Wilhelm von Humboldt an Friedrich Gottlieb Welcker, 22.05.1824

|1*|Tegel, den 22. Mai, 1824.

Es ist unglaublich lange her, daß ich Ihnen nicht geschrieben habe, liebster Freund, aber es ist in der That nur zum kleinsten Theil meine Schuld gewesen. Ihr Schreiben, in dem Sie mir die Proben Ihrer Philostratischen Bearbeitung mittheilen, hatte mir die größeste Freude gemacht, ich war oft darauf zurückgekommen, und hatte diese und alle Beschäftigungen, von denen Sie mir in jenem Briefe schreiben, in Gedanken mit dem wärmsten Antheil begleitet. – Ich habe aber in dem vergangenen Winter, fast schon von Neujahr an, sehr an den Augen gelitten. Es war zwar nur eine Geschwulst und Entzündung der Augenlieder u. Conjunctiva, so daß mich das Uebel oft an das erinnert hat, woran Sie in Albano in der frohen Zeit litten, in der wir noch bei einander waren. Allein die inneren Augen waren stark davon angegriffen, Ihr Brief hat Wochen bei mir gelegen, ehe ich nur die Philostratica lesen konnte, u. ich mußte mich alles Schreibens u. Lesens bei Lichte enthalten. Ich dictirte zwar, es ist das aber doch eine Art der Gedankeneroffnung, |sic| die am wenigsten freundschaftlicher Mittheilung zusagt. So dauerte es ziemlich bis gegen den Anfang des März hin. Jetzt ist es zwar besser, allein ich habe doch leider die Ueberzeugung erhalten, daß meine Augen bedeutend schwächer geworden sind, und untersage mir auch jetzt sehr das Arbeiten bei Licht. Es ist daher eine natürliche Folge, daß ich auch meinen Briefwechsel sehr beschränken muß. Dennoch hätte ich Ihnen viel früher geschrieben, wenn ich Ihnen nicht hätte die inliegende, endlich fertig gewordene Abhandlung mitschicken wollen. Ich bitte Sie, dieselbe mit Güte und Nachsicht aufzunehmen. Ich halte den Hauptgedanken darin für vollkommen wahr, besorge indeß dennoch, daß vielleicht nur Wenige ganz |2*| damit übereinstimmen dürften. Bei allen Arbeiten über die Sprache habe ich in meiner Ansicht die damit zu kämpfen, daß nur sehr wenige Menschen auch nur im allerallgemeinsten das Gefühl von der Sprache haben, bei dem diese Ansicht allein Ueberzeugung gewähren kann. Die ganz gewöhnlichen Ideen, daß die Sprache ein Werkzeug, ein Mittel ist, die Worte gleichgültige Zeichen, die Grammatik eine Einrichtung, die, welche Vorzüge oder Mängel sie habe, sich doch am Ende immer mit gleichem Fortgang gebrauchen lasse, die Verschiedenheit der Sprachen ein Hinderniß, dessen Hinwegräumung man wünschen müsse, wäre es auch nur dadurch, daß alle Lateinisch, oder Französisch schrieben, das Studium der Sprachen bloß in Beziehung auf das in ihnen Geschriebene Wichtigkeit habe u. s. f. sind eigentlich, und nicht bloß bei denen, die sich eigentlich mit Wissenschaften beschäftigen, sondern auch bei den Philologen die herrschenden. Dieser, von gänzlicher Stumpfheit gegen das ächte Sprachgefühl ausgehenden Ansicht ist Alles spitzfindig, oder schwärmerisch, was über die wahre Natur der Sprache auch noch so überdacht, noch so vorsichtig mit Thatsachen in Zusammenhang gebracht, noch so nüchtern gesagt wird. Bei dieser Abhandlung darf ich mir aber auch von einer andren Classe von Lesern nur wenig versprechen, nemlich von denen, welche das Alterthum, das höchste nemlich[a], ganz anders, als ich ansehen, u. einen Unterschied unter den Nationen machen, der sich kaum noch dem Grade nach messen läßt, eine ursprüngliche Vollkommenheit auch in der Sprache, gewissermaßen eine Offenbarung annehmen, von der man nur nachher herabgesunken ist u. s. f. Diese Ansicht hat Friedrich Schlegel fest[b] zuerst auf die Sprachen angewendet. So unvollkommen aber auch seine Kenntniß des Indischen war, u. so sehr ihm alle nur einigermaßen allgemeine Sprachkunde mangelte: so hat dies System doch viel Beifall gefunden. Noch im letzten Stück der Indischen Bibliothek ist eine Stelle enthalten, aus der man sieht, daß auch sein Bruder diese Meynung noch theilt.