Wilhelm von Humboldt an Barthold Georg Niebuhr, 08.07.1820

|1*|Tegel, bei Berlin, den 8. Julius, 1820.

Ich nehme mir die Freiheit, verehrungswürdigster Freund, mich an Sie mit einer literarischen Bitte zu wenden. Es befindet sich in der Bibliothek des Collegii Romani eine 1684. in Mexico herausgekommene Grammatik des P. Gabriel di S. Bonaventura der Maya, oder Yucatanischen Sprache. Ich wünschte von dieser eine vollständige Abschrift zu erhalten, da die Sprache merkwürdig, u. ein handschriftlicher Auszug aus dieser Grammatik vom seligen Hervas den ich besitze, höchst verwirrt u. ungenügend ist. Doch wünschte ich nicht mehr an die Kosten des Abschreibens zu wenden, als 20 bis höchstens 25. Scudi. Die Genauigkeit der Abschrift ist natürlich eine Hauptbedingung, doch würde ich für diese nicht so sehr besorgt seyn. Meine Erfahrung bei vielen solchen Abschriften, die ich habe, hat mir bewiesen, daß die Abschreiber bei Wörtern, mit denen sie gar keinen Sinn verbinden, viel weniger, u. wirklich selten Fehler machen. Nur müßte dem Abschreiber empfohlen werden, die Accente, u. die Zeichen, durch welche einige der Sprache eigenthümliche Laute unterschieden seyn werden, genau zu beachten. Oft ist diesen Grammatiken ein Vocabularium, oder ein Catechismus in der fremden Sprache, oder beides beigefügt. Ich wünschte, wenn dies hier der Fall wäre, natürlich auch davon, u. mit Einem Wort vom Ganzen Abschrift. Wäre, wie mir jedoch nicht wahrscheinlich ist, das Buch so weitläuftig, daß Sie keinen Abschreiber, oder keinen für den angegebenen Preis finden könnten, dann würde ich Sie bitten, mir nur fürs Erste ein vollständiges Verzeichniß der Kapitel der Grammatik mit Angabe der Seitenzahl zu übermachen, damit ich eine Auswahl treffen könnte. Je früher ich die Abschrift erhielte, je lieber wäre es mir allerdings, wenn sie indeß nur im Laufe des Winters in Berlin seyn kann, genügt es mir schon. Zur Uebersendung müßte man natürlich eine |2*| Gelegenheit abwarten. Fände sich diese nicht für Berlin, aber für Wien, so bitte ich Sie, das Packet an unsere dortige Gesandtschaft zu richten. Sollten Ihnen bei Ihrer ausgebreiteten u. genauen Kenntniß der Römischen Bibliotheken andere Hülfsmittel zur Kenntniß Amerikanischer Sprachen aufstoßen, Grammatiken, Vocabularia, oder geistliche Bücher, so würde ich Sie sehr um die Anzeige derselben bitten, jedoch vorläufig bloß um die Anzeige, da ich Vieles in dieser Art, u. Einiges aus Rom selbst von meinem ehemaligen Aufenthalte her besitze.

Sie werden Sich vielleicht wundern, theuerster Freund, daß ich mich mit diesem anscheinend wenig Freude u. Dank gewährendem Studium beschäftige. Allein es ist seit mehr als 20. Jahren eine meiner Lieblingsideen gewesen, dem vergleichenden Sprachstudium, das bisher auf eine höchst oberflächliche, unphilosophische u. verkehrte Art behandelt worden ist, eine bessere Gestalt zu geben, u. um dies an einem Beispiel selbst zu versuchen, hatte ich schon bei meinem Aufenthalte in Wien Untersuchungen über die Americanischen Sprachen angefangen. Mit dem Anfang dieses Jahres habe ich sie von neuem vorgenommen, u. hoffe in einigen Jahren etwas so Vollständiges darüber zu liefern, als die Sache erlaubt. Für die Kenntniß der Sprache u. ihres Baues a posteriori (da die allgemeinen Sprachlehren a priori verfahren, u. es zum Theil auch müssen) für die Erforschung der Abstammung der Nationen, endlich für die Beurtheilung des Einflusses von Sprachen in jeder Rücksicht auf die Völker, welche sie sprechen, halte ich dies Studium, aus den gehörigen Gesichtspunkten u. im gehörigen Umfang unternommen, für sehr wichtig, vorzüglich wenn man den Uebergang des rohen Zustandes der Sprachen in den gebildeten, u. die verschiedenen Charaktere der gebildeten Sprachen selbst genau untersucht, u. auf diese Weise die Forschung vom Ursprung, so weit man ihm nachgehen kann, bis zur Vollendung der Sprache fortsetzt.

