Franz Bopp an Alexander von Humboldt, 29.10.1819

|52r| Hochwohlgeborener Herr Baron!

Ich eile Ihren mir höchst schätzbaren und erfreulichen Brief zu beantworten, in dem ich keinen Tag versäumt habe die nöthigen Erkundigungen darüber einzuziehen. 1) Ew Hochwohlgeboren verstehen unter dem grammatischen Zeichen ( {ṃ}) wahrscheinlich das sogenannte Anuswȧra, welches einen Nasal ausdrückt. In bengalischer Schrift, die von dem dėvanȧgari sehr wenig verschieden, wird das Anuswȧra mit dem erwähnten {ṃ} bezeichnet,[1] und steht dem Buchstaben, zu dem es gehört zur rechten Seite, als {aṃ} (am). Im dėvanȧgari steht d statt des kleinen Zirkels {ṃ} ein Punkt, der über den Buchstaben, wozu er gehört, gesetzt wird, z B {aṃ} (am). Der bengalische Charakter stimmt mehr mit dem der gefundenen Sanskrit Inschriften überein als der devanȧgari, und mag also in vieler Hinsicht die ältere Form der Buchstaben aufbewahren, während der Dėvanȧgari mehr verschönert ist. Es scheint demnach das Zeichen {ṃ} die ältere Form des Anuswara zu seyn. Hr Colebrooke scheinen die Zeichen {ṃ} und {ṃ} ursprünglich einerley zu seyn, |52v| denn es komme vorzüglich auf die Feder und die Art des Schreibens an, um zu vermeiden, daß der kleine Zirkel {ṃ} nicht zusammenfließe und ein Punkt daraus werde. – Das Anuswara drückt eigentlich (wie auch Colebrooke u. Wilkins bemerkten) nicht aus, daß etwas fehle, sondern es bezeichnet nach dem System der Indischen Grammatiken eine Modifikation des Vokals, und Sie finden es in Wilkins’s Grammatik unter den Vokalen. In der That bezeichnet das Anuswara einen Nasal; nämlich ein m oder eines von den 3 verschiedenen n, je nachdem es der folgende <Buchstabe> in Bezug auf Wohllaut erfodert |sic|. Man könnte also doch sagen, daß das Anusvȧra andeute, daß ein Nasal fehle oder daß es statt eines Nasals stehe, doch wollen Colebrooke und Wilkins diese Erklärung nicht annehmen. Ob das Null ( {ṃ}) von dem Anuswȧra, oder dieses von jenem herrühre, is oder ob es ganz zufällig sey, daß ein und dasselbe einfache Zeichen für beyderley Gebrauch eingeführt worden, ist fast unmöglich zu bestimmen; in beyderley Gebrauch ist das Zeichen {ṃ} so alt als die Urkunden reichen. – Colebrooke bemerkt in seinem Werke über Algebra, Arithmetik und measuration |sic| der Indier (p. 4 in den Noten) daß das Sùnya (Null, zero) durch einen kleinen Zirkel oder einen Punkt (dot) bezeichnet werde. – 2) Im Sanskrit das <heißt die> Null Sùnya, und dieses Wort bedeutet leer (void, empty). Auch soll mit Kha (Luft Null durch Kha, (welches nach Colebrooke’s |53r| Amara cosha vacuity, heaven, sky, bedeutet) und durch gleichbedeutende Wörter ausgedrückt werden können; doch ist Sūnya der gewöhnlichste Name. – Sehen Sie gefälligst in Colebrooke’s erwähntem Werke p. 19 n. 1 nach.

