Wilhelm von Humboldt an Friedrich Gottlieb Welcker, 18.03.1812

|1|Wien, den 18. März, 1812.

Ich schreibe Ihnen schon wieder heute, liebster Freund, über Theodor, allein heute, um eine entscheidende Antwort mir von Ihnen zu erbitten, u. mit der Gesinnung, die Sie, wie ich mir schmeichle, da Sie mich u. unsre herzliche Anhänglichkeit an Ihnen kennen, nicht unrichtig beurtheilen werden. Wie Sie mir das letztemal schrieben, bleiben in der Hofnung einen Plan durch Ihre Güte für Theodor durchzusetzen, noch so große Ungewißheiten zurück, daß ich mir unmöglich eine irgend sichre Rechnung darauf machen konnte. Ich sah überdies, daß unsre Verlegenheit u. unsre vielleicht zu dringende Bitten nicht wenig zu Ihrem Entschluß beigetragen hatten, u. je mehr mich dies von Ihrer Freundschaft wähnte|?|, desto mehr nährte ich auch die Besorgniß, daß Liebe zu uns Sie aus Ihren Verhältnissen äußern, u. Sie zu einer, Ihnen doch am Ende nicht angenehmen Beschäftigung veranlassen könnte. In diesen Besorgnissen, denen ich aber doch nicht auf eine bestimmte Weise abzuhelfen wußte, schrieb ich einem vertrauten Freunde in Berlin, u. klagte ihm meine Noth. Der Zufall hat nun gewollt, daß ein Mann, auf den ich schon, zur Zeit, als ich nach Wien gieng, Absichten hatte, der aber damals meine Vorschläge ablehnte, sich jetzt von selbst dazu erbietet. Es ist ein Mann, auf dessen Fertigkeit, gute Gesinnung u. Einsicht ich Vertrauen haben kann, u. der hiermit noch das in diesem Fall Angenehme verbindet, daß er Officier gewesen ist, u. daß ihn Theodor ber auch bereits persönlich kennt. Auf diese Weise wäre ein Ausweg gefunden, und ich kann Ihnen, wenn Sie lieber an Ihre Anerbietungen nicht gebunden wären, oder wenn, da mir sehr viel an dem baldigen Anfang der Einrichtung liegen muß, Ihre äußere Lage sich noch nicht dem Plane gemäß entschieden hätte, Ihre Freiheit in Ihre Entschließung zu-|2|rückgeben. Unmöglich können Sie, liebster Freund, mich so misverstehen, daß, wenn man in der Zwischenzeit Ihren Anträgen zugesagt hätte, u. Sie indeß vielleicht noch bestimmtere Lust für die Sache gewonnen hätten, wir nicht noch lieber bei unserem alten Entschluß, der sich auf unser Vertrauen u. unsre Anhänglichkeit für Sie gründete, beharren würden. Sie haben daher jetzt die Entscheidung ganz in Ihrer Hand, u. alles, worum ich Sie dringend, u. sehr dringend bitten muß, ist nun, daß Sie mir mit umgehender Post eine bestimmte Antwort geben. Ich begreife indeß, daß es vielleicht nöthig ist, daß Sie selbst erst nach Darmstadt schreiben, um zu wissen, ob nicht vielleicht in der Suspension oder Auflösung Ihrer jetzigen Verhältnisse entscheidende u. Sie bindende Schritte geschehen sind, u. ich bin also auf den dadurch möglichen Verzug gefaßt. Giengen Sie aber das Verhältniß mit Th. ein, so bliebe es doch gewiß dabei, daß Sie ihn spätestens Anfang Mai hier abholen könnten? Ich bin sehr froh, liebster Freund, daß diese Sache jetzt eine so günstige Wendung nimmt. Ich sehe diese besonders darin, daß auf Ihren Entschluß nun nicht mehr unsre Verlegenheit einzuwirken braucht. Ich werde nicht mehr besorgen dürfen, daß Sie uns ein zu kostbares Opfer bringen, u. Sie werden, wenn Sie Sich noch für unsre Vorschläge entschließen, das neue Verhältniß mit mehr Muth u. Lust eingehen. Verzeihen Sie, daß ich Ihnen heute nicht mehr sage. Es ist heute Posttag. Ich lebe übrigens, wenn auch aus vielen Ursachen nicht in einer ausnehmend heitren, aber auf keine Weise unzufriednen Stimmung. Ich beschäftige mich vielmehr mit meinen Studien[a], als wie Sie hier waren, u. eile in einer interessanten Arbeit von Woche zu Woche bedeutend vor. Davon mehr ein andermal.

Leben Sie herzlich u. innigst wohl! Ihr
H.

Meine Frau wollte Ihnen heute schreiben, da aber doch manchmal Briefe verloren gehen, so halten wir es für sichrer, daß sie es nächsten Posttag thue, u. Ihnen so gewiß immer unsre Briefe zukommen.

Fußnoten

    1. a |Editor| Aus Briefen an Christoph Gottfried Körner (vom 3. Januar 1812), den Freiherrn vom Stein (ebenfalls vom 3. Januar 1812) und Johann Gottfried Schweighäuser (vom 26. Februar 1812) geht hervor, daß sich Humboldt Anfang 1812 mit einem (erst postum gedruckten) Beitrag zum Reisebericht seines Bruders, dem Essai sur les langues du nouveau Continent, beschäftigte. [FZ]