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  3. Nr. 11

Jacob Grimm an Wilhelm von Humboldt, 08.08.1824

|9r| Eurer excellenz gütige zuschrift vom 28 juni hat mich erfreulich überrascht.[a] Es ist mir von großem werthe, mit einem mann, dessen tiefe einsichten auch das fach, wovon ich einen kleinen theil bearbeite, erleuchten, in berührung gekommen zu sein; eine berührung, die ich mir lange wünschte, selbst anzuknüpfen. <aber nicht wagte, selbst anzuknüpfen.>

Auch Die vorlesung über das entstehen der grammatischen formen <neueste abh.>, für deren zusendung ich herzlichen dank erstatte, über das entst. der gramm. formen, habe ich zu meiner vielfachen belehrung und erweckung durchlesen. Allen darin enthaltenen geistreichen behauptungen beizupflichten <oder sie zu bestreiten> fühle ich mich noch nicht gewachsen. Ew. Exc. schweben in der höhe, das weite feld überschauend; ich weiß noch nicht, ob ich einmahl von meinem boden werde auffliegen dürfen. Jetzt klebe ich sogar mehr daran, als zu der zeit, wo ich die vorrede[b] niederschrieb, deren Sie auf eine für mich mir unvergeßlich nachsichtige weise erwähnen und die ich beinahe bitten muß, nicht <niemahls> wiederzulesen, weil es sonst um den guten, für mich günstigen eindruck gethan sein würde. Ich spürte <bald nachher>, daß noch reichlich gelernt werden müsse und könne, ehe wir gleichsam den thatbestand unserer sprache vor augen haben; durch dieses forschen und durch die täglichen entdeckungen, die es zur folge hatte, wuchs mir die <eine gewisse> scheu, nach den letzten gründen zu fragen; ich arbeite fort, ohne zu sorgen, wohin es führen, was es anstoßen oder bestätigen wird. Genug ermunterung für mich, daß <wenn> ich einzelnes zur antwort auf höhere fragen diensam, geahnt oder blindlings gefunden habe. Die nachfolgenden |9v| äußerungen über den inhalt Ihrer abhandlung sind daher schüchtern gemeint, mehr als ich es im augenblick zeigen kann.

Die herrlichkeit geistiger sprachbildung haben Sie <Den hohen Werth geistiger Sprachbildung finde ich in der abh. habe ich noch nie> |so| schön und klar auseinander gesetzt <gesehen>; die mittel, deren er gerade bedarf, nimmt sich der geist <der geist nimmt sich die mittel, deren er gerade bedarf,> und führt damit einen bewunderungswürdigen haushalt. Dies <Ähnliches> ist mir auch vorgeschwebt, als ich mich über das verhältnis der schriftsprache zu den volksmundarten zu erklären hatte, welche letztere von ihren sammlern gewöhnlich zu hoch <sehr> auf unkosten der gebildeten sprache erhoben werden. Das gemeine volk führt noch einzelne leiblich-schöne flexionen und formen fort, aber die seele ist daraus gewichen und es weiß sie nicht harmonisch anzuwenden; die schriftsprache hat ihnen aus höheren zwecken entsagt, und vermag sie selten aufzunehmen. <wie vermöchte sie wieder sich damit zu befaßen?>

Den grammatischen formen ursprüngl. bedeutsamkeit zuzugeben bin ich immer geneigt gewesen, ja an den gebrauch bedeutungsloser elemente, den Sie zwar für eine <in a: spr.>[c] seltne erscheinung in allen sprachen erklären, doch aber in gewissen fällen annehmen, glaube ich [nicht recht] schwer <nicht recht>. Allein ich gestehe auch, dass es mir außerordentlich schwer vorkommt, die wahre bedeutung der flexionen nachzuweisen <ins licht zu setzen>, kaum kenne ich beispiele, die befriedigen. Mit der d bedeutung der partikeln f verhält |10r| es sich nicht viel anders. Tooke weiß mehr, als er beweisen kann, seine erklärungen, sobald man sie historisch prüft, erliegen fast alle[d]. Dies mislingen macht aber nicht, daß man den <der> grundsatz der bedeutsamkeit aufzugeben <aufgegeben zu werden> braucht.

