Wilhelm von Humboldt an Franz Bopp, 29.05.1829

|1*| Tausend Dank, theuerster Freund, für Ihren gütigen Brief und die interessanten Beilagen, die ihn begleiteten. Ihre Uebersetzung habe ich an einigen Stellen verglichen, an andern bloß gelesen. Auf beiderlei Weise hat sie mir ungemein gut gefallen. Es scheint mir darin gerade der rechte Ton getroffen; u. ich glaube, daß auch die bloß Deutschen Leser sie darum einer poetischen vorziehen werden, weil sie wirklich ein treues Bild des Originals giebt. Ich danke Ihnen sehr dafür, sehne mich aber auch sehr nach der Fortsetzung Ihrer Grammatik.[a]

Schlegel glaubte mit der Trennung des {n} eine große Entdeckung gemacht zu haben. Ich sprach ihm schon, als er hier war, dagegen. Er folgt darin indeß doch eigentlich nicht ganz inconsequent dem Princip da zu trennen, wo die EndConsonans nicht alterirt wird. Dann sind {tān} {api} u. {vanāt} {tasmāt} sich vollkommen gleich. Was haben Sie denn aber zur Vorrede des Ramayana gesagt? Schlegelischer giebt es nichts auf Erden.

Burnoufs zurückerfolgender Brief ist höchst interessant. Ich kenne zum Theil seine Arbeiten über das Zend. Sie sind sehr wichtig u. scheinen mir vortreflich gemacht. Daß er aber so vom ga Verstehen eines ganzen Textes spricht, wundert mich. Als ich ihn sahe, war er so weit noch nicht, sondern suchte nur mit Hülfe der du Perronschen[b] Uebersetzung einzelne Stellen auf. Was er über |2*| Sie sagt, hat mich ungemein gefreut, so wie das Project der Uebersetzung. Sie wissen, wie ich über Ihre Arbeiten denke, theurer Freund. Sobald ich meine Recension bekommen, schreibe ich Burnouf selbst.

Colebrooke’s Gramm. u. Amara Cosha erfolgen anbei zurück. Die Gramm. ist wirklich ungenießbar. Der Mann hat gar nicht die Kraft gehabt, eine von den Indischen Grammatikern unabhängige u. freie Ansicht zu gewinnen. Einzelne Bemerkungen zeigen aber doch von tiefem Blicke in die Sprache. Ist Ihnen {bhavatāt} in 3. u. 2. Person, was er benedictiv nennt, je vorgekommen? oder ist das nur den Vedas eigen?

Meine u. meiner Töchter Gesundheit geht gut. Wir hoffen, daß es bei Ihnen eben so ist, u. haben uns herzlich über die glückliche Entbindung gefreut. Ich arbeite nicht soviel, als ich wünschte, theils aus innern, theils aus äußern Ursachen, da Sie wohl gehört haben werden, daß ich ein Geschäft aufgetragen erhalten habe, das mich fast wöchentlich auf zwei Tage in die Stadt bringt.

Mit der herzlichsten Freundschaft der Ihrige
H.
Tegel den 29. Mai, 1829.

|3*–4* vacat|

Fußnoten

    1. a |Editor| Ist damit das deutsche Lehrgebäude von 1827 oder die lateinische Grammatik von 1829 gemeint?
    2. b |Editor| Lefmann 1897, 64: "der 1sten Persischen …".