Christian Lassen an Wilhelm von Humboldt, 11.12.1830

|1|Bonn den 11ten December 1830.

Ew. Excellenz werden mir kaum verzeihen, so spät auf Ihr geehrtes und mir in so vielen Beziehungen theures Schreiben vom 12ten d. v. M.[a] zu antworten. Wenn mein Dank aber etwas spät kommt, so ist er deshalb weder weniger tief gefühlt noch weniger aufrichtig. Ich fühle mich in der That zu einem sehr großen Danke gegen Ew. Excellenz verpflichtet sowohl für die Aufmerksamkeit, die Sie meinem Aufsatze geschenkt haben, als für die freundliche Offenheit, womit Sie mir über einige Punkte desselben Ihre Meinung mitgetheilt haben. Neue grammatische Thatsachen ans Licht zu bringen, war in der That mein Hauptzweck; und ich bin völlig zufrieden, wenn dieses geleistet worden ist. Daß der Ton einiger Stellen gegen das Ganze <als> fremdartig und zu scharf auffallen würde, habe ich selbst befürchtet; ich sehe freilich, nachdem ich diese Stellen unbefangener gelesen, daß die meisten Einfälle, auch wenn sie besser wären und ich in der Sache überall Recht hätte, nicht für den Druck geeignet sind. Zwar habe ich sehr viel dieser Art gestrichen, es ist aber dessen noch zu viel. Doch, die Sache ist einmahl geschehen und ich muß wie billig vor den Riß treten; es würde mir aber wirklich leid thun, wenn Bopp glauben würde, ich hätte aus irgend einer feindseligen Absicht die Feder gegen ihn ergriffen. Ich hoffe durch die Weise, wie ich ihm in meinem Commentar zum Hitopadesa widerspreche, zu zeigen, daß ich zwar nicht alle seine Ansichten theile, aber ihn persönlich auf jede Art hochschätze, |2| und mit nichten zu den Leuten gehöre, die eine Verschiedenheit der Meinungen als eine Beeinträchtigung ihrer persönlichen Würde ansehen.

Ew. Excellenz hegen ein bei weitem zu günstiges Urtheil von dem, was ich zu leisten im Stande seyn werde <bin.> Ich glaube meine Fähigkeiten ziemlich zu kennen <habe mich immer bemüht, den Grad meiner Fähigkeiten> selbst kennen zu lernen und [traue] hoffe, diese <glaube> hierin so weit gekommen zu seyn, daß ich nicht leicht was unternehmen werde, wozu meine Anlagen völlig <zu dem ich mir nur den guten Willen> ohne die geringste Anlage mitbringen würde. Ich traue mir zu, wenn meine Lage sorgenfrei <sorgenfreier> und unabhängiger seyn wird, etwas nützliches <vieles recht nützliche, aber> kaum etwas sehr außerordentliches leisten zu können. Daß ich ein Centrum für meine historischen u. grammatischen Forschungen gesucht habe und dieses nach Indien verlegt habe und jede Excursion von dort aus und dahin richte, daran glaube ich wohl zu thun. Ich glaube zu <Wer erst recht fühlt <weiß>>, wie viel wir von Indien noch nicht wissen, wie weit entfernt wir noch sind, <sehr wir uns noch bedenken müssen, ehe wir> sagen zu können glauben, gründlich Sanskrit zu wissen, von dem hoffe |ich| hierin Beifall zu finden. Ich sage dieses ohne falsche Bescheidenheit; denn ich [lerne] <sehe> täglich wie [viel] <schwach> mir [noch] <noch eine> <denn ich glaube ziemlich zu wissen, wo es mir und den übrigen die sich mit dem Sanskrit beschäftigen fehlt. <allerdings etwas Sanskrit zu wissen.>> Wie befruchtend <u. belehrend> für meine ferneren Arbeiten ein auch nur kurzer Aufenthalt in Berlin [und] [mir seyn würde, fühle] [sehr vorsätzlich|?|] unendliche <und vorzüglich gelehrte Erörterungen wie die wozu Ew. Exclz. Güte Gewogenheit mir die Aussicht|?| eröffnen>, <habe ich> lange gefühlt und werde nicht versäumen die erste dargebotene Möglichkeit [der] Ausführ <zu ergreifen.>

|3| Ich sehe mit großer Erwartung Ew. Excellz Aufschlüssen über das Cawi entgegen; ich habe selbst einmahl diese Untersuchung angefangen, aber bald wegen Mangel an Hulfsmitteln |sic| für das Javanische aufgeben müssen. Glauben aber Ihre Excellenz, daß die Abschriften v. Cawitexten bei Raffles <immer> zuverlässig genug sind, um darauf grammatische Untersuchungen zu gr bauen zu können?

Fußnoten

    1. a |Editor| Das letzte Schreiben Humboldts an Lassen stammt vom 10. und nicht vom 12. November 1830!