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Wilhelm von Humboldt an Carl Ludwig Fernow, 15.06.1805

Rom, den 15. Junius, 1805.

Wohl, liebster Freund, haben Sie uns eine überaus traurige Nachricht gegeben, die meine Frau und mich tief erschüttert hat. Wir hatten kaum aufgehört, für Göthe’s Leben zu zittern, als wir durch Sie Schillers Tod erfuhren. Daß sein Verlust für unsre Literatur unersetzlich ist, wird man erst in der Folge recht inne werden. Ich gestehe gern, daß ich jetzt um den meinigen beweine. Er ist, wenn es nicht überhaupt immer hart wäre, das Leben zu verlassen, unter den günstigsten Umständen dahin gegangen; gerade in der Blüthe seiner Kunst u. seines Ruhms, eben nach Vollendung eines wahrhaft schönen Stücks, und mit vielen Planen für die Zukunft beschäftigt. Ich war mit ihm seit Jahren in einer, wenn Sie wollen, nur fernen Verbindung. Unser Briefwechsel war durch die Entfernung ins Stocken gerathen, aber ich kann wohl sagen, daß ich darum auch sogar an gegenwärtigem Genuß seiner nicht minder verloren habe. Denn ich beschäftigte mich unaufhörlich mit ihm, und wir hatten solange zusammen gelebt u. soviele Gegenstände mit einander durchgesprochen, daß es mir nie an Stoff dazu fehlte. Ich hofte von einem Zeitpunkte zum andern mir mehr Freiheit für eigne Beschäftigungen zu schaffen, und für diese Zeit sparte ich es mir auf, ihn wieder zu einer häufigeren u. minder unterbrochnen Mittheilung aufzufordern. Auch ihn einmal selbst in Italien zu sehen, gab ich die Hofnung nicht auf. Alle diese frohen Aussichten sind jetzt auf einmal dahin. Eine unendliche Menge von Ideenreihen|?| sind durch diese Verlust auf einmal abgerissen, und ich kann nicht läugnen, daß für eine große Menge von Gegenständen des Denkens und Wissens ich mich jetzt durchaus allein fühle.

Wie dieser Schlag auf Göthe gewirkt haben muß, kann ich mir lebhaft denken. Ich habe ihm sehr ernsthaft zugeredet, jetzt nach Italien zu kommen u. in der That scheint mir dies nunmehr das Beste. Sind Sie derselben Meynung, so reden auch Sie ihm zu, theuerster Freund. Ich glaube eine Reise nach Rom würde eine schöne Erholung für ihn seyn, und da er in seiner jetzigen minder starken Gesundheit vielleicht nicht gern ohne Begleitung eines Freundes reist, so sollten Sie, mein Bester, ihn uns zuführen.

Riemer hat mir von einem Plane geschrieben, den Sie haben, ein Wörterbuch der lateinischen Töchtersprachen herauszugeben[a]. Dies ist eine überaus glückliche Idee, nicht bloß die Erlernung dieser Sprachen zu erleichtern, sondern auch deutlich zu zeigen, wieviele Wörter in jeder derselben, fremden, nicht lateinischen Ursprungs sind. Allein freilich wird die Arbeit Sie in viele Schwierigkeiten verwickeln, denen es nicht leicht seyn dürfte zu entgehen. Mir ist eingefallen, daß Sie alsdann in Ihren Plan auch die Romanische Sprache aufnehmen sollten. Ueber diese bin ich seit einiger Zeit mit dem Prediger Matli Conrad in Andeer in Schams in Briefwechsel u. er, H. v. Salis u. ein Mag. Roesch[b] wollen ein Wörterbuch, eine Grammatik u. Geschichte dieser Sprache geben[c]. Dieser Mann hat mir ein Verzeichniß derjenigen Wörter geschickt, die, seiner Meynung nach, ursprünglich Romanisch, u. andre lat. noch Deutsch sind. Das Verzeichniß ist schon sehr klein[d]. Ich getraue mir aber, es noch fast auf die Hälfte zu reduciren. Soviel ist dem guten Geistlichen noch unentziffert geblieben[e]. Ich sehe daraus, daß also die ganze Sprache eigentlich eine Tochtersprache ist. Vielleicht aber dürfte die Art, wie sie ihre Wörter ableitet lehrreich seyn, u. insofern empfehle ich Ihnen, die Arbeiten dieser Graubündtner, wenn sie erscheinen, nicht zu versäumen.

Von Ihrer Grammatik habe ich zwei Exemplare bekommen u. schreibe daher dies mir Ihrer Güte zu. Ich benutze sie mit großem Vergnügen, u. bewundre die Genauigkeit u. Vollständigkeit, in der sie unstreitig alle Italienische weit hinter sich zurückläßt. Tausend Dank für Ihr Andenken bei dieser Gelegenheit.

