Wilhelm von Humboldt an August Wilhelm von Schlegel, 06.05.1823

|1*|Berlin, den 6. Mai, 1823.

Ich würde Ew. Hochwohlgebornen schon viel früher für Ihren gütigen Brief vom 14. v. M. gedankt haben, wenn mir nicht das Heft der Indischen Bibliothek viel später, und erst vor wenigen Tagen zugekommen wäre. Mein Dank ist aber freilich jetzt doppelt und dreifach. Sie beschämen mich wirklich durch die Güte und Aufmerksamkeit, mit der Sie meinen Aufsatz, der nur zu sehr die Spuren meiner noch schwachen Kenntniß des Sanskrit an sich trägt, behandelt haben. So sehr ich fühle, daß ich die schmeichelhafte Vorerinnerung nur Ihrer nachsichtsvollen Freundschaft verdanke, so wird sie mich doch mehr anreizen, auf dem einmal betretenen Wege, für den Sie eine so aufmunternde Theilnahme anregen, u. immer mit festeren Schritten fortzugehen. Ich würde es schneller können, wenn ich nicht einen großen Theil meiner Zeit dem bloßen Studiren, d. i. wirklichem Lernen widmete, der alsdann natürlich dem Ausarbeiten entzogen bleibt. Aber wenn man sich einmal, wie mein Zweck es unerläßlich erfordert, auf mehrere Sprachen ausbreiten muß, so ist es mir ein wahrer Gräuel dies nur so obenhin u. mit Durchlesen einer Grammatik und Blättern in einem Wörterbuch zu thun. Wie man aber gründlicher eingehen will, wächst auch der Zeitaufwand ins Unendliche. So angenehm die schön gedruckten Sanskritstellen in meiner Abhandlung schon beim ersten Anblick mich überrascht haben, so hat mir die Häufigkeit derselben ordentlich Gewissensbisse bei dem Gedanken erregt, daß Ew. Hochwohlgebornen Selbst sie gesetzt haben. Freilich aber wäre auch sonst nicht die ungemeine Correctheit zu erwarten gewesen. Ich habe durchaus keinen einzigen, noch so kleinen Druckfehler entdecken können. Denn ein anscheinendes anuswara, wo es nicht hingehört, in der Stelle Beisp. 5.[a] kann sehr füglich nur ein Fleck im Papier in meinem Exemplar seyn. |2*| Auch für diese Sorgfalt bin ich Ew. Hochwohlgebornen überaus verpflichtet, u. sehe mit einiger Beruhigung auf den Ueberrest der Abhandlung hin, da dieser glücklicherweise weniger Sanskritstellen enthält.

Ew. Hochwohlgebornen eigne Abhandlung hat mir das größeste Vergnügen gewährt. Es ist wirklich Ihnen ausschließlich eigen, tiefe Untersuchungen in ein so leichtes u. gefälliges Gewand zu hüllen; man kann nichts Anziehenderes lesen, als die Nachrichten, die Sie, nach Englischen Quellen über den Ursprung der bedeutendsten Indischen Flüsse mittheilen, u. die Untersuchungen über Java sind ebenso wichtig u. scharfsinnig geführt in sich, als reich an fruchtbaren Winken über die Behandlung ähnlicher Punkte in der Völkergeschichte. Auf die noch ausführlichere Prüfung der bisherigen Meinungen über Buddha bin ich ungemein begierig. Ritter ist in der Vorhalle wohl überhaupt nicht vorsichtig genug gewesen, u. mag es jetzt bereuen. Da ihm auch die Kenntniß des Alt-Indischen ganz abgeht, so ist eigentlich von ihm keine neue Entdeckung über diesen Punkt zu erwarten, so sehr er sonst die Wissenschaft wahrhaft erweitert hat. Auch mir ist der Gegensatz der Brahmanen u. Buddhisten nie vollkommen klar geworden, u. das Lesen der Ritterschen Schriften, da, wo sie diesen Gegensatz berühren, ist mir dadurch immer ordentlich peinlich gewesen. Ihr Geständniß S. 214.[b] hat mir daher wahre Erleichterung gewährt. Wie ich mir aber den Buddha vorstellen mag, so kann ich die Idee, die ich noch von ihm habe, immer nur mit der eines Reformators vereinigen, u. mithin ihn nicht als A Vor Brahmanisch setzen. Niemand ist aber über diesen Gegenstand in dem Grade Belehrung zu gewähren fähig, als Ew. Hochwohlgebornen. Denn gewiß verbindet niemand jetzt soviel wahrhaft kritisch-philosophischen Geist mit so großer alter u. neuer Belesenheit u. so gründlicher Sprachkenntniß. Es wäre daher |3*| doppelt zu wünschen, daß Sie, sobald Sie mit dem Bhagavad-Gita fertig seyn werden, an diese Arbeiten kommen möchten.

Ihre Anmerkungen zu meinem Aufsatz habe ich aufs neue, da mir die meisten aus Ihren Briefen bekannt waren, genau geprüft, die vielfältigste Belehrung daraus geschöpft, u. sie als wahre Berichtigungen des Textes anerkannt. Diese Bemerkungen u. die, zu welchen Sie noch Hoffnung machen, hervorgelockt, u. so viele einzelne wichtige Punkte über Indische Grammatik u. Kritik zur Sprache gebracht zu haben, wird das größte Verdienst meiner Arbeit bleiben. Sie erlauben mir über einige dieser Anmerkungen wohl aber noch ein Paar Worte.