Ich freue mich darauf <Vortrefflich wäre es wenn>, wie Sie einmahl inskünftige den gegensatz des auf steigens zur bildung und den des herabsinkens von derselben entwickeln werden. Mehr als einmahl zeigt <gewährt> uns die geschichte den gang des versinkens, aber fast nie den aufsteigenden <fast nie>. Die deutsche sprache bei ihrer ersten erscheinung zeigt mehr wahre grammatische formen, als je nachher, und mehr <fein> gebildete praep.[e] und conj.[f] als späterhin. Sie ist offenbar schon damahls im zustande des sinkens von einer höhe herab, die <sich> unsern blicken völlig entrückt hat. Da nun die denkkraft der deutschen völker vom in dieser Zeit, ich will sagen vom vierten bis zum achten jahrh. sich wenig hervorleuchtet so muß die tref grammatische trefflichkeit ihrer sprache entweder aus einer älteren <auf eine ältere> periode geistiger bildung herrühren hinweisen, oder weniger abhängen noch von etwas anderm abhängen. Darf ich nun gestehen bekennen, daß ich auch einer stoffartigen Herrlichkeit |sic| der sprache, die mir mit jenem <<fast> undurchdringlichen und doch nicht wegzuleugnenden> geheimnis der wahren flexion innig verwandt scheint, vieles einräume? Sie tritt der geistigen <Ihr tritt die geistige> in gewissem sinne entgegen, störend und unterbrechend manches von dem, was der andern gemäß war. Wir bauen auf <Unser geschlecht baut immer auf> eine |10v| zerdrückte ältere schöpfung mit ihren steinen und bäumen. Wir werfen Nicht alles was wir wegwerfen, wäre überflüßig gewesen, wir sollen auch in einigem darben. Selbst die glücklichsten sprachen haben aber auch eine menge <einen guten theil> stoffs <in sich> behalten, wel der der denkkraft, wenn sie allein walten könnte <waltete>, widerstreben müste. |sic| Um ein beispiel zu geben, der unterschied der geschlechter <des geschlechts> und dessen anwendung auf ganz abstracte begriffe läßt sich <aus> der griech. sprache gar nicht nehmen. Gleichwohl leugne ich nicht, daß die englische durch seine entfernung in einigen rücksichten gewonnen haben mag.

Den Satz (S. 18) daß jemehr sich eine sprache von ihrem ursprung entferne, sie desto mehr gewinne sie an form kann ich <daher> nicht unbedingt zugestehen. <Sie scheint mir an poetischer form einzubüßen, wie sie an philosophischer zunimmt. Ich behaupte auch zweierlei sich entgegenstehende gesetze des wohllauts, das <eins> prosodisch, das andere vom accent abhängig. Nur muß man auch hier, wie Ew. E. mit recht einen strengen unterschied zwischen flexions und agglut. sprachen[g] verwerfen, auch hier zugeben, daß beide richtungen ineinander greifen.>

Ich bitte Ew. Excellenz nicht zu zweifeln, daß ich es an diese meine ansichten <sind> weit schüchterner gemeint sind, als ich hier es <sie> auszudrücken vermag vermochte und die

Mit wahrer verehrung habe ich die ehre zu sein

Anmerkungen

    1. a |Editor| Datum und Schreibort dieses Entwurfes ergeben sich aus den Angaben der Briefausfertigung in Krakau. [FZ]
    2. b |Editor| Gemeint ist die Vorrede der zweiten Auflage seiner Deutschen Grammatik, S. V–XIX, erschienen im Jahr 1822. [FZ]
    3. c |Editor| D.h.: in allen Sprachen
    4. d |Editor| Damit ist wohl die von Andrew Tooke herausgegebene 15. Auflage von William Walkers A Treatise of English Particles gemeint. [FZ]
    5. e |Editor| D.h.: Präpositionen
    6. f |Editor| D.h.: Conjunctionen
    7. g |Editor| D.h.: Flexions- und Agglutinations-Sprachen

    Über diesen Brief

    Eigenhändiger Entwurf in Kleinschreibung
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    Quellen

    Handschrift
    • Grundlage der Edition: Berlin, SBBPK, Nachlass Grimm, 1165, (3), Bl. 9–10 (Entwurf). – Ausfertigung: Ehem. Preußische Staatsbibliothek zu Berlin, gegenwärtig in der Jagiellonen-Bibliothek Krakau, Berliner Depot, Autogr. (Gr.)
    Druck
    • Leitzmann 1906, S. 150–152 (Ausfertigung)
    Nachweis
    • Mattson 1980, Nr. 11807 (Ausfertigung)
    Zitierhinweis

    Jacob Grimm an Wilhelm von Humboldt, 08.08.1824. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/11

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