Wilhelm von Humboldt an Franz Bopp, 12.06.1829

|1*| Meinen herzlichsten Dank, theurer Freund, für das überschickte Buch, das ich sehr bald Ihnen zurück senden werde.

Es freut mich sehr, wenn meine Bemerkungen einigen Werth für Sie haben. Die Sache mit dem {n} war mir ganz neu. Die Grammatiker ändern also in gewissen Wurzeln diesen Buchstaben, auch nach {pra} nicht in {ṇ} um. Das wußte ich nicht. Nun ist allerdings die Fassung von §. 109. der lat. Gramm. vollkommen genau. Allein ich hätte dies doch bei r. 94. b. gesagt. Haben wir schon genug Texte verglichen, sind die Texte in diesen orthographischen Kleinigkeiten schon so beglaubigt u. berichtigt, daß man sie dem Ausspruch der Grammatiker vorziehen, diese darüber ganz ignoriren kann? Ein Grund ist freilich nicht einzusehen, warum {nud} u. {nad} verschieden in diesem Stück seyn sollen. Allein in der Sprache ist so Vieles bloß Thatsache, daß ich darauf kein großes Gewicht legen möchte, u. die Autoritaet der Grammatiker läßt sich doch nicht weg raisonniren. Sie müssen sich doch auf etwas gestützt haben. Eine Bemerkung, daß der Gebrauch der Verwandlung nicht ganz allgemein sey, hätte mir doch um so nöthiger geschienen, da Sie bei {nṛt} selbst die Verwandlung bezweifeln. – Wollen Sie wirklich die Terminologie der st starken u. schwachen Endungen wirklich auch in das Verbum aufnehmen? Ich möchte es widerrathen. Die Terminologie scheint mir nicht nothwendig, u. ist kaum ohne einige Willkühr anzuwenden. Man bringt da so leicht Theorien in die geschichtliche Darstellung der Sprache, wo auch den Schein zu vermeiden gut ist. – Daß Schlegel Ihnen in anmaßendem Ton schreibt, ist höchst tadelnswürdig. Er ist aber hierin nicht zu bessern. –

Leben Sie herzlich wohl! Mit der hochachtungsvollsten Freundschaft
der Ihrige
H.
Tegel, den 12. Junius, 1829.[a]

|2*–3* vacat|
|4*| |Schreiber|
An
Herrn Professor Bopp.
Wohlgebohren
in
Berlin.

Fußnoten

    1. a |Editor| Lefmann liest "12. Junius 1829", Mattson "13. Junius 1829".