Wie sehr Sie uns hier fehlen u. gefehlt haben, mein theurer Fernow, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Ein vertraulicher u. freundschaftlicher Umgang ist das einzige, was man in diesem glücklichen Lande noch vermissen kann. Unter den Römern ist so wenig jetzt, als zu Ihrer Zeit, ein eigentlich dazu geeigneter u. zugleich interessanter Mann. Die Künstler sind immer ein in vieler Rücksicht einseitiger Umgang, und unter den Fremden ist selten einer, den man sich freut diesseits der Alpen zu besitzen. Mit Zoëga gehe ich viel u. sehr freundschaftlich um. Aber auch er, wissen Sie, hat nur einen bestimmten Kreis, u. der gerade nicht ganz der meinige ist. Der arme Mann hat gestern eine seiner Töchter, die Isis, derer Sie Sich wohl noch erinnern, verloren[f]. Sie siechte seit Monaten an einem hektischen Fieber, u. ihre endliche Auflösung ist für die Familie und sie selbst eher als ein Glück zu betrachten. Der Vater hat sich auch bei dieser Gelegenheit treflich genommen. Er hat sie fast gar nicht verlassen, u. meistentheils selbst bei ihr gewacht. Die Mutter kennen sie, |sic| ihr Leichtsinn u. Egoismus haben sich auch hier gezeigt.

Ihren Auftrag habe ich besorgt, u. es würde damit nicht so lange gedauert haben, wenn nicht der Notar erst abwesend gewesen wäre, und dann auf 25 Scudi Gebühren bestanden hätte. Erst nachdem ich ihm hatte bedrohen lassen, mich deshalb bei seinem Ohm zu beklagen, hat er sich zum Ziele gelegt. Er versicherte immer, Karstens sey ein weiser Mann gewesen[g]. Ich legen Ihnen die Abschrift hier bei. Ich hoffe, man soll an den Förmlichkeiten nichts vermissen. Für die Gebühren habe ich an Notar Sacchi 5 Scudi zahlen lassen müssen, Sommaini[h] hat aus alter Bekanntschft für Sie nichts nehmen wollen. Diese 5. Scudi machen nach jetzigem Cours 13. fl: 30. scr. Rhein. u. wenn Sie diese Summe an Cotta bezahlen wollen, so dürfte dies der kürzeste Weg seyn, diese Kleinigkeit abzumachen.

H. v. Herda[i] ist noch nicht gekommen, u. ich weiß nun nicht, dh. welche Gelegenheit Sie die bestellten Bücher wünschen. Ich habe daher Visconti[j] nun vorläufig Auftrag gegeben, sie anzuschaffen, u. erwarte über die Absendung Ihre fernern Anweisungen.

Meine Frau empfiehlt sich Ihnen freundschaftlichst. Grüßen Sie Göthe u. Riemer tausendmal u. leben Sie wohl u. vergessen Sie nicht Ihre Römischen Freunde. Mit inniger Achtung u. Ergebenheit ganz
der Ihrige,
Humboldt.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Das Vorhaben wurde nicht realisiert. [FZ]
    2. b |Editor| Zu Johann Georg Rösch (1779–1845) siehe Alexi Decurtins (1964): Das Rätoromanische und die Sprachforschung: eine Übersicht. In: Vox Romanica 23, S. 260, 265–268. [FZ]
    3. c |Editor| Dazu ist es nicht gekommen; siehe Decurtins a.O. [FZ]
    4. d |Editor| Heute in Wien, Österreichische National-Bibliothek, Cod. 12872; veröffentlicht bei Gartner 1885, S. 307–320. – Eine deutsch-rätoromanische Grammatik von Conradi erschien 1820, ein Taschenwörterbuch von 1823 bis 1828. [FZ]
    5. e |Editor| Zum Austausch zwischen Humboldt und Conradi siehe Decurtins a.O. S. 275–277. [FZ]
    6. f |Editor| Siehe dazu den Brief Zoegas an Christian Ramus vom selben Tag (15. Juni 1805) in Friedrich Gottlieb Welcker (1819): Zoega’s Leben. Sammlung seiner Briefe und Beurtheilung seiner Werke, Zweiter Theil, Stuttgart/Tübnigen: Cotta, S. 331f. [FZ]
    7. g |Editor| Im Jahr 1806 erschien Fernows Leben des Künstlers Asmus Jakob Carstens. Ein Beitrag zur Kunstgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts, Leipzig: Hartknoch. [FZ]
    8. h |Editor| Wohl der römische Notar Carlo Maria Sommaini; siehe Gazetta di Roma 1798, S. 214. und einen Brief an Bertel Thorvaldsen. [FZ]
    9. i |Editor| Gemeint ist wohl der Weimarische Kammerjunker (und spätere Kammerherr) Ludwig von Herda zu Brandenburg; siehe Stefanie Freyer (2013): Der Weimarer Hof um 1800. Eine Sozialgeschichte jenseits des Mythos, Berlin: DeGruyter, S. 434, 446, 449, 451, 473, 479. [FZ]
    10. j |Editor| Filippo Aurelio Visconti, römischer Buchhändler. Vgl. den Brief Humboldts an Visconti vom 15. Mai 1805 (?): Mattson 1980, Nr. 1326. [FZ]

    Über diesen Brief

    Eigenhändig
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    Folgebrief
    -

    Quellen

    Handschrift
    • Grundlage der Edition: Basel, Universitätsbibliothek, UBH Autogr Wilhelm V 56 (ehem. Bottmingen (Schweiz), Dr. A. Wilhelm) [url: http://dx.doi.org/10.7891/e-manuscripta-110817]
    Druck
    • Fa. J.A. Stargardt (Eutin), Kat. 479 (1949), Nr. 45 (Ausz.)
    Nachweis
    • Mattson 1980, Nr. 1354
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Carl Ludwig Fernow, 15.06.1805. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 15.03.2023. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/568

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