August Wilhelm von Schlegel an Wilhelm von Humboldt, 20.–26.06.1824

Bonn den 20sten Junius 1824.

Ew. Excellenz bitte ich, die verspätete Beantwortung Ihres so belehrenden und aufmunternden Schreibens vom 15ten April gütigst zu entschuldigen. Ich gebe diesen Sommer Vorlesungen, die mir viel Zeit kosten, und mich auch in meinen Brahmanischen Studien nicht so viel thun lassen, als ich wohl wünschte.

Die Nachricht von einem Augenübel, das Ew. Excellenz erlitten, hat meine lebhafteste Theilnahme erregt. Ich hoffe und wünsche von ganzem Herzen, daß Sie vollkommen und dauerhaft hergestellt seyn mögen. Zu meiner Freude bestätigt ein Zeitungsartikel diese Hoffnung. Es wird aus Berlin gemeldet, daß Ew. Excellenz sich viel mit den neuerworbenen Papyrus-Rollen beschäftigen, und dazu gehören doch gewiß ganz gesunde Augen.

Die meinigen leisten mir immer gute Dienste, wiewohl sie nun schon Veteranen der Manuscripte sind. Nur bei meinem letzten Aufenthalt in Paris litt ich an einem Augenübel. Mein Zustand wurde ängstlich, ich wandte mich an einen berühmten Oculisten, kam aber, wie es zu gehen pflegt, aus dem Regen in die Traufe. Er schrieb mir Einspritzungen durch den Thränenpunkt vor, eine äußerst peinliche Operation, die ich länger als einen Monat ertragen habe. Als ich zurückkam misbilligte mein vortrefflicher Freund von Walther[a] diese Behandlung höchlich, und wünschte mir Glück, daß mir kein unheilbarer Schaden daraus erwachsen sei. Er versprach mir ein Augenwasser, vergaß es aber, und ich mahnte ihn darum in einigen Lateinischen Versen, die ich beilege. Völlig genesen kann Ew. Excellenz dieser Scherz, die Klage eines Leidensgenossen, vielleicht einige Augenblicke unterhalten.

Ich bitte recht sehr, die Exemplare von dem letzten Hefte der Indischen Bibliothek doch ja nicht zu schonen. Wir haben deren in Vorrath, und ich weiß keinen besseren Gebrauch dafür. Gerade dieser Theil der mir geschenkten Abhandlung muß für die Hellenisten besonders interessant seyn. Herr Welcker war erstaunt über die vertraute Bekanntschaft mit den Griechischen Grammatikern, welche sich darin kund giebt. Den Berliner Philologen habe ich Exemplare geschickt, auch einigen andern. Aber es stehen immer noch mehrere zu Befehl.

Leider ist noch kein neues Heft unter der Presse, wie es nach meinem guten Willen längst schon seyn sollte. Wenn ich einmal beim Schreiben bin, so macht es mir großes Vergnügen, aber es geht langsam, und das Anfangen fodert immer einen großen Entschluß. Ich habe allerlei kleine Aufsätze im Sinn.

Ew. Excellenz Vorschlag wegen des Bhagavad Gita erfodert reifliche Erwägung. Wenn ich nur das Glück haben könnte, mich mit Ihnen darüber zu besprechen, so würde ich es vielleicht besser anzugreifen wissen.

Ich bin sehr erfreut, Ihren Namen auf meiner Subscribentenliste für den Râmâyana zu haben. Es geht mit der Subscription doch einigermaßen vorwärts, und meine Wünsche und Foderungen sind mäßig. Doch brauche ich wenigstens 120 Subscribenten, um die Kosten zu decken. Es haben sich noch neue Hülfsmittel gefunden. Ein so eben aus Indien zurückgekommener Englischer Militär, der mir auch ein paar Handschriften zum Geschenke gesendet, wiewohl ich ihn nicht persönlich kenne, vertraut meinem Schüler ein sehr seltnes Manuscript des Râmâyana zur Benutzung an.[b] Dieses, zum Theil beträchtlich alt, mit Bildern verziert, hat dem Fürsten von Odeypore (Udayapura) gehört. Es schreibt sich demnach aus der Raj-putana her, einem Lande, woher wir überhaupt noch wenig Handschriften haben. Ich besitze nun schon eine große Anzahl von Varianten des ersten Buches, und glaube in der Geschichte des Textes schon einigermaßen Licht zu sehen. Freilich wird es nöthig seyn, zuweilen das Geschäft des Diaskeuasten mit dem des Kritikers zu verbinden, aber ich hoffe dabei möglichst alle Willkühr zu vermeiden.


