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Wilhelm von Humboldt an David Friedländer, 07.08.1791

Burgörner, 7. Aug. 1791.

Seit einigen Wochen, lieber Friedländer, bin ich nun in der Lage, in der ich jezt fürs erste bleiben werde, und ich eile Ihnen ein Paar Worte über meine Art zu leben zu sagen. Wie wenig Sie auch mit meinen lezten Schritten, und besonders mit dem zufrieden waren, der mich von Berlin und den Geschäften entfernte; so werden Sie doch, darf ich hoffen, nicht aufhören an mir und meinen ferneren Schiksalen einen freundschaftlichen Antheil zu nehmen.

Ich lebe, wie Sie schon aus meinen Planen wissen, und aus der Ueberschrift dieses Briefes sehen, auf dem Lande, an dem schwer auszusprechenden Orte, und mein Leben ist so einfach, daß es Ihnen nicht schwer sein wird, sich ein lebhaftes Bild davon zu entwerfen. Beschäftigung mit den Studien, die mir immer die liebsten waren, und Unterhaltung mit auswärtigen Freunden, die ich bei meiner vorigen Lebensart fast hatte vernachlässigen müssen, wechslen mit Spaziergängen und einem höchst angenehmen häuslichen Umgange ab. So verfließt ein Tag nach dem andren, und jeder giebt mir ein stilles, aber sehr genügendes Glük. Für mich ist der Kreis, in dem ich jezt lebe der angemessenste, es ist der, den ich am besten auszufüllen vermag, und sollte es nicht wichtiger sein, seinen Kreis – wie groß, oder klein – auszufüllen, als gerade diesen oder jenen zu haben. Fühle ich je mehr Kräfte, als dieser Kreis fordert, nun so findet sich vielleicht auch ein größerer. Allein schwerlich wird das je der Fall sein. Je mehr man schon thut, desto mehr sieht man zu thun noch vor sich. Die intensive Größe ist gerade diejenige, welche man nie erschöpft, und dennoch, wie sonderbar, suchen die meisten Menschen immer die extensive, als wären sie mit jener schon fertig. Statt zu fragen, wieviel an dem Flek, an dem sie sind, noch zu thun ist, eilen sie schon nach einem andren hin. Wenn dieß, wie es mir scheint, den Geist nothwendig zerstreut; so muß er bei jenem Verweilen an Tiefe und Stärke gewinnen, und ich gestehe Ihnen gern, daß ich für diesen Gewinn allein Sinn habe. Doch nun genug davon.

Wie geht es Ihnen, mein theurer Freund? Was macht Ihre vortrefliche Familie, Ihre lieben Söhne? Sagen Sie mir bald ein Wort davon.

Wenn ich mich je mehr mit politischen Dingen beschäftigt hätte, so wäre ein Langes und ein Breites über die Wunder zu schwazen, die rund um einen vorgehen. Hätte jemand diese Dinge vor zwanzig Jahren geweissagt; so hätte man ihn verlacht. Nach dieser Analogie zu schließen, wer weiß, was noch zu erwarten steht. Dergleichen Erfahrungen, dünkt mich, sollten die Leute doch klug machen, und sie nicht so auf Begebenheiten vertrauen lassen. Wieviel Gutes hat man von Frankreichs Revolution geweissagt? Wie nah ist jezt alles wieder dem Untergang. Wieviel von der Aufklärung, die auf Friedrichs Zeitalter folgen würde? – Hierauf ersparen sie |sic| mir hoffentlich die Antwort. Die Nuzanwendung hie-von ist wohl die, daß man jede Begebenheit, und jedes Zeitalter wie eine nüzliche und erbauliche Geschichte ansieht, sich daraus nimmt, was gut und heilsam ist, das Uebrige als Hülfe betrachtet, und nur jenem innren Ideenschaze vertraut.

Verzeihen Sie dieß lange Geschwäz, mein Bester. Empfehlen Sie mich den Ihrigen aufs freundlichste, und schreiben Sie mir bald. Es ist ja ein Wort, das sie |sic| in die Wüste sagen.

Leben Sie wohl! Ewig
Ihr,

Humboldt.


Meine Adresse ist:
Burgörner (sprich: Burg = ör = ner) p.
Mansfeld.

Über diesen Brief

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Quellen

Handschrift
  • Grundlage der Edition: Weimar, GSA, 96/1370
Druck
  • Kohut, Adolph (1871): Alexander von Humboldt und das Judenthum. Ein Beitrag zur Culturgeschichte des 19. Jahrhunderts, Leipzig: Pardubitz, S. 75f.; Mattson 2015, S. 16–18 Nr. 201
Nachweis
  • Mattson 1980, Nr. 198

In diesem Brief

Werke
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Sprachen
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Zitierhinweis

Wilhelm von Humboldt an David Friedländer, 07.08.1791. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/525

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