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  3. Nr. 621

Wilhelm von Humboldt an Ephraim Beer, vor 01.10.1787

Bei Tage, sehe ich wohl, liebster Freund, find’ ich kein Stündchen Muße Ihnen zu antworten; eine Arbeit, eine Beschäftigung folgt immer der andern. Es sei Ihnen also immerhin ein Theil der Nacht gewidmet. Gern möchte ich Ihnen das recht hoch anrechnen, gern es als eine recht große Aufopferung in Ihren Augen gelten lassen; aber umsonst. Ich empfinde zu sehr, daß diese Paar Stunden, die ich jetzt dem Schlaf entziehe, mir mehr Vergnügen gewähren werden, als ich alle die langen Tage der vorigen Woche hindurch genossen habe. Untersuchungen von der Art, als Ihr Aufsaz enthält, haben schon an sich selbst soviel Reiz; und sie mit Ihnen gemeinschaftlich anzustellen, dieß ist ein Vergnügen, dem in meinen Augen nur sehr wenig andre gleich kommen. Wie gut mir Ihr Aufsaz im Ganzen gefallen hat, was ich überhaupt genommen davon denke, das erfahren Sie nicht. Auch die strengste Wahrheit wird so leicht für Schmeichelei gehalten, und am leichtesten von den besten Menschen. Darum hievon kein Wort; nur noch meinen herzlichen Dank für das Vergnügen, das Sie mir verschafft haben, und die eben so herzliche Bitte, mir doch recht oft, so oft Sie können, ein Ähnliches zu verschaffen.

Ich glaube mit Ihnen, mein Bester, daß jede Möglichkeit von dem Wesen, in dessen Wirklichkeit sie gegründet ist, gedacht werden muß. Wie kann ich meine Hand aufheben, ohne daß die Möglichkeit dieses Handaufhebens, wie gehen, ohne daß die Möglichkeit dieses Gehens von meiner Seele vorher gedacht wird. Ich glaube daher auch, daß Ihr Beweis nicht bloß sehr scharfsinnig – denn diese Eigenschaft spricht ihm gewiß niemand ab – sondern daß, was noch mehr ist, Scharfsinn bei weitem nicht sein einziges Verdienst ist, daß sich seine Richtigkeit auf eine völlig befriedigende Art zeigen läßt. Zwar sehe ich wohl einige Einwürfe, die man ihm machen könnte, aber ich glaube auch im Stande zu sein, diese Einwürfe zu widerlegen. Wie ist es denn, könnte man einwenden, mit den unwillkürlichen, uns oft unbemerkbaren Veränderungen, die jeglichen Augenblick in unsrem Körper vorgehn? Wie kann ihre Möglichkeit schon vorher von der Seele gedacht werden, wenn ihre Wirklichkeit selbst nicht einmal von ihr empfunden wird? Allein hier ist der Ausweg leicht. Man muß das Wort: denken, wie Sie und Mendelssohn es hier brauchen, nicht in jenem strengen, logischen Sinne nehmen, wo man bloß deutliche Vorstellungen damit bezeichnet. Hier soll es, dünkt mich, nur soviel als vorstellen überhaupt heißen. Ob die Vorstellung dunkel sei, oder klar, oder deutlich, gilt hier gleich viel. Nun aber ist es ein in der neueren Seelenlehre nicht mehr unbekannter Saz, daß sich unsre Seele immerfort den ganzen Zustand ihres Körpers vorstellt, daß aber diese Vorstellungen nur selten zum Bewußtsein gelangen. Also kann sich ja die Seele auch die Möglichkeit jener unwillkürlichen Bewegungen vorher vorstellen, und doch diese Veränderungen selbst in der Folge vielleicht nicht bemerken? Einen stärkeren Einwurf könnte man von den Veränderungen hernehmen, die in den leblosen Körpern vorgehn. Diesen pflegt man gewöhnlich keine Vorstellungskräfte zuzuschreiben. Wer denkt also bei ihnen die Möglichkeit der Veränderungen? Allein auch hiegegen, sehen Sie leicht, könnte man sich mit Hülfe des Idealism |sic| oder der Monadenlehre vertheidigen. So, glaube ich daher, ist Ihr Beweis gegen alle Angriffe gesichert. Dennoch aber, gesteh’ ich Ihnen, bleiben mir noch Zweifel übrig, die ich auf keine Weise zu lösen vermag. Es scheint mir noch immer, als wäre der Mendelssohnsche Saz[a] doch nicht ganz richtig, als könnte es doch noch Möglichkeiten geben, vielmehr aber noch Wirklichkeiten, die auch von keinem Wesen gedacht würden. Ich will Ihnen, wenn Sie erlauben, meine Gedanken nach der Reihe vorlegen. Ihr Urtheil darüber soll mir sagen; ob ich sie für wahr, oder für falsch halten darf. Denn noch bin ich völlig zweifelhaft.

