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Wilhelm von Humboldt an Christian Karl Josias Bunsen, 22.11.1833

Ew. Hochwohlgebohren statte ich meinen wärmsten und herzlichsten Dank für Ihren langen und reichhaltigen Brief ab. Ich habe denselben mehrere Male gelesen und auch meinem Bruder mitgetheilt, um so geistvolle und in so gedrängter Kürze so kräftig und klar vorgetragene Ideen nicht allein zu geniessen. Was Sie sagen, ist vollkommen wahr. Man wendet sich der Fremde und der Vergangenheit zu, behandelt historisch die Gegenstände, nicht aus Gleichgültigkeit gegen das Einheimische und die Gegenwart, oder aus Abneigung gegen das Raisonnement, sondern lediglich um nicht, wenn man diese Sphäre verlässt, zu demjenigen gerechnet zu werden, zu dem man nicht gehören will. Ihre Idee zu den fehlenden Volksbüchern ist vortrefflich, allein allerdings schwer durchzuführen. Man muss das Volk bei demjenigen ergreifen, was in der That entweder das Werk seines Verstandes oder seines Gefühls ist, oder was es sich als solches angeeignet hat. Was man aber in dies Gebiet rechnen kann, dessen wird immer weniger, da die verfeinerte Bildung immer mehr verlernt, das Volksmässige neben sich anzuerkennen, und daher zur gerechten Strafe sich unmittelbar dem Gemeinen anschliessen muss. Dies ist die Krankheit der Zeit, die alles besitzt, und nicht den Sinn für das reine und gediegene Gefühl, die enge Verschmelzung des Verstandes mit der Empfindung, auf welcher das Volksmässige beruht. Es giebt ganze Perioden in der Geschichte, wo nur die Massen dasjenige sind, was den wachsenden Geist des Menschengeschlechts fortträgt. Ich meyne die Perioden der Sprachenbildung und der Entstehung der Mythen. Dann folgen die Perioden der Gesänge und Philosopheme, als deren Urheber man unbestimmte, ungeschichtliche Namen angiebt. Erst nach beiden Epochen folgt die der wahrhaft individuellen Bildung, wo ein bestimmter Mensch allein aus sich heraus schafft und wirkt. Auf diesem allmähligen Absondern des Geistes der Einzelnen von dem Geiste der Masse beruht, meiner Ueberzeugung nach, die Erklärung des Bildungsganges der Menschheit. Aber auch in dem Zustande einer Bildung, wie unsre heutige ist, kann das höchste und feinste Ideenleben nicht bestehen, ohne dass ein kräftiger Volkssinn ihm Fülle oder Gediegenheit zuführt. Diese so natürliche Verbindung des Einzelnen mit der Masse fliesst aus dem ganzen Zusammenhange, vermöge dessen die Nationen noch weit mehr sind, als bloss Aggregate von Individuen. Die Politik strebt immer mehr dahin, sie als solche zu betrachten, kann auch, uns ehrlich zu gestehen, in ihren Operationen kaum anders, will zwar hernach wieder über den Begriff des Aggregats hinaus Einheit stiften, ist aber, wie jede bloss menschliche Kraft, ohnmächtiger im Schaffen, als im Zerstören, und erreicht daher ihren letzten Zweck nicht. So glaube ich mit Ew. Hochwohlgebohren, dass jetzt wenig mehr zu machen ist, als was die Besseren und Verständigeren wirklich thun.

Ich habe diese Betrachtungen, die mir Ew. Hochwohlgebohren Schreiben so nahe gebracht hatte, nicht unterdrücken mögen und empfehle sie Ihrer nachsichtvollen Beurtheilung. Mit lebhafter Freude habe ich gesehen, dass Sie zugleich Ihre archäologischen Studien wieder fortsetzen. Die beiden Etruskischen Wörter, welche Sie mir anführen, wüsste ich nirgends herzuleiten. Die Schwierigkeit der Forschungen in diesem Sprachgebiet liegt nicht bloss darin, dass das Material noch zu wenig kritisch gereinigt ist, sondern darin, dass überhaupt ein zu geringes und dürftiges vorhanden ist. Aus wenigen und bloss einzelnen Wörtern, selbst wenn sie grosse Lautähnlichkeiten darböten, bleibt es immer bedenklich Folgerungen zu ziehen, da man, um die Analogie einer Sprache mit der andren zu finden, erst die in jeder selbst liegende entdeckt haben muss. Es ist aber wenig ehrenvoll für das Sprachstudium, dass man, noch so gar nicht irgend vollständig und kritisch die Mundarten behandelt hat, die westwärts von Hellas gesprochen werden und unter denen das Epirotische obenan steht. Es würde sich daraus vielleicht noch manches ergeben, was man als Mittelglied zwischen Griechischen und Italischen ansehen könnte.

Für die grosse Sorgfalt, welche Ew. Hochwohlgebohren dem mir allerdings sehr theuren Begräbnissplatz gewidmet haben, bin ich Ihnen unendlich verbunden. Der Verlust der vier alten Cypressen thut mir ungemein leid. Nach Ew. Hochwohlgebohren Schreiben scheint man aber doch von den nunmehr gepflanzten bessere Erwartungen hegen zu können. Um so mehr danke ich Ew. Hochwohlgebohren, dass Sie die Ulmen nicht haben abhauen lassen, da sonst der Platz ganz kahl und nur von der Pinie überschattet gewesen wäre. Wenn Sie es für gut halten, bitte ich Sie ja, die Aufmerksamkeit des Aufsehers des Platzes von Zeit zu Zeit durch ein Trinkgeld anzuspornen. Ich werde jede Ausgabe, die Sie für diese Ruhestätte nothwendig erachten, mit Vergnügen erstatten.

Empfangen Ew. Hochwohlgebohren die Versicherung meiner ausgezeichnetesten und freundschaftlichsten Hochachtung.
Humboldt.
Tegel, den 22. November, 1833.

Über diesen Brief

Schreibort
Antwort auf
-
Folgebrief
-

Quellen

Handschrift
  • Verbleib unbekannt
Druck
  • Leitzmann 1949, S. 18f.; Freese 1955, S. 958f.
Nachweis
  • Mattson 1980, Nr. 8534

In diesem Brief

Zitierhinweis

Wilhelm von Humboldt an Christian Karl Josias Bunsen, 22.11.1833. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/112

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