Wilhelm von Humboldt an Johann Severin Vater, 27.04.1824

|1*| Es ist mir ungemein leid gewesen, Ew. Wohlgeboren Anwesenheit in Berlin, die ich erst durch Ihr freundschaftliches Schreiben vom 20. huj. erfahren, verfehlt zu haben. Hätte Ihnen Ihre Zeit erlaubt, mir hier, da es so nahe bei der Stadt ist, Ihren Besuch zu schenken, so würden Sie mich dadurch außerordentlich erfreut haben.

Für Ihr Neues Testament sage ich Ihnen meinen verbindlichsten Dank. Ew. Wohlgeboren haben darin, soweit ich es zu beurtheilen im Stande bin, vollkommen alle Zwecke erreicht, welche Sie Sich, wie Sie mir mündlich erzählten, dabei vorsetzten, und das Bibelstudium mit einer Ausgabe bereichert, die demselben gewiß eine viel größere Verbreitung verschaffen wird.

Ihre Beiträge zum Mithridates, der in Paris erscheinen soll, würden durch die meinigen keinesweges überflüssig werden[a]. Ihrem Fleiße, Ihrer Gelehrsamkeit, u. Ihrer, Ihnen so sehr eigenthümlichen Methode, in großer Kürze sehr Viel u. Alles Wesentliche zusammenzufassen, verdankt man dies ganze, so überaus wichtige Werk, u. niemand ist daher im Stande, dasselbe so, wie Ew. Wohlgeboren, |2*| auch noch jetzt mit Zusätzen zu bereichern. Was mich betrift, so habe ich Herrn Klaproth gebeten, mich zu entschuldigen, daß ich nichts zu der neuen Ausgabe zu leisten im Stande bin. Ich lasse mich höchst ungern auf eine äußerlich bedingte Arbeit ein, u. muß noch ohnedies nach einem Augenübel, an dem ich diesen Winter bedeutend gelitten habe, meine Augen sehr schonen. Ich habe mich daher selbst erboten das Wortregister insofern zu vervollständigen, als es aus Schriften geschehen kann, die in meinen Händen sind, u. die man sonst nicht erhalten kann.

Für den armen Ilgen werden auch Ew. Wohlgeboren recht besorgt gewesen seyn. Seine Krankheit hat mich um so mehr erschreckt, als ich ihn noch im späten Herbst sehr munter verlassen habe. Wie ich aber mit großer Freude aus den Briefen der Frau sehe, die mir sehr regelmäßig zu schreiben die Güte hat, geht es doch jetzt so gut mit ihm, daß seine völlige Herstellung mit Gewißheit von Frühjahr u. Sommer zu erwarten ist.

Eine Bescheinigung über die Chinesische Grammatik lege ich bei. Klaproth hat mich aber ohne alle Nachricht davon gelassen. Ich werde ihm schreiben u. das Mscpt selber bei mir aufbewahren.

Ich verharre mit der ausgezeichnetsten Hochachtung u. lebhaftesten Freundschaft
der Ihrige,
Humboldt
Tegel, den 27. April, 1824.


|3*; Schriftrichtung um 90° nach links gedreht|
Daß ich von Herrn Professor Vater in Halle eine in hellem Franzband gebundene Handschrift, betitelt:
Arte de la lengua Mandarina, compuesto por el M. R.o Pe. fr. Francisco Varon |sic|. Canton. 1703. fol. erhalten habe, um solche zur Verfügung des Herrn Professor Klaproth in Paris zu halten, bescheinige ich hierdurch.

Tegel, den 27. April, 1824.
Humboldt

Fußnoten

    1. a |Editor| Vater hatte in der ersten Ausgabe des Mithridates die Texte zu den amerikanischen Sprachen verfasst, welche offensichtlich in Klaproths geplanter Neuauflage durch Texte von Humboldt (der sich schon geraume Zeit mit den Sprachen Amerikas beschäftigt hatte) ergänzt werden sollten.