Wilhelm von Humboldt an Julius Heinrich Klaproth, 05.04.1832

|13r| Ew. Hochwohlgeboren haben mich in der letzten Zeit abermals durch mehrere mir zugesandte Schriften und durch Ihre neulichen Zeilen erfreut und ich statte Ihnen meinen lebhaftesten Dank für diese Beweise Ihres fortdauernden Andenkens ab. Ew. Hochwohlgeboren können überzeugt sein, daß ich den ganzen Werth desselben zu schätzen weiß.

Ew. Hochwohlgeboren erwähnen in Ihrem Schreiben der gegen Herrn Abel-Remusat gemachten Beschuldigungen eines Plagiats. Sie sind aber gewiß selbst überzeugt gewesen, daß ich an diese niemals einen Augenblick geglaubt habe. Bei Männern, die durch ihre ganze litterarische Laufbahn ein eigenthümliches und tiefes Studium ihres Faches beurkunden, ist schon an sich jede Idee von Plagiat unstatthaft. Wenn es aber irgend eine Schrift giebt, welche durch ihre Fassung und ihr ganzes Wesen die Voraussetzung, nur Fremdes nachgeschrieben zu haben, zurückstößt, so ist es gerade Remusats Chinesische Grammatik. Es herrscht in derselben eine solche und so eigenthümliche Methode, daß sie das wahre Bild der Klarheit, Bestimmtheit und des echten Sprachsinnes ist, welche den Geist ihres Verfassers auf so merkwürdige Weise auszeichnen. Zugleich muß sogar der kaum haltkundige[a] einsehen, daß man, um ein- |13v| einen |sic| wissenschaftlichen Stoff so kurz und so lichtvoll in eine solche Methode zu bringen ma den Stoff selbst gänzlich beherrschen und seiner vollkommen mächtig sein muß. Im Einzelnen bin ich übrigens diesem Streite gar nicht gefolgt, da ich eine entschiedene Abneigung gegen alle Streitsucht hege und lieber dem ruhigen Wege meiner eigenen Forschungen folge.

Mit Ihrer Schrift über die verschiedenen Schriftarten der alten Welt haben mir Ew. Hochwohlgeboren ein sehr angenehmes Geschenk gemacht. Es war gewiß ein sehr glücklicher Gedanke, diese Materie im Zusammenhang zu behandeln. Ganz besonders hat mich intereßirt, was Sie darin über das Koreanische Alphabet sagen, das mir bisher unbekannt war. Es scheint auch in seiner Einrichtung sehr merkwürdig zu sein und ich werde es genauer zu studieren suchen. Die Verbindung der Semitischen Alphabete mit dem Indischen, oder vielmehr die Frage, ob eine solche Verbindung überhaupt nur vorhanden ist? scheint mir immer noch das Schwierigste in dieser ganzen Materie. Was Ew. Hochwohlgeboren darüber sagen, hat aber auch mir immer bisher das Wahrste geschienen. Der Standpunkt der Semitischen Sprachen selbst aber zu den Sanskritischen erfordert noch eine genauere Bestimmung. Ew. Hochwohlgeboren werden im Asiatischen Journal einen Brief von mir über einige Alphabete des östlichen Asiens finden. Ich bin auf diese Arbeit ganz zufällig gekommen. Die Fragen worauf sie mich geführt hat scheinen mir aber so wichtig, daß ich es vorzog, sie anderweitigen Forschungen anderer gleich zu übergeben, als erst durch genau |14r| genauere |sic| und mehr ausgearbeitete Studien die Materie selbst ausführlicher durchzuarbeiten. Von diesem Gesichtspunkte aus wünsche ich daß der Aufsatz aufgenommen werden möge. Wie es einem bisweilen geht, daß man bei einer Arbeit das übersieht, was einem ganz nahe zu Hand liegt, so habe ich erst nach Absendung meines Aufsatzes bemerkt, daß der dritte Band von Kotzebues Reise um die Welt einen recht guten Abdruk des Tagalischen Alphabets nach den beiden Quellen, die auch ich in meinem Briefe benutzt habe und nach einer dritten handschriftlichen enthält[b]. Ich habe mich sehr gefreut über den einzelnen Seiten der Schrift Ew. Hochwohlgeboren den Titel Allgemeine Grammatik zu finden. Ich habe daraus geschlossen, daß dieses Heft nur der Anfang eines größeren Werkes ist, mit dessen Ausarbeitung Ew. Hochwohlgeboren beschäftig|t sind.|

Empfangen Ew. Hochwohlgeboren die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung.
|Humboldt| Humboldt
|Schreiber| Berlin den 5t April 1832.

An
Herrn Hofrath und Professor von Klaproth Hochwohlgeboren
in Paris.

|14v, Anschrift|
An
Herrn Hofrath und Professor
Klaproth
Hochwohlgeboren
in
Paris

Fußnoten

    1. a |Editor| Soll wohl "halbkundige" heißen.
    2. b |Editor| Quellenbeschreibung nach Kotzebue und Chamisso: "Das Erste ist entlehnt aus dem Compendio de la Arte de la lengua Tagala por el padre Fr. Gaspar de San Augustin. Segunda impression. Sampaloc 1787. Das Zweite aus der Arte de la lengua Bisaya de le provincia de Leyte por el P. Domingo Ezguerra de la comp. de Jesus, reimpressa en Manila 1747. Das Dritte aus einer Arte de la lengua Bisaya. Manuscrpt."