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  3. Nr. 104

Wilhelm von Humboldt an Karl August Böttiger, 30.05.1826

|1*| Ew. Wohlgebornen haben mich mit Ihrem gütigen Schreiben vom 19. April[a] ebensosehr erfreut, als durch so viele schmeichelhafte darin enthaltene Aeußerungen wirklich beschämt. Ich würde dieser Güte schon früher entsprochen und Ihnen für Ihr freundschaftliches Andenken meinen wärmsten Dank abgestattet haben, wenn ich Ihnen nicht zugleich ein Urtheil über H. Seyffarths Unternehmen u. neustes Werk hinzufügen sollte, ein Verlangen, das mich in Verlegenheit setzt, und dem ich mich doch weder entziehen mag, noch kann.

Ew. Wohlgeboren wissen, wieviel Interesse ich an des verewigten Spohns Arbeiten u. hernach an denen seines Herausgebers nehme, Sie werden mich also keiner Partheilichkeit für das Ausland beschuldigen. Ich habe auch zu laut gestanden, daß ich gar kein Talent zum Rathen u. Entziffern habe, u. daß ich mich mit Hieroglyphen nur beschäftige, um den Entdeckungen anderer zu folgen[b], als daß ich in Verdacht kommen könnte, daß meine Eitelkeit bei meinem Urtheil im Spiel wäre.

Dies vorausgeschickt werde ich Ew. Wohlgeboren meine Meinung ohne Rückhalt mittheilen, u. es wird sehr kurz geschehen können.

|2*| So wie ich Hn Seyffarths Schrift durch seine eigne gütige Mittheilung erhielt, las ich dieselbe gleich mit großer Aufmerksamkeit durch u. habe sie nachher wieder oft zur Hand genommen. Ich bin aber genöthigt, das offene Geständniß zu machen, daß mich sein System durchaus nicht überzeugt, ja auch nicht einmal einen einzigen Augenblick in meinen frühern Ueberzeugungen wankend gemacht hat. Wird dies in mir nicht bei fernerm Studium des Werkes anders, so werde ich fortfahren, in Hieroglyphen dem von Champollion (mit u. nach Young) eingeschlagenen Wege zu folgen, den ich für richtig halte, der aber allerdings nicht so glänzende Erfolge verspricht, als die Seyffarthische Methode. Mit dieser aber, gestehe ich, weiß ich in meiner Art u. Weise durchaus gar nichts anzufangen. Ich finde in Hn Seyffarths Buch auch nicht Eine wirklich erwiesene neue Entzifferung; ich finde keinen Weg vorgezeichnet, wie ich seine Entzifferungen selbst prüfen könnte; ich würde glauben in lauter Willkührlichkeiten zu gerathen, wenn ich sein System auf von ihm nicht erklärte Stellen anwenden wollte. Wenn so viele Hieroglyphen haben alle aus wenigen Buchstaben, deren Verzierungen sie sind, entstehen können, welche Gewähr kann man haben die höchst einfachen Züge der Buchstaben in den verwickelten Schnirkeln[c] u. Figuren richtig erkannt zu haben? Champollion zeichnet einen Weg vor, der von Namen, die man in zweisprachigen Inschriften |3*| findet, ausgeht, u. wohl durch Labyrinthe, aber doch an einem Faden führt. Wo thut das Herr Seyffarth? Er hält sich immer im Allgemeinen. Er schildert das ganze Zeichensystem, aber der Beweis, daß es so ist, scheint mir überall zu fehlen.

Ich bin darum weit entfernt, sein System falsch zu nennen. Ich rede bloß subjectiv. Für mich ist es ein verschloßnes Buch, ein Gefäß mit einem Deckel ohne Handhabe, ich weiß H. Seyffarth nicht zu deduciren, daß es nicht so seyn könnte, wie er sagt, aber ich finde nirgend, daß er mir beweist, daß es so ist.

Zwei Dinge aber thun mir in Herrn Seyffarths Verfahren leid, u. ich hätte gewünscht, er hätte sie anders gemacht, u. thäte es noch.