Sollte in der Stelle, von der Ew. Hochwohlgebornen S. 447. reden, der Genitiv gerade ein Genit. commodi seyn müssen? Um so, wie Sie thun, zu erklären, braucht man nur das Substantiv im Activum zu nehmen. Das Sehen meiner oder mein Sehen kann ebensowohl heißen, daß ich sehe, als gesehen werde. In der von E. Hochwohlgebornen S. 447.b.[c] berichtigten Stelle ist ein ganz ähnlicher Fall. {rakśā}  {me} ist dort meine Rettung d. h. die von mir bewirkte. Eine Parallelstelle, u. in welcher die Pronominalform keine Zweideutigkeit zuläßt, ist Nalas IX. 8. In der Stelle Anm. S. 447. möchte ich Sie aber doch noch darauf aufmerksam machen, daß im Hitopadesa im frühern Theil der Erzählung wirklich der Stein den Löwen zu sehen wünscht. Dies spricht dafür anzunehmen, daß der Löwe gleichsam gezeigt wird. Warum ich aber auch die Pariser Lesart[d] für die richtigste halte, ist daß sie allein das participium geradezu auf das Substantivum bezieht. In der Serampore ist, wenn auch {ānīya} gar nicht da stünde, {saṃjīvaka}  {darśanaṃ}  |sic {kārita} eine höchst wunderbare Construction. Die von Ihnen S. 448. 449. 457. vorgeschlagenen Veränderungen der Lesart sind in die Augen fallend richtige Verbesserungen. Die Anmerkung S. 445.b. läßt mich noch einigermaßen zweifelhaft. Ew. Hochwohlgebornen Erklärung giebt offenbar einen sehr passenden Sinn. Allein ich weiß nicht, ob sie nothwendig ist, u. meiner, freilich sehr beschränkten Erfahrung nach, folgt, wo Worte, oder Gedanken ange-|4*|führt werden, immer {iti} nach. In der Stelle (Beisp. 21.[e]) läßt sich Wilkins Uebersetzung, die mir nicht erinnerlich war mit der von mir gegebnen sehr wohl vereinigen. Sie haben in die Ihrige eine Nuance gelegt, die mir sehr treffend geschienen hat. Sie erklären nemlich {parijñāya} nicht, wie ich that, so, daß die Kupplerin den Buhlen erkannt, erfahren habe, daß einer da sey u. wer, sondern daß sie erkannt habe, daß er Schuld an jener plötzlichen Umarmung des Ehemannes war. Nur setzt das voraus, daß die Kupplerin bei der Scene zugegen war, worauf sonst nichts in der Erzählung führt. Auf alle Fälle aber ist diese lückenhaft. Vergleicht man Alles, was Ew. Hochwohlgebornen so sehr richtig über die von mir angeführten Stellen bemerken, so sieht man, daß es eigentlich noch ein voreiliges Unternehmen ist, feinere Punkte der Syntaxis des Sanskrit aus den Schriftstellern entwickeln zu wollen. Dies setzt erst berichtigte Texte voraus, an denen es jetzt noch so gut, als gänzlich mangelt.

Bernstein hat in seiner Ausgabe des Hitopad. eine Stelle ohne Anmerkung gelassen, in der ich, bei der jetzigen Lesart durchaus keinen Ausweg weiß. Es ist S. 7. Z. 4. (Ed. Lond. S. 5. Z. 2.) {paṇḍitāḥ}  {śrūyantāṃ}  {mama}  {vacanaṃ}. Hamilton erklärt das Verbum als die 1.[f] plur. imperat. med. Aber da {śru} nach der 5. Conjug. hat <geht>, so kann es kein {ya} im medium haben. Es kann, soviel ich begreife, nur die angegebne Person im pass. seyn, u. dann paßt die Construction nicht. Man muß also wohl, trotz der Uebereinstimmung der Lond. u. Seramporer Ausgabe, {paṇḍitāḥ} für den Vocativ nehmen, {śrūyatāṃ} lesen u. {vacanaṃ} das bei Hamilton der 2. Casus seyn soll, als den ersten ansehen.

Ich will aber Ew. Hochwohlgebornen heute in der That nicht mit einem zweiten Bogen ermüden, sondern hier mit dem herzlichen Wunsche schließen, daß Sie mögen in vollkommner Gesundheit u. Heiterkeit Ihre so treflichen Arbeiten u. Studien fortsetzen können, u. nur die Bitte um die Fortdauer Ihres gütigen u. freundschaftlichen Wohlwollens hinzufügen. Mit der hochachtungsvollsten Ergebenheit
der Ihrige,
Humboldt

Fußnoten

    1. a |Editor| Auf S. 440.
    2. b |Editor| Leitzmann S. 149 korrigiert zu 414. Schlegel schreibt in der Indischen Bibliothek 1, Heft 4, S. 414: "Ich will es nur bei dieser Gelegenheit gestehen, es hat mir noch nie gelingen wollen, mir von der Lehre des Buddhas, von ihrem innern Zusammenhange, und ihrem Gegensatze mit dem Brahmanismus einen deutlichen Begriff zu machen."
    3. c |Editor| Die Seiten 445 bis 450 sind im vierten Heft des ersten Bandes der Indischen Bibliothek doppelt vorhanden. Die Seiten mit den ein zweites Mal verwendeten Seitenzahlen hat Humboldt durch ein hochgestelltes "b." markiert.
    4. d |Editor| Gemeint sind die Hitopadeśa-Manuskripte der Bibliothèque Royale.
    5. e |Editor| Auf Seite 445.
    6. f |Editor| Leitzmann S. 152: 3.