So richtig mir auch, wie ich schon oben gesagt habe, Ihr Beweis dünkt, so ist es mir doch – verzeihen Sie mir, liebster Freund, vielleicht habe ich Sie nur nicht recht verstanden – aber es ist mir, sag’ ich, als wenn er doch nicht allgemein genug wäre, als wenn er den Mendelssohnschen Saz nicht in seiner ganzen Ausdehnung bewiese. Er erstreckt sich, soviel ich sehe, nur auf die Möglichkeit der Veränderungen, die mit schon vorhandenen wirklichen Wesen vorgehn. Nur auf diese, dünkt mich, paßt der Schluß: ihre Möglichkeit muß doch wenigstens von dem Wesen gedacht werden, in dem sie liegt. Dieß aber ist nur eine einzelne Gattung der Möglichkeiten. Es giebt noch eine unendliche Menge andrer. Ich kann mir z. B. völlig eigne, für sich bestehende, und doch bloß mögliche Wesen denken. Und wenn ich nun dieß thue, wird Ihr Beweis dann auch für diesen Fall noch gelten? Und wenn er gilt, wie werd’ ich ihn führen müssen? Wo werd’ ich das Wesen finden, in dessen Wirklichkeit diese Möglichkeiten gegründet sein, von dem sie vorher gedacht werden müssen?

Ein Beispiel wird mich verständlicher machen. Ein geflügeltes Pferd ist eine Möglichkeit. Denn ich sehe weder einen inneren, noch einen äußeren Widerspruch, der mich hinderte, die Ideen Pferd und Flügel mit einander zu verbinden. Muß nun aber auch diese Möglichkeit gedacht werden? Und wenn sie es muß, läßt sich diese Nothwendigkeit auf die obige Art darthun. Ich sehe hier nicht das Wesen, in welchem die Möglichkeit des geflügelten Pferdes liegen, und von dem sie folglich gedacht werden müßte. – – – .

Aber, hör’ ich Sie sagen, sollte auch die obige Beweisart nicht für diesen Fall gelten; so finden Sie ja den Beweis, den Sie suchen, im Mendelssohn selbst. Freilich wohl, mein Bester, allein so ungern ich mich von diesem wahrhaftig großen Weltweisen entferne, so sehr ich meine Uebereinstimmung mit seinen Meinungen für den richtigen Maßstab meiner eigenen Fortschritte in der Philosophie halte; so habe ich mich dennoch nie von der Richtigkeit der Säze überzeugen können, die er in den letzten Kapiteln seiner Morgenstunden vorträgt. Sie sollen meine Gründe, oder besser meine Zweifel – denn Gründe darf ich es wohl nicht nennen – dagegen hören. Sehen Sie zu, was Sie damit anfangen können.

Jede Wirklichkeit, sagt Mendelssohn, muß, als wirklich, gedacht werden. Denn jede Wirklichkeit kann gedacht werden. Dieß Können ist nichts weiter, als eine Möglichkeit. Nun aber muß jede Möglichkeit gedacht werden. Folglich u.s.w.

Gegen diese Schlußfolge, dünkt mich, läßt sich nichts einwenden, sobald nur der Saz richtig bewiesen ist, daß jede Möglichkeit gedacht werden muß. Aber hier, glaub ich, liegt der Knoten: Mendelssohn führt seinen Beweis auf folgende Art. Die Möglichkeit, sagt er, kann kein objektives Prädikat sein. Denn sonst entstünde die Ungereimtheit, daß etwas zu gleicher Zeit bloß möglich, und doch auch wirklich wäre. Sie ist also nur der Gedanke, daß irgend ein Ding bei veränderter Beschaffenheit, auch anders modifizirt sein könnte; folglich nur etwas Subjektives.

