Wilhelm von Humboldt an Franz Bopp, 04.04.1831

|78|Ich muß Sie, theuerster Freund, recht sehr um Verzeihung bitten, Ihr gütiges Schreiben vom 16ten März erst so spät zu beantworten.[a] Ich wollte aber gern Ihre Recension mit rechter Muße und wiederholt lesen. Sie hat mir die größeste Freude verursacht, und ich habe daraus zuerst einen wahren Begriff von dem Zend geschöpft. Ich habe zugleich Ihren Scharfsinn aufs neue bewundert, einzelne Verschiedenheiten auf allgemeine Gesetze zurückzuführen, und die Gewandheit, jede grammatische Annalogie |sic| beider Sprachen herauszuerkennen. Aus allem, was Sie sagen, scheint mir doch hervor zu gehen, daß das Zend weit mehr als aus dem Sanskrit entsprungen anzusehen ist, wie das Griechische, welches sich eher als eine Schwestersprache darstellt. Sie haben gewiß schon Bohlens kleine Schrift über denselben Gegenstand empfangen, ich habe noch nicht Zeit gehabt sie zu lesen. Ich zweifle indeß, daß diese Art der Untersuchungen recht für ihn gemacht sind. Ich freue mich, Sie, liebster Freund, morgen über acht Tage hoffentlich in der Akademie zu sehen. Ich komme auf jeden Fall, da ich lesen muß.[b]

Leben Sie herzlich wohl.
Mit aufrichtiger Freundschaft
der Ihrige,
Humboldt.
Tegel, den 4ten April 1831.

N. S. Das Verzeichniß der Bücher erfolgt zurück. Ich habe für jetzt kein Bedürfniß sie zu kaufen.

Fußnoten

    1. a |Editor| Der Brief ist nicht erhalten.
    2. b |Editor| Sitzungsprotokoll der philosophisch-historischen Klasse (BBAW, Archiv, II-V, 143, 22) vom 12. April 1831: "Herr W. v. Humboldt las über den vollkommenen Zustand der Grammatik oder den ersten Theil einer Abhandlung über das Wesen der Grammatik und ihre Erscheinung in den Sprachen.".