Wilhelm von Humboldt an August Wilhelm Schlegel, 16.11.1793

Burg Oerner, 16 Nov. 1793.

|1| Ihr zweiter Brief, theurer Schlegel, hat mir eine herzliche Freude gemacht, und ich antworte mit desto leichterem Herzen darauf, als die nächste Veranlassung, die er betraf, wenn gleich ohne alles mein Verdienst, eine so glückliche Wendung genommen hat. Ihre Freundinn genießt ihre Freiheit wieder, und auf eine Art, die ihr zugleich die ehrenvollste ist. Gerne hätte auch ich dazu mitgewirkt. Aber am Maynzischen Hofe war schlechterdings nichts fürs Erste zu thun, und der Weg, den der Bruder eingeschlagen hat, schien, ob er gleich am Ende geglückt ist, (da alle Gefangene allein vom Kurfürsten abhiengen) so wenig zu versprechen, daß man ohne genaue Localkenntnisse ihn kaum zu versuchen wagen konnte.

Ich selbst habe nie das Glück gehabt, Me. Böhmer selbst zu sehen, so sehr ich es auch nach allem, was ich durch Sie, die Forster, und andere von ihr hörte, gewünscht hätte. Aber die drei Briefe, die ich bei dieser Gelegenheit von ihr erhalten habe, können mir gewissermaaßen statt einer Bekanntschaft dienen. Gerade der hohe Geist, den Sie so schön schildern, drückt sich in ihnen, vorzüglich in dem ersten (da die aus dem <durch das> ungewisse |2| Schicksal eines Briefs nach einer Festung veranlaßte Kälte meiner Antwort, die mich gewiß nicht hinderte, mit aller Wärme thätig zu seyn, sie zurückhaltend und vielleicht gar misstrauisch gemacht hatte) auf eine äußerst charakteristische Art aus.

Ueberaus treffend ist alles, was Sie, liebster Freund, über die Schilderung des Schönsten und Höchsten sagen. Die innigste Ehrfurcht dafür führt unstreitig dahin, dieselbe nie zu versuchen. Die Mittel des Ausdrucks sind und bleiben ewig zu schwach, und reichten sie auch hin, jedes Einzelne richtig und wahr darzustellen, so vermögen sie nie ein lebendiges Bild des Ganzen zu geben. Und doch ist es gerade diese Einheit alles einzeln Schönen und Großen, welche den Stempel der wahren GeistesErhabenheit aufdrückt, und vor allem ist sie dieß in den weiblichen Charakteren, da sie den männlichen fast immer und in unserm Zeitalter und bei unserer Erziehung im Grunde immer, ohne Einschränkung, fehlt. Der Grund, auf dem diese Einheit beruht liegt gewiß unendlich tief, und verbirgt sich dem Blick auch des glücklichen Spähers. Sehr viel liegt unstreitig in der größeren Reizbarkeit und der anhaltenderen Beschäftigung der sinnlichen Kräfte. Denn sowie der Begriff vereinzelt, und die Sic <Anschauung> verbindet, so |3| auch die Kräfte, welche beide hervorbringen. Diese Einheit findet sich z. B. in allen Völkern, die erst auf den früheren Stufen der Kultur stehen, und bei denen die ästhetische Bildung die überwiegende ist. Sie errathen leicht, daß ich hier vorzüglich an die Griechen denke. Dieß könnte man die Einheit der Phantasie nennen; vor der aber noch eine andere minder edle bei den Völkern vorhergeht, deren sinnlicher Genuß noch bloß im körperlichen Gefühle nicht in der ästhetischen Anschauung besteht, und die nicht unrichtig Einheit der Sinnlichkeit (Rohheit) genannt würde. Von der Sinnlichkeit und der Phantasie geht die Bildung zum Verstande über. Der Verst Die Ausbildung des Verstandes aber befördert die Einheit des Charakters niemals, wenigstens nicht unmittelbar, und daher sind alle Nationen, wo diese überwiegend ist, einseitig, trocken und kalt. Ein Beispiel ist unser Zeitalter. Die Vernunft, um stufenweis zu den höchsten Kräften überzugehen führt wiederum Einheit mit sich, da ihr Geschäft nach Aristoteles, wie nach Kant, recht eigentlich das ἕν ποιεῖν ist. Aber die Vernunft (die speculative) nemlich hat das Eigne, daß ihre Bildung, vorzüglich die, die auf den Charakter Einfluß hat, vor der des Verstandes vorausgeht. Denn da der Verstand zeigt, daß sie nur regulative nicht konstitutive Principien an die Hand geben kann, so sinkt damit in unsern Augen ihr Werth. Daher ist Einheit der |4| Phantasie in spekulativen Köpfen immer mit Einheit der Vernunft verbunden. Ein Beispiel sei Plato. Soll nun nach der Ausbildung des Verstandes noch Einheit erreicht werden, so muß man sich an die praktische Vernunft wenden. Die praktische Vernunft nemlich macht die Erhöhung aller Kräfte in gleichem Maaße zur moralischen d. i. zur kategorisch-gebotenen Angelegenheit, und so schreibt sie die Einheit als Zweck vor. Allein sie allein kann diesen Zweck, da sie nicht theoretisch entscheiden kann, wie der Zweck zu erreichen sey? nicht erfüllen. An wen soll sie sich also wenden? An eine einzelne Seelenkraft? Jede entschiede für sich. Sie wendet sich also an die Reflexion, d. i. sie*** an die gemeinschaftliche und freie Berathschlagung aller Kräfte, und so ist die höchste Einheit – die aber noch keine Nation, kein Zeitalter, vielleicht kein Individuum erreicht hat – Einheit der Reflexion.

Verzeihen Sie, lieber Freund, diese philosophische Rhapsodie, oder besser diese rhapsodische Philosophie, die Ihnen, so kurz hingeworfen, kaum meine Idee deutlich machen kann. Aber das Interesse, das allen Untersuchungen der Art für mich haben, riss mich hin. – Lassen Sie, liebster Schlegel, unsern Briefwechsel nicht mit seiner traurigen Veranlassung aufhören, darum bitte ich Sie herzlich

und leben Sie recht wohl indeß! Adieu!
Ihr
Humboldt.

Meine Adresse ist, wo ich wäre, sicher Erfurt bei Hr. Praesidenten v. Dacherroeden oder Berlin, auf der Jägerbrücke im Humboldtschen Hause.