Christian Lassen an Wilhelm von Humboldt, 16.02.1829

|116r|Bonn den 16ten Februar 1829.

Meine Danksagung für das schöne Geschenk, welches ich dem gütigen Wohlwollen Ewr. Excellenz verdanke, würde ich schon früher die Ehre gehabt haben, Ihnen abzustatten, wenn ich es nicht für meine Pflicht gehalten hätte, die bisher gedruckten Indischen Grammatiker noch einmahl durchzusehen, um Ihre Nachfrage über das Weda-Tempus, Let genannt, genügender beantworten zu können; zuerst sey es mir aber erlaubt, Ihnen meine aufrichtige Freude darüber zu bezeugen, daß Sie sich veranlasst gefunden haben, sich über die richtige Methode der Sprachvergleichung zu erklären. Eine so klare Auseinandersetzung so einleuchtender Grundsätze, von der Autorität Ihres Nahmens begleitet, wird gewiß nicht auf einen unfruchtbaren Boden fallen; sie thut grade vorzüglich den Englischen Orientalisten Noth, die bis jetzt noch gar nicht aus dem Etymologischen Blindekuh Spielen herauskommen konnten. Zwar Klaproth werden Sie nicht dadurch reformiren; er hat aber besondre Gründe, grade bei seiner Methode zu bleiben.

Ich habe dem Herrn von Schlegel das für ihn bestimmte Exemplar eingehändigt und bin beauftragt, Ihnen vorläufig seinen verbindlichsten Dank dafür abzustatten; er wird bei der Uebersendung des Ersten Bandes seines Ramayana und des Ersten Heftes unserer gemeinschaftlichen Ausgabe des Hitopadesa selbst die Ehre haben, Ewr. Excellenz ausführlich darüber zu schreiben.

Ich will jetzt die Angaben des Panini über das Tempus {leṭ} (diese Bezeichnung giebt Colebrooke in seiner Grammatik selbst an, p. 132. ausserdem Carey p. 133) hersetzen; obwohl es daraus |116v| hervorgehen wird, daß keine Reduplication dabei stattfindet und das Tempus daher nicht das Gebiet Ihrer Abhandlung berührt, so wird es doch vielleicht nicht uninteressant seyn, die darüber vorhandenen Angaben beisammen zu haben; ich gestehe, daß mir mir vieles darin dunkel ist und ich möchte gern Ihre Meinung darüber haben, ob die Indischen Grammatiker Recht haben, so verschiedenartige Formen unter dieselbe Benennung zu bringen.

Die Angaben nebst den Beispielen sind folgende: (Panini p. 212. p. 332. p. 352. p. 998. ed. Calcutt.[a] Siddhânta-Kaumudî p. 443.) <433.)>[b]

1.) {leṭo} {’} {ḍātai} d.h. bei dem Tempus Let ist das a vor den Personal-Bezeichnungen {t}, {s} u.s.w. entweder kurz oder lang; aus dem folgenden scheint hervorzugehen, daß dieses auf das Parasmaipadam zu beschränken sey. Die Beispiele sind: {joṣiṣat} {tāriṣat} {mandiṣat} {patāti} {vidyut} {udadhiṃ} {vyāvapāti}

2.) {āta} {ai} d.h. aus â wird . Diese Regel wird auf die 2te und 3te Person des Dualis Atmanêpad. beschränkt: Beispiele: {maṃtrayaite} {maṃtrayaithe} {karavaite} {karavaithe}

3.) {vaito} {’} {nyatra} in den andern Personen ist es freigelassen, ê oder zu setzen. Beispiele: {ahameva} {paśunāmīśai} (möge ich die Thiere beherrschen) {saptāhāni} {śāyai} {gṛhyāntai} {pātrārāyucyāntai}

4.) {itaśva} {lopaḥ} {parasmaipadeṣu} das {i} wird ausgelassen <kann ausgelassen werden> im Parasmaipadam. Hier werden die Beispiele zu no 1 wiederhohlt.

5. {sa} {uttamasya} d.h. das {s} der 1sten Person kann ausgelassen werden. {karavāvaḥ} oder {karavāva} {karavāmaḥ} oder {karavāma}

6. {sibbahulaṃ} {leṭi} diese Regel verstehe ich nicht; Sip ist die Bezeichnung des {si} der 2ten Pers. Singul. also: Sip ist häufig im Let; aber die Beispiele, die ganz dieselben wie bei no 1 sind, gehören der 3ten Person an und es muß das {s} gemeint seyn, welches in den Formen |117r|  {pāriṣat} etc. <etc.> vorkommt; denn {patāti} steht als Beispiel für das Nichtvorkommen des Sip. Unter den Beispielen steht noch {sāviṣat}

7.) {liṅarthe} {leṭ} Let steht in der Bedeutung des Optativs oder Precativs.