3) Daß die Zeichen {ṃ} und {ṃ} im wesentlichen wenig verschieden, habe ich bereits bemerkt, und daß die Indier die Null mit einem Zirkelchen und mit einem Punkte bezeichnen, steht in Colebrookes Werk p. 4. in den Noten. – 3)[c] Colebrooke und Wilkins kennen keine Spuren von einer andern Methode, d als die durch position[2]. – Die Indier haben eine gewisse bildliche Weise, Zahlen auszudrücken, nämlich durch die Namen von Gegenständen, wovon eine bestimmte Zahl bekannt ist. Z b Sūrya (Sonne) bedeutet 12, denn die Indische Mythologie nimmt 12 Sonnen an, nach den 12 Monaten.[d] Die beyden Aswinas (Castor und Pollux) drücken die Zahl 2 aus; Mănu (gewöhnlich Menu genannt) bedeutet 14, nach den 14 Menus der Mythologie etc. Surya mănu drückt das Jahr 1214 aus, wie mir Colebrooke sagte. Wenn dem so ist, so setzt wie Sie sehen und wie mir auch Colebrooke zugab, diese bildliche Methode die PositionsMethode voraus, denn 12 und 14, neben einander gesetzt, geben nach dem sinnreichen PositionsSystem die Zahl 1214.[3] 5) Colebrooke findet keine Spur in Indien von der Chinesischen Methode, die ihm gänzlich unbekannt war. |53v| Die Aehnlichkeit der Chinesischen Methode mit der Indischen ist wirklich recht auffallend, und Ihr memoire wird uns recht wichtige, äußerst interessante Aufschlüsse geben. – 6) Colebrooke findet ebenfalls in Indien nichts, was mit der Gobar-Methode Aehnlichkeit hätte.

In der Pariser Bibliothek ist ein Manuskript des Mahȧbhȧrata, auf gelbem Papier, wovon nur der erste Theil vorhanden. Diese Handschrift ist zwar größtentheils nach der gewöhnlichen Methode numerirt, allein eine bedeutende Anzahl von Seiten nach einer andern Methode, die ich sonst nirgends angetroffen habe[4], auch errinnern |sic| sich Wilkins und Colbrooke |sic| nicht, soviel ich I ihnen die Methode beschreiben konnte, etwas ähnliches gesehen zu haben. Ich habe die Abschrift jener Ziffern nicht hier und ich errinnere mich derselben nicht mehr genau. Chezy wird Ew Hochwohlgeborn jene Stelle in dem Manuskripte sehr leicht auffinden, und Sie werden dann selber vielleicht Einsicht davon nehmen. So viel ich mich errinnere geht jene Numeration ungefähr bis zur Zahl 30 und sie wird mehrmalen wiederholt, so daß es leicht ist die Bedeutung der Ziffer kennen zu lernen. |54r| Ich glaube, wenn ich mich recht erinnere, daß die <der> größte Theil der Ziffer Buchstaben sind, allein, so viel ich mich errinnere, sind darunter einige, die mit der Römischen Methode übereinstimmen, nämlich, daß Vors durch Vorsetzung einer kleineren Zahl vor eine Größere, diese Größere um den Werth der kleineren vermindert wird, wie IV und IX eigentlich V minus I und X minus I sind. – Es ist Ihnen wahrscheinlich bekannt daß in Analogie mit dem lateinischen undeviginti, undetriginta, undecentum etc im Sanskrit[5] 19, 29, 99 &c etc durch Vorsetzung von ùna[e] vor die Wörter, welche 20, 30, 40, 100 etc ausdrücken, die Zahlen 19, 29, 99 etc ausgedrückt werden können, als ūnavinsati 19, ūnatrinsat <ūnatrinzat> 29, ūnasata 99.[f] ūna scheint eigentlich weniger zu bedeuten, und steht in dieser Zusammensetzung für: um eins weniger; p. pantschonam satam (aus pantscha 5, mit ūna zusammengezogen) heißt ein um 5 vermindertes hundert.

