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August Wilhelm von Schlegel an Wilhelm von Humboldt, 23.06.1829

Bonn den 23sten Junius 1829.

Ew. Excellenz bitte ich um Erlaubniß, auf Ihr gestern empfangenes gehaltreiches Schreiben vorläufig nur einiges erwiedern zu dürfen. Ich habe eben eine sehr dringende Arbeit vor, worüber die Beantwortung, wenn sie ausführlich seyn sollte, gar zu lange verschoben bleiben könnte.

Ich werde gewiß nicht unterlassen, die Gründe für die neue Schreibung von neuem sorgfältig zu erwägen. Wäre ich aber noch so sehr von deren Statthaftigkeit und Zweckmäßigkeit überzeugt, so stände es nicht mehr in meiner Gewalt, sie in Ausübung zu bringen. Mein Hitôpadêsa ist gedruckt; vom Râmâyana ist der erste Band gedruckt, und wenn ich nun in dem zweiten die Methode plötzlich wechselte, so könnten die Leser mit Recht klagen, während das Töpferrad herumläuft, sey aus der amphora ein urceus geworden. Ferner möchte ich auch dem Râmâyana gern Eingang verschaffen. Es ist vorauszusehen, daß die Gelehrten in London, Paris und Calcutta sich gegen die Neuerung erklären werden. Ich bedarf aber einiges Absatzes, nicht um Gewinn zu haben, sondern nur um einen Theil der Kosten zu decken. Wenn dieß nicht erfolgt, so könnten leicht meine geringen Mittel erschöpft seyn, ehe ich das Werk zu Ende gebracht hätte. Die Subscription ist noch sehr kümmerlich, und jeder Band des Râmâyana kostet mir wenigstens 1000 Thaler. Alles zusammengenommen, Anschaffung kostbarer Bücher und Kunstsachen, Reisen, Unterstützung und Entschädigung meines Mitarbeiters, habe ich, mäßig angeschlagen, auf die Sanskrit-Studien schon über 5000 Thaler verwendet.

Da die festere Gränzbestimmung der Worttrennung Ew. Excellenz Beifall nicht gewonnen hat, so thut es mir nun wirklich leid, daß ich nicht alles ohne Zwischenräume gedruckt habe. Bei dem schließenden n habe ich Herrn Lassens Meynung nachgegeben. Solche unmerkliche Schritte ließen sich wohl wieder zurück thun.

Darüber, daß wir die Sylbentheilung nicht beobachten, können wir uns, glaube ich, beruhigen. In den alten Inschriften ist sie stark bezeichnet, in den Devanagari Manuscripten meistens weit weniger, und in den Bengalischen fließt alles in einander.

Ew. Excellenz glauben bei mir eine feindselige Gesinnung gegen Herrn Bopp wahrzunehmen. Folgendes sind die Thatsachen.

Ich habe ihn in sehr früher Zeit dem jetzt regierenden Könige von Baiern zur Unterstützung in England angelegentlich empfohlen, und mit Ihrem Herrn Bruder gemeinschaftlich etwas für ihn ausgewirkt; ich habe ihn in den Heidelberger Jahrbüchern dem Deutschen Publicum angekündigt, da noch niemand von ihm wußte; ich habe seinen Nalus mit Wärme aufgenommen, mit Nachdruck gelobt, und die Mängel nur leise berührt; ich habe seine Geschmacklosigkeit, seine holperichten Deutschen Verse, seine schülerhafte Latinität mit dem Mantel der Liebe bedeckt; ich habe ihm die Emendationen zum Nalus mitgetheilt, und ihm sogar die Handschrift anvertraut; ich habe ihn in der Vorrede zum Râmâyana ehrenvoll erwähnt, und ihm das Werk selbst zeitig, ehe es in den Buchhandel kam, zugeschickt. Ich habe also vom Anfange an bis auf den heutigen Tag das zuvorkommendste Betragen gegen ihn beobachtet.

Dafür habe ich nun sehr schlechten Dank erlebt. Schon vor einer Anzahl Jahren hat er mir einen übeln Streich gespielt, den ich ihm, wie aus obigem genugsam erhellet, nicht nachgetragen.

Eine vertrauliche Mittheilung von Einwürfen, wenn sie auch ganz ungegründet wären, ist immer ein freundschaftliches Verfahren. Denn wäre die Absicht feindlich, so würde man mit dem Angriffe gleich öffentlich hervortreten, damit er den Gegner unvorbereitet träfe.

Herr Bopp ist aber über die Nachweisung einiger Versehen in eine solche Entrüstung gerathen, er hat mir einen so ungehörigen Brief geschrieben, daß mir nichts übrig blieb, als die Fortsetzung des Briefwechsels höflich abzulehnen.