den 26sten Junius. So geht es mir: diesen vor sechs Tagen angefangenen unbedeutenden Brief habe ich unter mancherlei Störungen immer noch nicht beendigen können. Gestern empfing ich nun Ew. Excellenz Sendung vom 24sten Mai. Ich bemerke ausdrücklich, daß sie einen vollen Monat unterwegs gewesen: denn wäre sie mir so schnell zugekommen, als wir das meiste aus Berlin zu erhalten pflegen, so wäre die lange Versäumniß meiner besten Danksagungen unverzeihlich. Ich habe die Abhandlung sogleich gelesen, aber eine erste Lesung ist wenig für eine so durchdachte Schrift. Der wesentliche Unterschied der Sprachen scheint mir vortrefflich auseinandergesetzt zu seyn. Die Ursprünglichkeit der Flexionen ist freilich der Punkt, über den wir nicht ganz einverstanden sind. Ich möchte beinahe sagen: um so besser! Dieß fodert zu neuer Prüfung auf. Bei so disputabeln Gegenständen muß man auf Widerspruch gefaßt seyn, und wie könnte ich mir einen bessern Gegner wünschen? Ich hatte schon früher den Gedanken, Ew. Excellenz um Erlaubniß zu bitten, einen Brief oder eine Reihe von Briefen über diese Gegenstände an Sie richten und in die Indische Bibliothek einrücken zu dürfen. Vielleicht gäbe dieß dann Ew. Excellenz Veranlassung, mir eine Antwort als neuen Beitrag zu schenken. Nicht alle Sätze meines Bruders möchte ich behaupten, wiewohl seine Forschungen mir die erste Anregung gegeben haben. Meine Ansichten entwickelten sich zuerst bei dem Studium der Geschichte unsrer Sprache vom Gothischen an, und der Entstehungsweise der Romanischen Sprachen; dann kam das Sanskrit hinzu. Ich habe sie bisher immer nur beiläufig zu berühren Gelegenheit gehabt: in der Schrift über das Provenzalische, und neuerdings wieder in der Indischen Bibliothek. Freilich stehe ich dadurch sehr im Nachtheil, daß meine Kenntniß auf eine einzige Familie von Sprachen beschränkt ist; und so gern ich auch das Solonische:

γηράσκω δ’ αἰεὶ πολλὰ διδασκόμενος,

zu meinem Wahlspruch mache, so fand ich doch immer noch keine Muße, um das Hebräische wieder anzufrischen, und wenigstens die Anfangsgründe des Arabischen zu erlernen.

Ew. Excellenz Bemerkung über meine Übersetzung des Bh. G. II, 70 ist vollkommen gegründet. Ich weiß nicht, wo ich die Augen gehabt haben muß, da ich ein langes a für ein kurzes nahm, wiewohl ich es richtig abgedruckt, und auch in meiner Abschrift von diesem Capitel des Commentars kein Versehen gemacht hatte. Die Übersetzung des achalapratiṣṭhaṃ muß ich aber in Schutz nehmen, vermöge einer besseren Auctorität als die meinige ist. Sie drückt wörtlich die Erklärung des Srîdharaswâmin aus: anatikrāntamaryādaṃ. Ich lege die ganze Stelle des Commentars zu sl. 70 auf einem besondern Blatte bei. Die Übersetzung wäre nun etwa so zu berichtigen: Continuo sese explenti, nec tamen ultra terminos suos redundanti Oceano etc. Ich bitte Ew. Excellenz, mir doch ja alle Fehler, die Sie bemerken, anzuzeigen. Mit Herrn Bopp’s Beurtheilung in den Göttingischen Anzeigen habe ich Ursache sehr zufrieden zu seyn; nur kann ich ihm schwerlich zugeben, daß in dem Hemistichium sukhaṃduḥ swaṃbhawō bhāwō vor dem letzten Worte ein a privativum ausgefallen, und daß die beiden letzten Wörter als für sich bestehende Begriffe einander entgegengesetzt seyen. Dieß scheint mir die verschiedene Quantität nicht zu erlauben.

So eben empfange ich zu meiner großen Freude Herrn Bopps Episoden aus dem Maha Bharata. Der Berliner Guß ist ja recht schön ausgefallen. Dieß ist nun also der zweite Sanskrit-Text, den wir Deutsche binnen Jahresfrist ans Licht fördern. In England sind zwischen dem Hitôpadêsa und dem jetzt zur Erscheinung bald fertigen Gesetzbuch des Manus 14 Jahre verflossen.

