Wilhelm von Humboldt an Christian Karl Josias Bunsen, 16.04.1829

|1*| Ew. Hochwohlgeboren gütiges Schreiben vom 7. Februar, c. würde ich längst beantwortet haben, wenn mich nicht seit dem Empfangen desselben die traurigsten Ereignisse betroffen hätten, von denen Ihr <Sie> gewiß schon die Nachricht empfangen haben. Ich vermag Ihnen nicht zu beschreiben, wie mich dieser Verlust ergriffen hat. Es ist aber eigentlich ein unrichtiger Ausdruck, davon wie von einer vergangenen Sache zu reden. Die Oede und Leere, die er in meinem zerrissenen Daseyn hervorgebracht, beginnt erst eigentlich und wird nie durch irgend etwas ausgefüllt werden können. Nur eine große Einsamkeit kann, meinem jetzigen Gefühl nach, eine Beruhigung gewähren, und diese hoffe ich mir besonders in Tegel zu verschaffen. Ein wahrer Trost und großes Glück in diesen traurigen Tagen ist meiner Tochter Caroline und mir durch die Gnade des Königs gewährt worden. Er hat meinen Schwiegersohn den Obersten Hedemann aus Schlesien hierher versetzt, und ihm das Uhlanen Regiment der Garde verliehen. Der König hat dabei die Gnade gehabt, mir dies an der öffentlichen Bekanntmachung auf die huldvollste Weise mittheilen zu lassen, und hinzuzufügen, daß er es mit in der Rücksicht gethan, mich wieder mit einem Theil meiner Familie zu vereinen. Da ich weiß, daß Ew. Hochwohlgeboren freundschaftlichen Theil an mir und den meinigen nehmen, so bin |2*| ich länger bei diesen Ereignissen verweilt. Die Verewigte liebte Rom unendlich, sie hatte sehr glückliche Jahre dort verlebt, ein schmerzliches Unterpfand in den Gräbern zweier Söhne dort zurückgelassen. Ihr Hintritt wird unter ihren Bekannten gewiß dort tief gefühlt worden seyn, und ihr Andenken nicht erlöschen.

Die Abschrift der Amerikanischen Grammatiken habe ich vor einiger Zeit erhalten. Ich sage Ew. Hochwohlgeboren meinen wärmsten und freundschaftlichsten Dank für die gütige Sorgfalt, die Sie gehabt haben, sie so genau collationiren zu lassen. Ich bitte Sie nun mir gütigst anzuzeigen, welche Auslagen Sie dafür gehabt haben.

Die literarische Unternehmung, von der mir Ew. Hochwohlgeboren schreiben[a], kannte ich schon durch eine Mittheilung unseres Freundes Savigny und war im Begriff Sie zu bitten, mich durch eine Lectüre daran Theil nehmen zu lassen. Ew. Hochwohlgeboren sind mir gütig zuvorgekommen, und ich nehme mit Vergnügen das mir deshalb so schmeichelhaft gemachte Anerbieten an. Nur muß ich Sie bitten, nicht auf Beiträge von mir zu rechnen. Ich würde im antiquarischen Fache schwerlich solche liefern können, die Ihren Forderungen entsprächen, und bin auch überhaupt in einem ganz andren Gange von Beschäftigungen. Ueber das Unternehmen aber freue ich mich ungemein. Es wird mit den Begünstigungen, die es in Rom erhalten hat, und unter Ihrer einsichtsvollen Leitung gewiß zu einem schönen und früchtetragenden Gedeihen gelangen. Das neue Institut ist zugleich ein würdiges Denkmal der Reise des Kronprinzen und seines Aufenthaltes in |3*| Rom und es war gewiß vortreflich, daß Sie veranlaßt haben, daß man von der Idee abgegangen ist, zum Sitz des Unternehmens Paris zu nehmen. Nur Rom eignet sich dazu. Dieser glückliche Gedanke hat dem Ganzen eine entscheidend passende Stellung gegeben.

Genehmigen Ew. Hochwohlgeboren die Gesinnungen der ausgezeichnetsten und innigsten Hochachtung, mit welcher ich die Ehre habe zu verharren
Ew. Hochwohlgeboren ergebenster,
Humboldt
Berlin, den 16. April, 1829.

Fußnoten

    1. a |Editor| Der Brief Bunsens vom 7. Februar 1829 ist nicht erhalten. Es ist jedoch anzunehmen, dass es sich bei der erwähnten "literarischen Unternehmung" um die zwischen 1830 und 1843 erschienene dreibändige Beschreibung der Stadt Rom handelt.