Christian Karl Josias Bunsen an Wilhelm von Humboldt, 06.12.1826

|18a|Rom 6 Dcbr. 1826.
Ew. Excellenz

gütiges Schreiben vom 28. Septbr. hatte ich die Ehre am 15ten October auf dem Lande zu erhalten. Bei meiner Rückkehr zum Kapitol habe ich es mir sogleich zur angenehmsten Pflicht gemacht, mit meinen guten Bekannten und Nachbarn im Gesù mich hinsichtlich der Abschrift der Collation der von Ew. Excellenz nahmhaft gemachten Papiere des Hervas zu verständigen, und ich habe jetzt das Vergnügen Ihnen anzuzeigen, daß der P. Guli die in Italien unerhörte Liberalität gehabt hat, mir zu erlauben die Handschriften aus der Bibliothek zu nehmen, und sie dem jungen Manne zu übergeben, den ich (als den RR. PP. bekannt) dazu vorgeschlagen hatte. In einem Monate spätestens wird alles vollendet sein. Wenn die Abschrift vollendet ist, werde ich die zweifelhaften Nummern (Orinokesi bis Canarina) untersuchen, um zu entscheiden, ob auch sie abzuschreiben sind.

Leider findet sich die Yucatanische Grammatik von 1684 nicht mehr im Collegio Romano. Möglich wäre es, daß sie auf die Vaticana verschlagen sich dort fände: dieß werde ich noch in der nächsten Woche untersuchen. Ein glücklicher Zufall hat mich dagegen in Stand gesetzt, einen eben aus Canada |18b| ankommende |sic| Geistlichen zu treffen, dessen nähere Bekanntschaft ich durch den Duc de Laval gemacht habe, um Mittheilungen über amerikanische Sprachen zu erhalten. Er hat mir gesagt – er selbst ist Superior des reichen Klosters de St Sulpice in Montreal, M <P.Roux[a] – daß einer seiner Klosterbrüder[b] eine Grammatik und Wörterbuch der Sprache der Algonquins verfaßt habe, welche dem Könige von England zugeeignet, oder von der französischen Regierung herausgegeben werden solle. Er selbst habe die Materialien dazu dem Verfasser verschafft, und könne über sie verfügen, wenn die Herausgabe nicht bald erfolge. Er hoffe auch andre handschriftliche Notizen auftreiben zu können, die er gern mittheilen werde. Der Mann scheint sehr ehrenwerth, und es läßt sich also etwas von ihm erwarten: ich werde ihn nicht aus den Augen lassen, und über den Fortgang berichten. Erst vorgestern lernte ich ihn kennen, und so habe ich noch nichts Näheres in Erfahrung bringen können. In vier Monaten geht er wieder nach Montreal, und im schlimmsten Falle würde man ihm Fragen und Aufträge mitgeben können.

|19a| Durch einen in 3 Wochen nach Bonn zurückkehrenden Landsmann habe ich an Niebuhr für Ew. Excellenz zu weiterer Beförderung ein Exemplar von Mais Buch über die Papiri Egizj Vaticani in 4° geschickt: es muß bei Eingang dieser Zeilen schon in Niebuhrs Händen sein. In der Eile konnte ich kein ganz neues Exemplar finden, und muß Ew. Excellenz also um Verzeihung bitten, daß ich mir erlaube Ihnen das meinige zuzuschicken. Wenn sich mir eine gleich schnelle Gelegenheit fände, die Hervasschen Abschriften zu expedirn! –

Wahrscheinlich werden Ew. Excellenz schon vor meiner desfalsigen Anzeige etwas von den römischen Skizzen zur Preisaufgabe vernommen haben. Die Sache ist in Rom mit solcher Oeffentlichkeit behandelt, daß das Incognito und die Motto’s fast lächerlich scheinen. Herrn von Klöbers Skizze scheint hier allgemein den Vorzug erhalten zu haben: nach ihr wohl die, obgleich schwach ausgeführte von Hr. Grahl (Amor vincit) die wenigstens für geistreicher aufgefaßt gilt als die von Sokrates-Themmel (<Kothenscher Hofmaler> aus Schlesien gebürtig[c]). Der zweite ist ein sehr ernst aufstrebender, Ew. Excellenz vielleicht durch seine |19b| Miniatur-Arbeiten bekannter, Porträtmaler, der sich durch tüchtiges Naturstudium und Zeichnung des Nakten zum Historienmaler zu erheben sucht, und die Madonna von Foligno mit Glück kopirt, dem es aber bis jetzt an Gelegenheit gefehlt hat, Arbeiten dieser Art zu unternehmen. – Man bedauert sehr, daß der eben so geniale als durch seine Sonderbarkeiten abstoßende Ginelli sich – was auch er jetzt bedauert – sich zu spät besonnen hat: er würde wahrscheinlich etwas sehr Ausgezeichnetes geliefert haben.

Mit der größten Freude haben wir alle hier die beruhigenden Nachrichten von dem Gesundheitszustand Ihrer verehrten Frau Gemalinn erhalten, und bitten ihrem wohlwollenden Andenken aufs beste empfohlen zu werden. Wenn Ihr Herr Bruder noch bei Ew. Excellenz ist; so erlaube ich mir <die Bitte,> ihm meine ergebensten Empfehlungen mit meinem Dank für die mir gütigst verschaffte Bekanntschaft von Sir George Staunton und andern Reisende |sic| aussprechen zu wollen.

Mit unveränderlicher Verehrung
Ew. Excellenz
ganz gehorsamster
Bunsen

P.S. So eben vor Abgang des Briefes erhalte ich das gütige Schreiben I. E. wegen der drei gewünschten Mosaiken, und bitte um Verzeihung daß ich wegen Kürze der Zeit nicht heut schon antworte. Noch heut wird alles besorgt werden: fertig findet sich wohl ganz sicher keine jener Darstellungen. Einen Brief von Hn. Bate schließe ich bei.

Fußnoten

    1. a |Editor| Jean-Henri-Auguste Roux (1760–1831); s. Gilles Chaussé in: Les Prêtres de Saint-Sulpice au Canada: grandes figures de leur histoire (1992) S. 186–189.
    2. b |Editor| Bei dem Klosterbruder müsste es sich um Jean-Baptiste Thavenet handeln, zu dem Humboldt am 23. Juli 1828 in Paris per Brief Kontakt aufnimmt. Thavenet verfasste ein "dictionnaire manuscrit algonquin-français" (ca. 1815); s. André Thibault: Richesses du français et géographie linguistique, Band 2 (Brüssel: De Boeck 2008), S. 158.
    3. c |Editor| August Temmel (1797 Ratibor – 1841 Rom), Historienmaler.