Einmal hat er die Spohnische Arbeit ganz liegen lassen u. wie liegen lassen! Er hat Spohns Entzifferungen ohne Spohns Beweise, selbst ohne sein Alphabet, gegeben. Man hat schon diese Entzifferungen angegriffen, u. der Angriff kann wenigstens nicht aus Spohns Nachlaß, wie ihn das Publicum hat, widerlegt werden. Das finde ich nicht recht gegen Spohn. Hat Spohn keine andre Papiere, gar keine Beweise hinterlassen, so mußte man die Sachen anders dem Publicum übergeben.

Dann ist doch nicht zu läugnen, dass von Herrn Seyffarth eine Methode der Hieroglyphenentzifferung vorhanden war u. noch ist, die Champollionische. Sollte es da nicht überhaupt u. vorzüglich bei Deutscher Gründlichkeit Pflicht seyn, indem man eine sehr verschiedne giebt, den Ungrund jener zu zeigen? Denn ist jene als Entzifferung wenigstens richtig, was möglich wäre, die Hieroglyphen mochten der Ursprung oder die |4*| Verschönerung des Alphabets seyn, so stellt das doch die Sache äußerst verschieden. Nun giebt Herr Seyffarth ein Stück einer Leichenrolle (der im Pariser großen Werke) als Hymnus des Hermes, eine mir auch gar voreilig scheinende Benennung. In diesem Stück kommen Hieroglyphen vor, die Champollion als den Namen des Verstorbenen petamoun erklärt, die aber bei Herrn Seyffarth ganz etwas andres werden[d]. Warum nun übergeht er das ganz, u. fängt nicht damit an das zu widerlegen? Bemerken muß ich dabei, daß diese Hieroglyphen in der Stelle vielleicht über hundertmal wiederkehren, daß sie in Verbindung mit andern von Champollion als Namen gelesenen Zeichen, die sich auf Vater u. Mutter des Verstorbnen beziehen, stehen, u. daß durch alle diese Umstände die Champollionische Erklärung schon viel mehr äußere Wahrscheinlichkeit hat.

Hiernach werden Ew. Wohlgeboren sehen, wie ich über die neue Entzifferungsart denke. Ich schrieb es, soviel man das dem Verfasser, ohne mit ihm genauer bekannt zu seyn, thun kann, selbst an H. Seyffarth[e]. Ich wünsche, daß meine Ueberzeugungen sich ändern mögen, u. werde es dann gern u. mit Freuden erklären.

Wie herzlich würde es uns freuen Ew. Wohlgeboren einmal hier u. in Tegel zu sehen. Ich habe neuerlich einen jungen Bacchus restauriren lassen[f], der gewiß Ihren Beifall haben würde.

Mit der hochachtungsvollsten u. freundschaftlichsten Ergebenheit
Der Ihrige,

Humboldt.
Berlin, den 30. Mai, 1826.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Der Brief ist nicht überliefert.
    2. b |Editor| Siehe Wilhelm von Humboldt (1828): Ueber vier Aegyptische, löwenköpfige Bildsäulen in den hiesigen Königlichen Antikensammlungen. Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 24. März 1825. In: Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin aus dem Jahre 1825, Historisch-Philologische Klasse, S. 145f. Anm.* (= GS V, S. 134f. Anm.*). [FZ]
    3. c |Editor| Altertümliche Nebenform zu Schnörkel, „SCHNIRKEL, m.“, Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/21, <https://www.woerterbuchnetz.de/DWB?lemid=S15423>, abgerufen am 18.02.2021. [FZ]
    4. d |Editor| Leitzmann 1949, S. 8, Anm. 3: "Vgl. Champollion, Précis du système hiéroglyphique des anciens Êgyptiens 1, 110. 2, 18; Seyffarth, De lingua 1, 1."
    5. e |Editor| Siehe den Brief Humboldts an Seyffarth vom 19. Februar 1826. [FZ]
    6. f |Editor| Siehe Christine und Ulrich von Heinz (2018): Wilhelm von Humboldt in Tegel. Ein Bildprogramm als Bildungsprogramm, 2. Aufl., Abb. auf S. 50. [FZ]
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Karl August Böttiger, 30.05.1826. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/104

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