Friedrich August Rosen an Wilhelm von Humboldt, 21.03.1830

|1| Ew. Exzellenz

nehme ich mir die Freiheit, mit einer sich durch Herrn A. Mendelssohn’s Rückreise darbietenden Gelegenheit, ein Exemplar von einem neuen Werke Marsden’s zu übersenden, von welchem ich hoffen darf, daß es für Sie von einigem Interesse seyn wird, da es die Sitten und zum Theil die Geschichte eines Volkes berührt, auf dessen Sprache Sie eben jetzt Ihre Aufmerksamkeit vorzugsweise gerichtet haben. Es ist hier so eben auf Kosten der Oriental Translation Committee gedruckt worden.[a]Herr Marsden war lange Zeit von hier abwesend; ich habe erst kürzlich Gelegenheit gehabt, ihn wegen der Aussprache des Wortes Malayu zu befragen. Er sagt, daß das y entschieden als Consonant, wie in dem Englischen Worte you auszusprechen sei, und durchaus nicht mit dem vorhergehenden a einen Diphthongen bilde; die beiden Sylben la und yu seien ursprünglich von gleicher |2| Länge, doch pflege die Sylbe la bei der Aussprache etwas mehr hervorzutönen. –

Von Wilson’s Wörterbuche ist diesen Augenblick kein Exemplar aufzufinden: ich werde aber gewiß das erste, von dem ich Kunde erhalte, für Herrn Professor von Bohlen kaufen. Vielleicht würde das kleine Bengalische Wörterbuch,[b] von welchem ich ebenfalls ein Exemplar beilege, in der Zwischenzeit den Mangel einigermaßen ersetzen können. Ich selbst habe mich desselben bedient, bis ich so glücklich war, Wilson’s Wörterbuche selbst zu erhalten. Dürfte ich Ew. Excellenz wohl bitten, dasselbe nach Königsberg schicken zu wollen? Auf einem anderen Wege, fürchtete ich, würde es wohl erst gar zu spät in H. von Bohlen’s Hände gelangen.

Sir Alexander Johnston, der mir wiederholt die angelegentlichsten Empfehlungen an Ew. Excellenz aufträgt, hat versprochen, wegen des Madagacassischen Wörterbuchs[c] die gewünschten Erkundigungen einzuziehn.

Daß ich die angefangene Abschrift der Siamesischen Grammatik schon so früh und auf so lange Zeit unterbrochen |3| habe, beschämt mich sehr. Nach einen grade damals gefassten Beschlusse der Asiatischen Gesellschaft werden aber jetzt durchaus keine Bücher von dort mehr ausgeliehen, und leider war meine Zeit zu beschränkt, als daß ich, bis jetzt, die Abschrift in dem Hause der Gesellschaft selbst hätte fortsetzen können. So bald es irgend angeht, werde ich aber eilen, mein Versprechen zu erfüllen.

Nach langem vergeblichen Bemühen bin ich endlich so weit gelangt, in das Verständniß einiger Hymnen aus dem Rig Veda eingedrungen zu seyn: ich bin im Begriff eine Probe derselben, mit dem Versuch einer Lateinischen Uebersetzung begleitet, bekannt zu machen, damit auch andere mit mir versuchen mögen, die neuen Räthsel zu lösen, die hier der Sprachforschung entgegentreten. –

Mit der innigsten Ehrerbietung und Dankbarkeit empfehle ich mich der Fortdauer Ihres gütigen Wohlwollens, als
Ew. Excellenz
gehorsamster Diener
F. Rosen.
London, den 21sten März. 1830.

Fußnoten

    1. a |Editor| s. Christa Schwarz (Hrsg.), Ex Libris a Guilelmo L.B. de Humboldt Legatis. Das Legat Wilhelm von Humboldts an die Königliche Bibliothek in Berlin (Paderborn: Schöningh 1993) S. 66 Nr. 487.
    2. b |Editor| Gemeint ist wohl Yates 1820; s. Schwarz 1993, S. 36 Nr. 241.
    3. c |Editor| Gemeint ist hier wohl das von Rev. John Jeffreys während seiner Zeit als Missionar in Madagaskar angelegte Wörterbuch [Manuskript], um das sich Sir Alexander Johnston bei Jeffreys Witwe Keturah Metcalfe bemühte. Siehe hierzu den Brief Metcalfes an Johnston vom 10.08.1830 und den Brief Johnstons an Wilhelm von Humboldt vom 08.10.1830.