August Wilhelm von Schlegel an Wilhelm von Humboldt, 29.10.–12.11.1826

Bonn den 29sten October 26.

Ich war sehr erfreut, in einem früheren Briefe von Ew. Excellenz einigermaßen günstige Nachrichten von dem Befinden Ihrer Frau Gemahlin zu finden, und diese vor kurzem durch einen späteren Brief an meinen Freund Welcker bestätigt zu hören. Ich bitte Sie, mich ihr angelegentlich zu empfehlen, und ihr meine lebhaften Wünsche für ihre vollkommne Herstellung zu bezeugen.

Ihr Herr Bruder muß jetzt bei Ihnen seyn. Herr Kunth hatte uns einige Hoffnung gemacht, wir würden ihn auf der Durchreise sehen: aber er hat auch dießmal Bonn nicht berührt, worüber ich recht betrübt gewesen bin. Ich hoffe, er wird noch vor seiner Abreise von Paris meine Sendung der Indischen Bibliothek empfangen haben, welche Herr von Olfers mitzunehmen die Güte hatte. Das ganze Packet an die französischen Gelehrten war unter seiner Adresse.

Daß Ew. Excellenz mit meiner Sorgfalt für den Abdruck Ihres Aufsatzes zufrieden waren, ist mir eine große Beruhigung. Nichts kann aber aufmunternder und anregender für mich seyn, als Ihre Urtheile und Bemerkungen über meine Aufsätze. Wenn ich viel solche Leser hoffen dürfte, so würde ich Lust haben, die Feder gar nicht aus der Hand zu legen, und immerfort für den Druck zu schreiben. An Stoff sollte es wohl nicht fehlen. In nicht gar langer Zeit denke ich ein neues Heft ans Licht fördern zu können. Es ist mir sehr lieb, daß Ew. Excellenz meine etwas schärfere Polemik nicht misbilligen. Sie scheint mir wirklich nothwendig, um die gründliche Forschung in ihren Rechten zu behaupten, und es werden noch einige strenge Gerichte gehalten werden müssen. Ich bekomme die Nummern des Journal Asiatique so unordentlich, daß ich meinen Anti-Langlois noch nicht gesehen habe, eben so wenig den neuen Anti-Schlegel; der dem Vernehmen nach grob und geistlos seyn soll.

lāngulākhyō mahāmūrkaḥ paṇḍitāiśshchāwahāsitaḥ,
udwamati wishaṃ ghōraṃ saṃkruddhaḥ ślāghalaṃ prati.

Die Namen haben mit einiger Willkühr behandelt werden müssen, um ihnen einen classischen Anklang zu geben.

den 10ten November. Ich lasse das obige nur stehen, um zu zeigen, daß ich schon früher den guten Willen hatte, von meiner dreifachen und vierfachen Schuld etwas abzutragen. Zwischen jenen Zeilen und diesen liegt die Eröffnung dreier Vorlesungen, und ich weiß nicht, was alles sonst. So geht es mir immer. Ich kann sowohl zu den nothwendigsten, als zu den einladendsten Briefen keine Zeit finden.

Seitdem habe ich nun Ew. Excellenz Abhandlung empfangen. Ich habe sie erst Einmal gelesen, und schon viel daraus gelernt; ich werde sie oft lesen und immer daraus lernen. Eigentlich sollte ich wohl nicht urtheilen, ich bin durch die gütige Erwähnung meiner Arbeit allzu sehr bestochen. Die Darlegung des Inhalts scheint mir ganz vollkommen. Eine metrische Übersetzung schien mir äußerst schwer, ja fast unmöglich. Auch hierin ist außerordentlich viel geleistet. Wie wäre es, wenn Ew. Excellenz sich mit mir zur Übertragung des Ganzen vereinigten? Die metaphysischen Stellen blieben Ihnen vorbehalten, die mehr epischen könnte ich übernehmen.

„In Kuru-Land, des Rechts Wohnsitz, Kampfbegierig hinabgerückt,
„Unsre, samt dem Geschlecht Pânḍu’s, was nun thaten sie, Sanjayas?“ –
Als des Pânḍu-Geschlechts Heerschaar aufgestellt sah Duryôdhanas,
Zu seinem Meister hintretend, redet’ er ihn, der König, an. u. s. w.