|3*| Indeß bleibt es immer problematisch, ob man auch so zu wahrhaft wichtigen Resultaten gelangen kann, u. weiter kommt, als über einen Theil; oder das Ganze des Studiums in systematischem Zusammenhange dasjenige darzustellen, was sich nun mit Sicherheit auffinden läßt. Daher weihe ich denn freilich diesen Beschäftigungen nur einen Theil meiner Zeit, u. lebe den übrigen in griechischer u. Römischer Literatur. Ich thue dies um so mehr, da ich nichts Trostloseres kenne, als das Verbreiten auf viele, u. zum Theil rohe Sprachen, wenn es nicht von recht genauer u. tiefer Kenntniß der classischen, die immer das Vollendetste bleiben, was der Sp|rachb|au[a] aufzuweisen hat, begleitet ist. In diesem Felde verfolge ich den |sic| vor Allem das Geschichtliche, u. zwar nicht gerade nur der Sprache, sondern der Nation selbst. Für die Bearbeitung der Griechischen Geschichte sind wirklich bis jetzt nur, u. noch immer viel zu wenig Materialien gesammelt, bei der Behandlung des Ganzen ist fast keiner von den richtigen Gesichtspunkten ausgegangen. Doch ist dies ein Studium, in dem man Jahre lang mit Freiheit des Geistes, u. voller Muße gesessen haben muß, um wagen zu wollen, selbst nur mit Etwas hervorzutreten.

Es hat mich sehr gefreut, zu hören, daß endlich die Instructionen für Sie abgegangen sind. Ich denke mir oft, u. immer mit herzlicher Freude u. Sehnsucht, daß Sie, nach vollendeter Unterhandlung, gern hierher zurückkehren werden, und ich kann mir nicht denken, daß sich die angemessene u. auch Ihnen genügende Stellung dazu nicht hier finden sollte. Mit dem wärmsten Antheil habe ich gehört, daß es mit der Gesundheit Ihrer Frau Gemahlin jetzt besser geht, u. Ihre Besorgnisse zerstreut sind. Meine Frau ist in Töplitz. Es ist noch lange nicht mit ihr, wie wir wünschten, allein ihr Zustand ist doch viel beruhigender, u. selbst viel leidlicher, als unmittelbar nach der Zurückkunft aus Italien.

Ich lebe seit Anfangs Mais heiter u. glücklich hier mit Hedemann u. meiner Tochter, die Sie u. die Ihrigen herzlich grüßen. In einigen Tagen gehe ich nach Schlesien, u. dann auf die Güter meiner Frau, im Winter kehre ich nach |4*| Berlin zurück. An eine Reise zu Ihnen habe ich wohl seit Anfang dieses Jahres gedacht. Allein mehrere häusliche Hindernisse abgerechnet, hätte es mir sonderbar geschienen, mich gleich aus dem Lande zu entfernen, u. nicht vielmehr mit eben dem Antheil, mit dem ich ihm bisher diente, nunmehr ruhig als Privatmann darin fortzuleben.

Leben Sie herzlich wohl, erhalten Sie mir Ihre gütigen u. wohlwollenden Gesinnungen, u. seyn Sie meiner hochachtungsvollsten u. unveränderlichen Freundschaft gewiß.
Humboldt

Fußnoten

    1. a |Editor| Ergänzt. Teilweiser Buchstabenverlust durch Papierschaden.