Jetzt da ich den vom Ministerium bewilligten Guß der kleinen Devanagari-Lettern verlange, bezeigt er sich äußerst ungefällig und legt mir Zögerungen und Hindernisse in den Weg.

Mein zweites Distichon besagt nichts weiter, als daß Herr Bopp einen ungültigen Sprachgebrauch zuweilen durch falsche Lesearten zu erweisen sucht. Davon liegen die Beispiele vor mir. Z. B. Arjuna p p. 77. Übrigens sind wohl keine Epigramme unschuldiger als die in einer fremden Sprache, welche kaum ein Dutzend Menschen in Deutschland verstehen; vollends wenn sie nur vertraulich mitgetheilt werden.

Herr Bopp hat allerdings grammatischen Sinn: wenn er nur die Indischen Grammatiker fleißiger studirt hätte, wenn er nicht immer Originalität anbringen wollte, wo sie nicht hingehört, so hätte er etwas recht gutes leisten mögen. Kritischer Sinn für die Unterscheidung des Ächten und Unächten oder Verfälschten mangelt ihm gänzlich. Deswegen macht er auch keinen Unterschied zwischen beglaubigten und unbeglaubigten Texten. In der Auslegungskunst ist er schwach. Z. B. in der Anmerkung über ētāwat (Arjun. p. 109, 110.) thut er fast unglaubliche Fehlgriffe. Er will mit Unrecht Wilkins zurechtweisen, und entstellt ganz was dieser gesagt hatte. – Es wäre leicht, die Beispiele zu häufen.

Wenn mir wegen freimüthiger öffentlicher Äußerungen über das, was mir, in einem wissenschaftlichen Gebiet, irrig und verkehrt scheint, Eifersucht angeschuldigt wird, so muß ich es mir gefallen lassen. Mir ist schon manchmal schlimmeres begegnet. In diesem Falle wäre aber doch die Hypothese sehr unwahrscheinlich, theils wegen des oben angeführten, theils weil ich zur Ausführung meiner bösen Absichten fünf Jahre versäumt hätte. Ich hatte in der That wichtigeres zu thun.

Ich hoffe, Ew. Excellenz werden den unerfreulichen Inhalt dieses Briefes meinem lebhaften Wunsche, mich vor Ihnen zu rechtfertigen, zu gute halten. Es wäre freilich angenehmer, einem so überschauenden und tief eindringenden Geiste gegenüber sich mit würdigeren Gegenständen der Betrachtung zu beschäftigen.

Vielerlei Störungen lassen mich in meinen Arbeiten nicht so vorwärts kommen, wie ich wohl wünschte. Im Sommer strömen mir die Reisenden von allen Weltgegenden zu, und es wäre doch unfreundlich, sie an der Thür abzuweisen. Seit vier Jahren führe ich den Vorsitz in einem Verein für die Vergrößerung und Verschönerung der Stadt. Nun bin ich auch Mitglied des Municipal-Rathes geworden. Ich wollte es nicht ablehnen, in der Hoffnung, zuweilen etwas auch für die Universität ersprießliches zu fördern.

In den öffentlichen Blättern habe ich mich bisher vergeblich nach guten Nachrichten von Ihrem Herrn Bruder umgesehen.

Ich schließe mit den herzlichsten Wünschen für die Fortdauer Ihrer Gesundheit, und bitte Ew. Excellenz den Ausdruck meiner unveränderlichen Gesinnungen zu genehmigen.
Gehorsamst
AWvSchlegel.

Die Zeilen am Schlusse Ihres Briefes las ich mit inniger Rührung. Jedoch dünkt mich, bei dem Verluste des theuersten Gegenstandes liegt etwas tröstliches und linderndes in der Erinnerung der vollkommenen Harmonie, worin man gelebt hat. Wenn aber auf innige Gemeinschaft eine Trennung der Geister und Gemüther folgt, eine Spaltung, welche bis zum empörtesten Unwillen steigt, über die öffentliche Rolle, die der Andere spielt, über die Grundsätze, die er lehrt, über seine verwerflichen wiewohl ohnmächtigen Bestrebungen, Aberglauben und Geistesknechtschaft zu fördern; wenn in dieser Lage dann die letzte Trennung durch den Tod erfolgt: dann ist die Trauer zugleich unendlich schmerzlich und peinlich. Dieß war mein Fall mit meinem Bruder Friedrich. Verloren hatte ich ihn längst, und diese Wunde hat seit Jahren geblutet. So hat jeder seine eignen Leiden.

Zitierhinweis

August Wilhelm von Schlegel an Wilhelm von Humboldt, 23.06.1829. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/1082

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