Um nun über meine Angelegenheit ein Wort zu sagen, so nehme ich mir die Freyheit Ew Hochwohlgeborn zu benachrichtigen, daß ich nach Erscheinung meines Werkes an die Akademie zu München ein Supplik eingeschickt habe, |54v| worin ich um eine Anstellung anhielt, und, wo diese nicht meine schleunige Gegenwart erfodern |sic|, um Verlängerung meines hiesigen Aufenthaltes. Ich habe zu derselben Zeit an den Rath des Kronprinzen geschrieben und denselben mit meinem Gesuche, und mit dem großen Aufwande von 90 Pfund, den mir die Kosten meines Werkes zugezogen, bekannt gemacht; auch habe ich demselben einen Brief von Professor Haughton[g] in Hertford be überschickt, worin sich derselbe über mein Werk außerordentlich vortheilhaft ausgedrückt hat. Der Kronprinz, von dem Ganzen durch seinen Rath unterrichtete <unterrichtet>, ließ Schlichtegroll um sein Gutachten fragen, der in Verabredung mit Schelling als seine Meinung erklärte, daß ich jetzo aus England zurück berufen und als Professor der Oriental. Sprachen auf einer bayrischen Universität angestellt werden solle[h]. In diesem Sinne hat auch die Akademie berichtet an die Regierung Bericht abgestattet. S Der Kronprinz soll mich hierauf, wie mich sein Rath versichert, dem Minister des Inneren bestens empfohlen haben. – Ich habe selbst an den Kronprinzen geschrieben, und den Brief an meinen Vater geschickt, mit dem Auftrage denselben erst dann übergeben zu lassen, wenn der Kronprinz |55r| ein Exemplar meines Werkes erhalten, über dessen Ankunft ich noch immer keine Nachricht habe. – Eine Verlänger |sic| meines hiesigen Aufenthaltes könnte ich also blos durch die Empfehlung Ew Hochwohlgeboren erlangen, indem ich weiß welchen großen Werth der Kronprinz auf Ihr Gutachten setzt, und daß er selbst gerne meinen hiesigen Aufenthalt verlängern würde, wenn ihm vorgestellt wird daß ich auf diese Weise den Wissenschaften am meisten nützen können |sic| . Da aber jetzo vielleicht meine Sache schon entschieden, indem die Akademie vor ungefähr 4 Wochen über darüber Ihr |sic| Gutachten ausgestellt, so wage ich es jetzo kaum Ew Hochwohlgeb. zu bemühen, und muß die Sache ganz Ihrem Gutachten überlassen. Eine Empfehlung Ew Hochwohlgeb. würde in jedem Falle von größtem Nutzen seyn, in dem ich, wenn ich auch jetzo zurückberufen werde, dennoch in der Folge streben werde wieder hierher zurück zu kehren, denn ich glaube nicht, daß ich als Professor der Oriental. <Sp.> auf einer Bayr. Universität großen Nutzen stiften könne, und <sondern> daß ich mehr als Schriftsteller den Wissenschaften dienen müsse. Ich glaube daß ich in meiner Angelegenheit die Akademie etwas eigennützig verfahren hat, |55v| indem ich eine Unterstützung aus ihrer Kasse beziehe <bezog>, deren sie wahrscheinlich gerne entledigt seyn will.

Hr Colebrooke läßt Sie vielmals grüßen und hat mir Wilkins’s  Radicals für Sie gegeben, die ich Ihnen unverzüglich durch Treuttel u Würtz schicken werde.

Nehmen Sie, Herr Baron, die Versicherung meiner innigsten Verehrung und Dankbarkeit, und dem meinen herzlichsten Gruß, der ich
Ew Hochwohlgeboren
unterthänigst gehorsamster
F. Bopp.
37 Windsor Terrace
City Road
am 29ten Okt. 1819.


|Anhang|

|56r| Sanskrit. Zahlwörter in Vergleichung mit Griechischen, Lateinischen und Gothischen.

ėka 1 <(1.)> bildet durch das Comparativ Suffix tara ėkatara, einer von zweyen, dessen nom.[i] sing. masc. ist ėkataras oder ėkatarah, und stimmt mit dem Griechischen ἑκατερας überein.

dvi ist die absolute Form für 2, wovon außer dieser Grundform nur der P Dualis vorkommt, dessen nom. der 3 Geschlechter dvau, masc. und dve fem. und neut. Im Gothischen haben wir tvai, tvas, tva als masc. fem. und neut. Es ist eigentlich ein Plural. |56v| Denn im Gothischen haben blos die Zeitwört. einen Dualis. Das Lateinische duo scheint mir ein Dualis zu seyn, der übrigens nur noch von dem Worte ambo vorkommt. Duo entspricht der Griechischen Dualis Endung δυω.

Tri ist im Sanskrit die absolute Form für 3. Der Pluralis masc. ist trayas (oder trayah) welches dem Griech. und Lateinischen τρεῖς und tres entspricht. Daß für beyde ebenfalls tri der Name[6] sey erhellt aus tri-bus und tτρι=σι. Im Sanskrit heißt der Dativ tri=bhyas. |57r| Drey heißt im Gothischen thrins.