Ich könnte vielleicht einige fast mechanische Handgriffe der Versification angeben. Z. B. in den freigelassnen Stellen des Slokas sind doch manche Rhythmen zu vermeiden, namentlich der jambische, weil sonst das zweite Hemistichium, dessen letzte Hälfte ein zweiter Päon oder Dijambus seyn muß, ⏑ ‒ ⏑ ⏒, völlig in einen vierfüßigen Jamben ausartet. Dieß kann nun auch dem ersten Hemistichium begegnen, wenn man es mit dem ersten Epitrit schließt, aber in die vorletzte Sylbe eine tieftonige Länge, hingegen in die drittletzte und letzte eine hochtonige setzt: ⏑ –́ –̀ –́. Dann wird der Fuß schon einem Dijambus ähnlich. Vermieden wird dieß durch den Antispast oder folgenden Epitrit: ⏑ –́ –́ –̀. Ich glaube meinen Gedanken am deutlichsten zu machen, wenn ich den Slokas p. 48 als einen ganz vollkommen versificirten anführe. Manchmal ließe sich der Rhythmus durch eine ganz leichte Umstellung verändern. ZB. p. 38 würde ich versuchen:

Wann zu jeglichem Thor einzieht, hell durchleuchtend, in diesen Leib
Die Erkenntniß, sodann, wisse, kommt zur Reife die Wesenheit.

Nur um zu beweisen, daß ich mit Aufmerksamkeit gelesen habe, erlaube ich mir folgende kleine Bemerkungen. P. 4 und 55. Cap. II, 29 würde ich anders fassen. Ich nehme ēnam nicht als ein unbestimmtes Pronomen, sondern beziehe es auf ātmānam. So auch der Scholiast, in dessen Anmerkung nur Ein Wort nicht klar ist. Der Geist kann nur in seinen Wirkungen wahrgenommen werden, diese sind aber von allen Erfahrungen, die man in der Körperwelt machen kann, so verschieden, daß sie dem sinnlichen Menschen als ein Wunder erscheinen müssen. Der Scholiast vergleicht den Geist mit einem Gaukler, dem man auch nicht auf die Spur kommt, wie er seine Kunststücke zu Stande bringt.

VIII, 16. Die Stelle ist grammatisch zweideutig, wenn dieser Zweideutigkeit nicht schon durch eine anderweitig festgestellte Lehre abgeholfen ist. Dieses kommt von dem Gebrauch der Praeposition ā mit dem Ablativ her. Sie bedeutet sowohl den terminus a quo als den terminus ad quem, entweder mit Einschluß oder mit Ausschließung der Gränze. Alles dieß liegt in den beiden Definitionen des Amara Kosha abhiwyāptāu sīmārthē. Colebrooke erklärt: until-including the limit, or exclusive of the bound or limit. Im Amara Kosha selbst finden sich Beispiele, wo das als Gränze mit begriffen ist. Von den Zahlen heißt es: tāsu (saṃkhyāsu) chānawatēḥ striyaḥ. Unter ihnen sind die bis 90, von 20 an, Feminina. Nun ist aber nawati ein Femininum, darauf folgt das erste Neutrum śatam. – Für obigen Slokas scheint mir die adversative Partikel tu entscheidend. Es ist ein Gegensatz da. Aus der Welt des Brahma kehrt man noch zurück, nicht aber, wenn man zum Krishnas gelangt ist. Mit dem Begriffe des abstracten Brahma scheint es mir nicht verträglich, ihm eine eigne Welt als Wohnsitz zuzuschreiben. Was sagt der Scholiast? – Noch nicht ganz klar ist mir XIV, 27. Colebrooke übersetzt, wie mir Herr Lassen versichert, pratishṭhā in philosophischen Schriften immer durch basis.