[c] Denen, die hieran hängen, muß ich nun vorkommen, |3*| wie einer, der Wunder aus natürlichen Ursachen erklärt. Ich sage Ihnen dies, liebster Freund, um Ihnen zu zeigen, wie wichtig es mir bei dieser Lage der Dinge ist, Ihr Urtheil zu hören, u. wie viel mir daran liegt, daß Sie es mir recht offen u. unverholen |sic| aussprechen. Ich sehe das Wenige, was ich drucken lasse, vorzüglich gern als Vorwürfe an, über die sich allgemeiner reden läßt, u. mithin ist mir auch Tadel, wenn[d] er die Kenntniß des Gegenstandes erweitert, immer willkommen. Ich habe auch die Absicht die Hauptseiten des allgemeinen Sprachstudiums nicht nur mir klar zu machen, sondern auch mit andren zur Sprache zu bringen, weil ich fühle, daß eine das Ganze umfassende, jedoch fürs erste nur einleitende Bearbeitung desselben, ein eigentliches Lehrbuch für dasselbe, das ihr <das> System <der Sprache> von allen Seiten aufstellt, ein großes Bedürfniß ist. Denn dabei, daß man bloß eine allgemeine Grammatik aus philosophischen Begriffen, einen Mithridates, eine Art Topographie u. Statistik der Sprachen, u. endlich einzelne Grammatiken u. Lexica hat, kann es unmöglich bleiben. Ich schmeichle mir selbst auf keine Weise, ein solches Lehrgebäude aufzuführen. Allein es wir früh oder spät doch zu Stande kommen, wenn nur[e] richtigere Sprachansicht herrschend wird. Ehe man jedoch nur daran denken kann, es zusammenzutragen, muß man die Hauptfragen einzeln erörtern, u. dies ist vorzüglich der Zweck, den ich bei diesen einzelnen Abhandlungen habe, die außerdem aus der Nothwendigkeit entstehen, in der Akademie obligate Vorlesungen zu halten, eine Einrichtung, die ich nicht für sehr gut halte, die aber einmal besteht. Daß Sie, liebster Freund, im Ganzen dieselbe Ansicht mit mir von der Sprache haben, haben mir Ihre früheren Aeußerungen oft bewiesen, u. spricht noch[f] Ihr letzter Brief dadurch aus, daß Sie mit großem Recht der Sprache in der philologischen Encyclopädie eine ganz eigne Stelle u. Behandlung einräumen. – Neuerlich habe ich einen andren Punkt desselben Gebiets, nemlich das Alphabet abgehandelt. Sie erinnern Sich vielleicht mir einmal geschrieben zu haben, daß Sie Zoëgas Vorstellungsart das Alphabet nur aus den Hieroglyphen entstehen zu lassen, nicht |4*| theilten. Dies l**** hatte auch mir immer so geschienen. Im vorigen Winter fing ich eine Arbeit über die verschiednen Schriftarten an, u. hatte schon die hieroglyphischen nach der Art abgehandelt, wie man es bloß nach den alten Schriftstellern kann. Glücklicherweise fiel mir Champollions lettre à Mr.