrichtige Freundschaft an!
Humboldt
Tegel, den 18. Junius, 1829.

|4*| |Schreiber|
An
Herrn Dr. Rosen
Wohlgebohren
in
London