Herr Lassen weiß die Ehre zu schätzen, die Ew. Excellenz ihm durch die Zusendung Ihrer Abhandlung erwiesen haben, und trägt mir auf, Ihnen seine Dankbarkeit ehrerbietigst zu bezeugen. Ich hoffe Ew. Excellenz haben seine erste Arbeit über das Pali mit dem zweiten Exemplar der Indischen Bibliothek richtig empfangen. Ich habe das ganze Packet unter der Adresse der Königlichen Akademie abgesendet. – Ew. Excellenz wollen mir erlauben, den ausgezeichneten jungen Mann Ihrer Gewogenheit zu empfehlen. Seine Förderung in der auf meinen Antrieb betretnen Laufbahn ist mir eine wichtige Angelegenheit. Ich habe an ihm einen vortrefflichen Mitarbeiter, und sehe in ihm den Fortsetzer der von mir begonnenen Unternehmungen, überhaupt eine Stütze der Indischen Philologie in Deutschland. Er wird nun nächstens promoviren: wir haben es um etwas hinausgeschoben, weil er sich auf meinen Rath zuvor des Arabischen in gewissem Grade zu bemeistern sucht. Seine Abhandlung ist aber lange fertig, und wird, hoffe ich, Ew. Excellenz Beifall erwerben. Sie handelt von der alten Geographie des Panjab, nach den Griechischen Zeugnissen, verglichen mit einheimischen Quellen.

Das erste Buch des Râmâyana, der Text nämlich, ist beinahe fertig gedruckt. Schon im Frühling hatte ich eine artige Arbeit über Tausend und Eine Nacht in französischer Sprache angefangen. Es ist ein kritischer Versuch das ursprünglich Indische darin von dem Persischen und von dem Arabischen zu sondern, und überhaupt, das beste in jener Mährchensammlung nicht nur, sondern ich möchte beinahe sagen, alle sinnreichen Mährchen in der Welt der Indischen Litteratur zu vindiciren.[a] Freilich, um ganz auf den Grund zu kommen, müßte man die Vrihatkathâ kennen. Ich bin dabei unterbrochen worden, eigentlich war der Aufsatz für ein Englisches Journal bestimmt und es ängstigt mich, daß ich mein Versprechen noch nicht habe halten können. – Eine Epistola critica expostulatoria an Herrn Heeren, für das nächste Heft der Indischen Bibliothek, ist auch halb fertig. Seine Göttingisch-professoralische morgue bei einer solchen compilatorischen Faselei verdient eine ernste Rüge. – Eine freundschaftliche epistola critica an Herrn Bopp über den Nalus ist nur noch in meinem Kopfe vorhanden: ich weiß nicht wie oft ich den Nalus darauf durchstudirt habe.[b] – Längst habe ich eine epistola critica an Jakob Grimm vor: ich werde darin meine Bewunderung auf das nachdrücklichste aussprechen, dann auf theoretische Punkte, insbesondre aber auf die Vergleichung zwischen dem Sanskrit und dem Gothischen eingehn. Leider will die Feder mit den Gedanken nicht gleichen Schritt halten. – Asiatische Neuigkeiten sind nun auch angekommen: das zweite Londoner Heft und der 15te Band von Calcutta. Das giebt wieder neuen Stoff. Herr Othmar Frank hat mich angegriffen: er sieht nicht ein, daß ich ihn bisher geschont habe.

Mich wundert, daß Dr. Rosen nicht auf einige Zeit nach Bonn gekommen ist. Er hätte bei mir manche Hülfsmittel gefunden, die ihm vermuthlich in Berlin fehlen, und wäre der bereitwilligsten Mittheilungen von mir versichert gewesen. Ich habe ihm gerathen, sein Wurzelwörterbuch nicht zu übereilen, aber die Ungeduld eines talentvollen jungen Mannes, in der gelehrten Welt aufzutreten, ist ganz natürlich.

Ich wünsche Ew. Excellenz von ganzem Herzen fortdauernde Gesundheit und heitre Stimmung zur Fortsetzung Ihrer unermeßlichen Forschungen und besonders zur Mittheilung aus dem reichen Vorrathe. Ich bitte Sie, die Versicherung meiner innigsten Verehrung und Bewunderung zu genehmigen.
Ew. Excellenz
gehorsamster
AWvSchlegel.
den 12ten November 26.

Fußnoten

    1. a |Editor| Vgl. hierzu "Les mille et une nuits, recueil de contes originairement indiens", in: Essais littéraires et historiques par A. W. de Schlegel (Bonn: Weber 1842).
    2. b |Editor| Siehe u.a. die Rezension im ersten Heft der Indischen Bibliothek (1820).