[g] Dacier in die Hände, u. ich sah voraus, daß von meiner Arbeit nichts zu brauchen seyn würde, u. die Sache ganz anders stehe. Ich prüfte also diese neuen Ideen mit großer Genauigkeit u. Schärfe, u. überzeugte mich noch mehr nach Erscheinung des ganzen Systems, daß die Champollionsche Entdeckung in der That haltbar, u. wirklich sehr wichtig ist. Ich verglich die Papyrus Rollen, die Gr. Minutoli mitgebracht hat, u. die Champollion also nicht kennt, mit seinen Behauptungen, fand dieselben bestätigt u. Vieles in den Rollen vollkommen lesbar. So kehrte ich nun zu den Ideen über das Alphabet im Allgemeinen zurück. Die Zoëgasche Idee wird jetzt mit Triumph erneuert werden, da man nun wirklich aus Hieroglyphen unläugbar entstandne Alphabete u. ein Alphabet in Hieroglyphen hat. Meine Meynung aber hat sich darum nicht umgeändert. Ich habe die Ueberzeugung, daß die Buchstabenschrift, d. h. ihre Erfindung, Art u. eifrige oder kalte Aneignung immer von der Stärke u. Richtigkeit des Sprachsinns der Nationen abhängt, u. daß, wo es nicht auf Weise entsteht, es auch die Spur seiner Entstehung an sich trägt. Das hieroglyphische z. B. ist von der Art, daß es den wahren immer wissenschaftlichen Nutzen des Alphabets wenig befördern kann. Es trägt immer das Gepräge einer Bilderschrift. Sind alle übrigen, z. B. die Indischen, daraus entstanden, was mir sehr zweifelhaft scheint, so hat sich ächter Sprachsinn der Idee bemächtigt, aber an u. sie zu ganz etwas Andrem gemacht, aber in diesem ächten Sprachsinn lag schon die Idee des Alphabets praeformirt da, u. der Zufall bot mit den äußren Zeichen nur die Gelegenheit, daß es äußerlich ans Licht trat. Ich habe vor wenigen Tagen in der Akademie eine Abhandlung über diesen Zusammenhang der Buchstabenschrift mit dem Sprachbau gelesen,[h] die aber nur die allgemeine Idee, u. Einiges über die Schriftlosigkeit der Amerikanischen |5*| Sprachen enthält. In einer zweiten werde ich die Aegyptische Schrift besonders abhandeln. In der jetzigen habe ich mich vorzüglich darauf eingelassen, wie in den Sprachen Alles daran hängt, daß der Gedanke immer einzig u. ganz an den Ton geknüpft werde, u. bin also in diesen u. seinen Einfluß auf die Sprache genau eingegangen. Allein genug von meinen Beschäftigungen, in die ich nur darum so weit eingegangen bin, weil ich weiß, daß Sie gütigen Theil daran nehmen. – Ihre Philostratischen Proben haben mich sehr erfreut. Gelehrsamkeit, Kritik u. ein an Kunstwerke gewöhnter Blick sind in allem unverkennbar. Ich bedaure nur, daß Sie haben lateinisch schreiben müssen. Der Nutzen der Arbeit geht so für fast alle Künstler verloren. Noch mehr tut es mir leid, daß sich die Herausgabe, wie Sie sagen, verzögert. – Wir sind seit einigen Wochen hier, wo mein Hausbau dies Jahr vollendet wird. Ich wünschte Sie könnten ihn sehen. Was ich von Gypsen, Marmorsachen u. s. f. besitze, u. was sich, seit Sie es kennen, nicht unbedeutend vermehrt hat, ist nun hier zusammen aufgestellt, u. gewährt eine freundliche u. belehrende Umgebung. Die Basreliefe sind in die Wand eingelassen. In Gyps besitze ich vier der schönsten Stücke aus der Villa Ludovisi den Junokopf, den sitzenden Mars, Arria u. Paetus u. Papirius mit der Mutter, Abdrücke, wie man sie selten so schön u. rein sieht. – Meine Frau u. Caroline grüßen Sie herzlich. Beide sind leidlich wohl!

Mit innigster Hochachtung u. Freundschaft der Ihrige
Humboldt.

Fußnoten

    1. a |Editor| Haym 1859, S. 114 gibt statt dessen „meine ich“.
    2. b |Editor| Das Wort fehlt bei Haym.
    3. c |Editor| Siehe bei A. W. v. Schlegels "Allgemeiner Uebersicht" bes. S. 28–30.
    4. d |Editor| Haym 1859, S. 115 gibt „wo“.
    5. e |Editor| Haym 1859, S. 115 gibt „eine“.
    6. f |Editor| Haym 1859, S. 116 gibt „auch“.
    7. g |Editor| Haym 1859, S. 116: „Mme“!
    8. h |Editor| Die Abhandlung wurde am 20. Mai 1824 vorgetragen (s. BBAW, Archiv, II-V, 5, 95).