Nächst dem Râmâyana ist mein Absehen immer noch auf den Hitôpadêsa gerichtet. Nur fehlt es in Europa leider gar sehr an Manuscripten. Der Baron Schilling von Canstadt aus St. Petersburg besitzt eins aus der Verlassenschaft eines Russen, der schon einmal eine Sanskrit-Grammatik geschrieben. Er brachte im vorigen Herbst einige Tage bei mir zu, versprach mir den Gebrauch des Manuscripts für die Folge, nahm es aber nach Paris mit. Nun ist er, wie ich höre, nach Rom gereist, ohne Zweifel wegen der tibetanischen Handschriften in der Propaganda.

Sehr hübsch wäre es, wenn man die artigen Mährchenbücher vom Papagei[c], von den dreißig Statuen am Thron des Vikramâdityas[d] u. s. w. ans Licht stellen könnte. Aber die Handschriften, bei solchen Unterhaltungsbüchern unwissenden Abschreibern anheim gefallen, scheinen in einem heillosen Zustande zu seyn. Ich gedenke nächstens den Satz auszuführen, daß alle eigentlichen Feenmährchen aus Indien herkommen, und daß die Perser (vielleicht schon von der Zeit der Sassaniden her) nichts erfunden, sondern nur manirirte Übertragungen geliefert haben.

Ich bitte Ew. Excellenz, mich meine Langsamkeit im Briefschreiben nicht entgelten zu lassen, und bin mit der aufrichtigsten Verehrung und unveränderlich ergebenen Gesinnungen
Ew. Excellenz
gehorsamster
AWvSchlegel.

Ew. Excellenz haben mich sehr angenehm überrascht durch die günstige Erwähnung meines Calderon, eines ehemaligen Lieblingsdichters, den ich seit langer Zeit so ganz aus den Augen verlor, daß ich nicht einmal die Übersetzungen meiner Nachfolger, der Herren Gries[e] und von Malsburg[f] gelesen. Das Publicum scheint der Meynung zu seyn, daß sie es wenigstens eben so gut machen wie ich, wogegen ich auch nicht viel einzuwenden habe. Nur hat mir bei einem flüchtigen Anblick |geschienen|, es fehle dann und wann an Klarheit. Ein gewisser Culteranismo im Stil des Calderon ist nicht abzuläugnen; dieß muß freilich ausgedrückt werden, wenn das Bild ähnlich seyn soll. Will man es aber zu ängstlich nachbilden, so entsteht leicht ein völliger Galimathias daraus.

[g]Ad. V. Cl. Philippum a Walther.

Te vates medicum poscit collyria lippus.

Phoebus amat vates; is pater est medicis.

Te genitor flectat, flectant communia sacra:

Si vis, e lippo Lyncea me efficies.

Demodocus, Thamyris, caecus fuit ipse et Homerus;

Non tanti est laurus: carmina iam valeant.

Sed veterum ad seras evolvere scripta lucernas,

Et dictis sapientum invigilare iuvat.

Tunc mihi ne doleant lacrimantia lumina, cura:

Pro vate haud renuent munera Pierides.