Beispiele: {netā} {neṣat} {kavayasta*ikṣapat} (sic) < {yat} > {patāti} {vidyut}

8.) {upasaṃvādāśaṃkayośca} es steht in der Bedeutung des Befürchtens und Upasamvâda; das letztere Wort wage ich nicht zu bestimmen. Beispiele von Upasamvâda: {ahameva} {paśūnāmīśai} {madagnā} {eva} {vo} {gṛhā} {gṛhyāntai} von Âsankâ: {nej} {jihmāyanto} {narakaṃ} {patāma}

9.) {ghorlopo} {leṭi} {va} Bei den Wurzeln, die mit {ghu} bezeichnet werden, ist die Elision (lôpa) freigelassen (); die Elision, wovon hier die Rede ist, ist die des â, wovon schon bei No 1 gesprochen worden. Beispiel: {dadāt} od. {dadat}

Weiter finde ich keine Angabe bei Panini; in den Siddhânta-Kanmudî, wo die sehr durch einander geworfenen Sutra's des Panini nach ihrem Gehalte zusammengestellt sind, findet sich ausser den angeführten Stellen des Panini keine angeführt; so daß ich glauben darf, daß mir keine entgangen sey.

Es scheint mir klar, daß in den angeführten Sutra’s Formen zusammengestellt sind, die in der Bedeutung verwandt seyn mögen, aber in Beziehung auf ihre Bildung genau aus einander gehalten werden müsssen. die Formen {neṣat} {sāviṣat} {tāriṣat} etc. sind von den Wurzeln {nī}, {sū}, {tṝ}, durch Guna oder Vriddhi, durch Einschiebung eines mit einem Bindevocal {i} oder unmittelbar mit dem Thema verbundenen {s} und durch die Endungen des Imperfectums oder Aorists gebildet und zwar ohne Augment. {dadāt} und {dadat} sind Formen des Imperfectums mit Weglassung des Augments und im zweiten Beispiele mit Verkürzung des Wurzelvocals. So werden auch {dadhāt} und {dadhat} angeführt.

|117v| Die übrigen Beispiele haben die Endungen des Präsens und aus den vorliegenden Formen möchte ich zu vermuthen wagen, daß das vollständige Schema folgendes sey:

{patāmi} {patāvaḥ} od. {va} {patāmaḥ} od. {ma} {patai} {patāvahai} {patāmahai}
{patāsi} {patāthaḥ} {patātha} {patāsai} {pataithe} {patādhvai}
{patāti} {patātaḥ} {patānti} {patātai} {pataite} {patāntai}

Wenn meine Vermuthung gegründet wäre, so wäre das Tempus Let nicht ohne Interesse für die Vergleichung des Sanskrits mit dem Griechischen; dem Indischen {ā} entspricht im Griechischen bald ω ( {āśu} = ὠκὺς) bald η ( {svādu} = ἡδὺς) und es würde sich das Let zum Präsens verhalten, wie im Griechischen der Conjunctiv zum Indicativ.

Doch ich muß schon befürchten, Ew. Excellenz zu lange mit einem Gegenstande aufgehalten zu haben, der kein gegenwärtiges Interesse für Sie haben <hat>. Von Formen aus den Wedas mit Reduplication und die zugleich keine Frequentative sind, finde ich in meinen Auszügen aus der Siddhanta-Kaumudî nur das einzige {yuyodhi}, das Beispiel lautet vollständig {yuyodhi} {jatāvedaḥ}, diesem von {yu} gebildeten Imperativ entspricht {rārandhi} von {ram} Panini p. 839. {dhi} steht in den Wedas für das spätere {hi} der 2ten Person Imperat. Worauf mag sich denn Colebrooke’s Angabe gründen? – er gehört zu den Leuten, die sich selten irren.

Erlauben Sie mir, mich zu unterzeichnen,
Ew. Excellenz
ehrerbietigster und verbundenster
Chr. Lassen.

Fußnoten

    1. a |Editor| Bei dieser Panini-Ausgabe kann es sich eigentlich nur um Henry Thomas Colebrooke, The Grammatical Sootras or aphorisms of Pánini with selections from various Commentators (Calcutta 1809) handeln, die erste Ausgabe dieses Werkes; s. Friedrich Adelung, Bibliotheca sanscrita. Literatur der Sanskritsprache (St. Petersburg: Karl Kray 1837), S. 35.
    2. b |Editor| Bei diesem Werk kann es sich um den bei Adelung S. 35 genannten "Sidhanta Kaumudi: a Sanscrit Grammar. Calcutta 1812." handeln.