Hier, dünkt mich, liegt die Idee zum Grunde, daß die Möglichkeit ein positives Prädikat ist. Nehme ich dieß an; so ist der Beweis völlig richtig. Denn alsdann muß dieß positive Prädikat entweder etwas Objektives sein, oder etwas Subjektives. Das erstere ist unmöglich; folglich ist es das letztere. Mir aber scheint, gerade umgekehrt die Möglichkeit kein positives Prädikat zu sein, sondern ein negatives. Denn was heißt es anders: ein Ding ist möglich, als: es enthält keinen Widerspruch. Die Möglichkeit an sich ist also etwas negatives, wenn gleich der Gedanke der Möglichkeit eines Dinges, als Modifikation eines denkenden Wesens, etwas positives ist. Folge ich nun dieser Idee, so heißt die Frage: Giebt es eine Möglichkeit, die von keinem Wesen gedacht wird? nicht mehr als: Liegt in irgend einer Sache kein Widerspruch, und wird das, daß kein Widerspruch darin liegt, doch von keinem Wesen gedacht? Und diese Frage kann, glaub’ ich, mit Recht bejaht werden. Denn, da ich einmal annehme, daß Möglichkeit nichts Positives, sondern etwas ganz negatives ist; so kann ich auf keine Weise in die Absurdität verfallen, die Möglichkeit zu einem wirklichen Prädikate zu machen; und hierin bestand doch die ganze Stärke des Mendelssohnschen Beweises. Wenn ich also z. B. die Möglichkeit nehme, daß ein sizender Mensch aufsteht; so ist diese Möglichkeit nichts positives, sondern besteht nur darin, daß die Organisation seines Körpers der Bewegung des Aufstehens nicht widerspricht. Fragt man sich nun, ob es nothwendig sei, daß irgend ein Wesen sich das denke, daß hierin kein Widerspruch liegt? so antworte ich: nein, und fürchte nicht in die Absurdität zu verfallen, die Möglichkeit zu einem wirklichen Prädikate zu machen, da ich mich schon erklärt habe, daß diese Möglichkeit ganz und gar nicht einmal etwas positives ist. Fragt man mich aber weiter: was ist sie denn nun aber eigentlich? etwas Objektives? oder etwas Subjektives? so antworte ich: die Möglichkeit an sich selbst kann weder eins noch das andre sein, denn an sich selbst ist sie ja ganz und gar nichts Positives. Insofern sie aber von einem denkenden Wesen vorgestellt wird, ist sie etwas Subjektives. Jedoch dieß, daß sie vorgestellt werde, ist nicht absolut nothwendig. Mich dünkt, unsre Einbildungskraft, und die Begierde, uns alles, auch das Abstrakteste zu versinnlichen, schadet uns hier am meisten. Wir wollen uns die Möglichkeit unter irgend einem Bilde, auf irgend eine Art sinnlich vorstellen. Nun aber können wir uns das Nichts, die bloß negative Idee: Hier liegt kein Widerspruch, ohnmöglich sinnlich vorstellen. Wir denken uns also die Möglichkeit als etwas Positives, und nun gerathen wir in Verlegenheit, wohin wir sie setzen sollen? wenn sie weder etwas Objektives sein kann, noch auch von irgend einem Wesen gedacht werden, und also auch nichts Subjektives sein soll. Und da wir uns hier nicht zu helfen wissen; so nehmen wir lieber an, daß eine von keinem Wesen gedachte Möglichkeit keine Möglichkeit ist. Darum verschwindet schon zum Theil die Schwierigkeit dieser Untersuchung, wenn man nur die Frage etwas anders faßt. Frage ich: Giebt es eine Möglichkeit u.s.w., so verführt mich das schon zu sehr, die Möglichkeit für etwas Positives anzusehn. Frage ich hingegen: Kann es wohl zwei Ideen geben, die noch von keinem denkenden Wesen mit einander verbunden worden sind? so dünkt mich, wird sich niemand weigern, dieß zu bejahen, und thut man dies, so giebt es doch Möglichkeiten, die nicht gedacht werden. Denn die Verbindung zweier Ideen, die keinen Widerspruch enthalten, ist doch offenbar eine Möglichkeit. Ist es aber nicht nothwendig, daß jede Möglichkeit gedacht werde, so braucht auch nicht jede Wirklichkeit gedacht zu werden. Denn dieses wurde nur durch jenes bewiesen. Und das scheint mir nun auch noch offenbarer. Warum sollte nicht ein Wesen existieren können, ohne daß es von irgend jemand gedacht würde. Wäre denn die Existenz dieses Wesens nicht Warheit, wenn gleich niemand diese Warheit dächte? Mendelssohn sagt es freilich. Aber ich sehe doch den Grund, die Nothwendigkeit davon nicht ein! – – – –

