Wilhelm von Humboldt an Bartholomäus Kopitar, 08.03.1827

|1*| Ich benutze die günstige Gelegenheit, welche mir die Reise des Herrn Professors Puharska |sic|[a] gewährt, um Ew: Wohlgeboren über einen litterarischen Gegenstand zu reden, welcher gewiß auch Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen verdient. Es ist nemlich dies die Sprache der Zigeuner, welche schon oft ein Gegenstand historischer und linguistischer Untersuchungen gewesen sind |sic|. Es ist vor kurzem ein zigeunerisches Wörterbuch in Norddeutschland erschienen, welches ich mir die Freiheit nehme Ew: Wohlgeboren anliegend zu überschicken.

Ew: Wohlgeboren werden daraus sehen, daß dasselbe aus der Aussage einiger Zigeuner zusammengetragen ist, und daher den Vorzug hat, keine Compilation sondern eine Niederlegung wirklich beobachteter Thatsachen zu seyen |sic|.

Zugleich sind indeß auch die bisher schon in Schrift zerstreuten Wörter, jedoch mit gehöriger Unterschei-|2*|dung der neugesammelten hinzugefügt worden. Es schiene mir daher diese Schrift eine günstige Gelegenheit um nach Anleitung derselben und mit beliebiger Aufnahme einer größern Anzahl von Wörtern auch, in andern Gegenden Zigeuner über ihre Sprache zu befragen, und ihre Aussagen aufzuzeichnen. Ich mache einen Versuch dies in unsern Staaten zu bewirken, obgleich es bei uns nur wenige Zigeuner noch giebt. In Ungern aber halten sich, so viel mir bekannt ist, noch eine bedeutende Anzahl von Menschen dieses Völkerstammes auf, und Ew: Wohlgeboren hielten es daher <vielleicht> auch mit mir für ein nützliches Unternehmen einige dieser Individuen auf die erwähnte Weise über ihre Sprache abzuhören. Ein Theil der Zigeunerworte ist sichtbar aus der Sprache der Länder entlehnt, welche die Zigeuner gegenwärtig bewohnen. Es giebt aber außer diesem wenig zu beachtenden Theil ihrer Mundart offenbar einen Kern von Wörtern, welche einen entferntern und früheren Ursprung haben, und in deren Mehreren man, |3*| namentlich indische Stammwörter wieder findet. Diesen Theil der Mundart durch die Vernehmung von Zigeunern in sehr verschiedenen Gegenden zu bestätigen und zu erweitern würde gewiß von großer Wichtigkeit seyn. Ich glaube daher, daß Ew: Wohlgeboren mir verzeihen werden, daß ich mir die Freiheit nehme diesen Gegenstand mit Ihnen zur Sprache zu bringen.

Ueber Amerikanische Sprachen habe ich aus Madrid und München einige bisher auch ihren Titeln nach unbekannte Schriften erhalten, und auch das Glück gehabt von den Erben des verstorbenen Missionairs Schumann eine von demselben verfaßte Arawakische Grammatik vollständig in einer sehr lehrreichen Handschrift zu erhalten, von der nur ein kleiner Theil sich in einer Abschrift auf der Jenaischen Universitäts Bibliothek befand.[b]

Ich habe mit großem Vergnügen hier die persönliche Bekanntschaft des Herrn Professors Puharska |sic|[c] gemacht, und freue mir daß dieser kennt-|4*|nißvolle Mann nun eine Zeitlang mit Ew: Wohlgeboren über einen Gegenstand in Verbindung treten wird, welcher auch Ihr Lieblingsstudium ausmacht.

Empfangen Ew: Wohlgeboren die Versichrung meiner ausgezeichnetesten Hochachtung.

|Humboldt| Humboldt
|Schreiber| Berlin, den 8ten Maerz, 1827.


An
Herrn Professor und Bibliothekar
Kopitar
Wohlgeboren
in
Wien

Fußnoten

    1. a |Editor| Gemeint ist vermutlich Andreas Kucharski (1795-1862), Professor zu Warschau.
    2. b |Editor| Theophilus Salomo Schumann (1719–1760), Missionar der Brüdergemeine, hat während seines Aufenthalts in Surinam eine Grammatik der arawakischen Sprache verfasst. Von diesem Original hatte Christlieb Quandt (1740–1824) eine Abschrift gemacht, die über die Sammlung von Christian Wilhelm Büttner (1716–1801) in die Universitätsbibliothek Jena gelangte.
    3. c |Editor| Kucharski