Chatur, wo das ch wie im Englischen auszusprechen ist, ist im Sanskrit die absolute Form für die Zahl 4. Der Plural. masc. ist chatvȧras, dem das Dorisch-Aeolische τετταρες sehr nahe. Das Indische ch wird im Griechischen τ, in τεσσαρες sowohl, als in πέντε, (5.) welches im Sanskrit Pancha lautet. Im Lateinischen entspricht qu dem Indischen ch von chatur und pancha, und so haben wir quatuor und quinque. Im Gothischen steht in beyden Fällen statt des Indischen ch ein f, und wir |57v| finden fidwor <vor>[j] oder fidur und fimf an der Stelle des Sanskritischen chatur und pancha. [7]

6 <Sansc.> Sschasch oder schaṭ. Goth. saihsἑξ-

7 Sansk. Saptan oder sapta; Goth. sibunἑπτα

8 Ascṭan, <aschtan> oder aschta oder aschtau Goth ahtauοκτω

9 navan oder nava Goth. niun εννέα

10 dasa, Got Dasan oder dasa, Goth. taihunδέκα

11 ėkȧdasa ἑνδεκα[8]

12 dvȧdasa δώδεκα Goth tvalib oder tvalif

20 vinsati[9]

21 ekȧvinsati[10]

|58r| Zehn heißt im Gothischen taihun, mit Veränderung von ai in e und mit Zusetzung eines dtehund – ist dieses <Wort> in den Zahlen 80, 90 und 100 enthalten, nämlich ahtautehund (80), niuntehund (90) taihuntehund (100). – Von tehund scheint das Deutsche hundert zu kommen. – In den geringeren Zahlen wird tiguns oder tigi den Grundzahlen angehängt, als, thrinstiguns, 30 oder thrinstigi 30, fitu fidvortiguns 40 &c Die Zahl 20 wird in der Grammatik von Hickes nicht gegeben. Jun Junius leitet die Sylbe tig, sowie auch taihun, von dem Griechischen δεκα ab. Dem Sanskritischen dasa |58v| sind sie wenigstens ebenso nahe. – 1000 heißt im Gothischen thusand im Angelsächsischen dusend, welches letztere mit dem Deutschen Worte Duzent genau zusammentrifft. In dem Worte Duzentdu=zent – ist, wie ich glaube die Zahl 2 enthalten – gleichsam duodecim. – Koti bedeutet im Sanskrit zehn Million.

Die Nummer des Mahabhȧrata auf gebem[k] Papier ist 178


Bopp[l]
|59r/v vacat|

Fußnoten

  1. 1 |AvH| zero grecs ont pris l’initiale ο δ’ ουδεν[a] Delambre Journ. des Scavans 1817 p 539.[b]
  2. 2 |AvH| position dans la langue
  3. 3 |AvH| wahrscheinlich setzt man dann 1412 (Manu Surya)
  4. 4 |AvH| numeration particuliere
  5. 5 |AvH| minoration latine dans la langue Sanscr
  6. 6 |AvH| racine
  7. 7 |AvH| im Ganzen sans. Zahlen den Gothischen naher als den Griechischen
  8. 8 |AvH| 100 sata
    1000 sahasra
  9. 9 |AvH| vielleicht steht dvinsati (hat vielleicht tviginti)
  10. 10 |AvH| Bopp 1820

  1. a |Editor| ου als Ligatur
  2. b |Editor| In der von Alexander von Humboldt zitierten Stelle, die sich allerdings auf Seite 543 des Journal des Savants von 1817 befindet, steht: "les Grecs en ont pris la lettre initiale O [οὐδέν]". [FZ]
  3. c |Editor| Soll wohl "4)" heißen.
  4. d |Editor| Absatzmarkierung, vermutlich von AvH
  5. e |Editor| Darüber in der Schrift AvHs: ùna
  6. f |Editor| Darüber in der Schrift AvHs: sata = 100.
  7. g |Editor| Sir Graves Chamney Haughton, britischer Indologe (1788–1849).
  8. h |Editor| Bopp sollte nach den Wünschen des bayerischen Kultusministeriums eine Professur an der Universität Würzburg erhalten, doch hat sich die Fakultät dagegen ausgesprochen, da man das Sanskritstudium für "einen Luxusartikel erklärte" (Allgemeine Deutsche Biographie 3, Leipzig: v. Carlowitz 1876, S. 145). [FZ]
  9. i |Editor| Von AvH ergänzt zu: nom<inat>.
  10. j |Editor| Von anderer Handschrift eingefügt: fidvor
  11. k |Editor| <gelbem> Das "l" ist mit Bleistift eingefügt.
  12. l |Editor| Unterschrift in Bleistift