Dieß ist es, was mir für jetzt über diese Stelle der Morgenstunden einfällt. Glauben Sie nicht, daß ich es niedergeschrieben habe, weil ich es für richtig hielte. Es sind nur Zweifel, und Zweifel, die mich zwar hindern, den Mendelssohnischen Saz anzunehmen, mir aber doch nicht hinreichend scheinen, ihn gänzlich zu läugnen. Das einzige, was mich tröstet, ist, daß, wie Sie Sich erinnern werden, der Hofrath mir auch schon einmal sagte: Mendelssohn hätte den Fehler begangen, die Möglichkeit für etwas positives anzusehn. Aber die Anwendung, die er hievon machte, war doch, dünkt mich, anders. Der Zustand des Zweifels, sagt Cartes, ist ein unbehaglicher Zustand. Ich befinde mich jetzt darin. Helfen Sie mir heraus, liebster Freund; Sie können es ja vielleicht. Sollte ich selbst über kurz oder lang durch eignes Nachdenken, oder durch Unterredungen mit andern besser über diese Materie belehrt werden; so verspreche ich Ihnen, sollen Sie es erfahren; müßte ich gleich alles das wieder zurücknehmen, was ich hier gesagt habe.

Es ist schon sehr spät, mein Bester. Sie werden doch nicht böse, wenn ich die Beantwortung der übrigen Punkte Ihres Briefes mir für ein andermal vorbehalte? Es würde mir heute in der That zu viel werden. Leben Sie also nun wohl, liebster Freund, und verzeihen Sie, ich bitte Sie recht sehr darum, alles das Unbestimmte, Halbichte und Falsche, was auf diesem Blatte stehen mag. Bitten Sie auch Ihre vortreffliche Freundin, dieß zu thun. Sie will sich ja einmal durch alle meine Warnungen nicht abschrecken lassen, diese Zeilen zu lesen, und in der That, wenn sie eben so streng richtet, als sie gut richten kann; so zittre ich. Bitten Sie ja für mich. Und dann schreiben Sie mir recht bald wieder, lassen Sie aber ja wieder etwas von dem Briefe abschneiden, wenn Sie auch ein wenig böse werden sollten. Ich will Sie gewiß wieder gut machen.

Nun leben Sie wohl, und bleiben Sie mein Freund.
Ganz
der Ihrige,

Wilhelm.

Anmerkungen

    1. a |Editor| „Die Sphäre des Würklichen ist also enger eingeschränkt als die Sphäre des Denkbaren; alles Würkliche muß denkbar seyn, aber sehr vieles wird gedacht werden können, dem nie eine Würklichkeit zukommen wird.“ (Moses Mendelssohn [1785]: Morgenstunden oder Vorlesungen über das Daseyn Gottes. 1. Theil, Berlin: Christian Friedrich Voß und Sohn, S. 13). [Mattson 2014, S. 432]

    Über diesen Brief

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    Quellen

    Handschrift
    • Grundlage der Edition: Weimar, GSA, 96/1369, Nr. 2
    Druck
    • Haym 1894, S. 93–101; Mattson 2014, S. 58–63 Nr. 14
    Nachweis
    • Mattson 1980, Nr. 15
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Ephraim Beer, vor 01.10.1787. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/621

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