Fußnoten

    1. a |Editor| Philipp Franz von Walther (1782–1849), 1818 bis 1830 Professor für Chirurgie und Augenheilkunde in Bonn.
    2. b |Editor| In einem Brief von Christian Lassen an Schlegel (London, 4. Mai 1824; heute in Dresden, SLUB, Mscr.Dresd.e.90, XIX, Bd. 14, S. 71–73; s. auch W. Kirfel: Briefwechsel A. W. von Schlegel Christian Lassen [Bonn: Friedrich Cohen 1914], S. 24ff. Nr. 9) heißt es: "Ich komme so eben vom Major Tod, der mich äußerst freundlich aufgenommen hat und für Ihre Ausgabe des Ram. eine wahre Acquisition ist. Ich will Ihnen zuerst einen kurzen Bericht über seine Sammlungen abstatten, insoweit ich sie selbst bis jetzt kenne. Er ist 15 Jahre in der Rajputâna gewesen, eine Gegend, die bis jetzt beinahe den Europäern völlig unbekannt geblieben ist und die vom Einfluß der mahommedanischen Invasionen so gut wie ganz frei geblieben ist. Die Folge ist, daß Indische Sitte und Indische Litteratur sich hier weit reiner erhalten haben, als irgendwo sonst. Was diese Provinz für die Litteratur besonders wichtig macht, ist, daß die dasigen Fürsten immer einen Kreis von gelehrten Männern, von Hof-Annalisten und Sängern um sich versammelt und immer darauf gesehen haben, daß ihre Bibliotheken in einem blühenden Zustande erhalten würden. M. Tod hat vorzüglich drei sehr reiche solche Bibliotheken entdeckt, eine zu Cambay, eine zu Jessalmere, und die dritte, wo ich nicht irre, zu Odeypoor. Viele Handschriften dieser Bibliotheken sind ihm mitgetheilt, von den übrigen hat er sich Verzeichniße verschafft. Seine eigene Sammlung besteht aus einer nicht unbeträchtlichen Zahl; die meisten sind zwar Annalen der verschiedenen Fürstenthümer der Rajputana, Heldenlieder der Hofpoeten, Bücher der Jainas, in den neuern Dialecten abgefaßt; viele sind aber auch Sanskrit, und zum Theil sehr seltene Werke. Einige darunter sind durch ihr hohes Alter merkwürdig; ein Manuscript auf Palmblättern trägt sogar das unglaublich hohe Alter von Samvat 1151; |72| ein so hohes Alterthum, daß ich daran zweifeln würde, wenn ich die Zahl nicht selbst gesehen hätte. Es muß aber einer fernern Untersuchung zu bestimmen vorbehalten bleiben, ob hiermit nicht die mit der Abfaßung gemeint seyn könne. Ueber seine alten Inschriften, die er in natura mitgebracht hat, seine Sammlung von Waffen und andern Dingen, kann ich mich jetzt nicht auslassen. Von seinen Manuscripten hat er mir den liberalsten Gebrauch verstattet; sein Ram. ist wenigstens das kostbarste und älteste, und so weit eine flüchtige Betrachtung urtheilen kann, sehr correct. Es ist ein Geschenk des Râna zu Odeypoor und erweckt schon dadurch eine vortheilhafte Erwartung. Da ich das ganze Manuscript im Hause habe, werde ich Ihnen nächstens die gehörige Beschreibung davon geben. Durch diese große Begünstigung ist meine Arbeit bedeutend gefördert und ich hoffe, Sie werden überzeugt seyn, daß ich allen Nutzen davon ziehen werde. Ueber die Rechtschaffenheit des Textes kann ich noch kein Urtheil fällen, es ist aber das wirkliche Valmîkiya Ram. Zu einem Geschenke für Sie legte er mir mehrere astronomische Werke vor, worunter ich dasjenige gewählt habe, dem er selbst den größten Werth beilegte. Purâna’s habe ich keine bei ihm gesehen; wenn er einen Hitôpadêṣa besitzen sollte, bin ich überzeugt, daß er ihn Ihnen sehr gerne anbieten wird. Zu diesem Einen legte er selbst noch zwei kleine hinzu, ein geographisches und eins, dessen Inhalt ich nicht kenne. Ich werde Ihnen alle drei durch eine Gesandtschafts-Gelegenheit senden." – James Tod (1782–1835) war von 1818 bis 1823 "Political Agent" der British East India Company für die westliche Rajputana. 1823 kehrte er aus gesundheitlichen Gründen nach England zurück, zusammen mit einer umfangreichen Sammlung u.a. indischer Schriften.
    3. c |Editor| Sammlung von Märchen indischen Ursprungs.
    4. d |Editor| Legendensammlung, die unter verschiedenen Titeln bekannt ist: Dvātriṃśat Puttalikā ("Thirty-two Statue Stories"), Vikrāmaditya Simhāsana Dvātriṃśika ("Thirty-two Tales of the Throne of Vikramaditya"), Vikrama Charita ("Deeds or Adventures of Vikrama"); vgl. Haksar, A.N.D.: Simhāsana Dvātriṃśikā: Thirty-Two Tales of the Throne of Vikramaditya (New Delhi: Penguin Books India 1998), S. xiii.
    5. e |Editor| Johann Diederich Gries (1775–1842), Herausgeber und Übersetzer der Schauspiele von Calderon (Berlin: Nicolai 1815–1842).
    6. f |Editor| Ernst Friedrich Georg Otto Freiherr von der Malsburg (1786–1824), übersetzte 1823 Calderons Graf Lukanor.
    7. g |Editor| Angeschlossen ist hier das oben erwähnte Gedicht von Schlegel für seinen Augenarzt, Philipp Franz von Walther.