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Bartholomäus Kopitar an Wilhelm von Humboldt, 20.06.1827

Excellenz!

Der Unterzeichnete hat sich bestrebt, und bestrebt sich noch, Ew. Excellenz drey gütigen Zuschriften zu entsprechen, mehr durch die That, als durch Worte; oder strenger genommen, mehr durch (nur halb erfüllte) Bemühungen.

Für Bibliothekar Spieker |sic| ist, aus Rücksicht für Ew. Exc., gethan worden, was in unseren Ferien möglich war. Graf Dietrichstein selbst interessierte sich für ihn. – Dobritzhoffer’s Abiponisches Lexicon muß, nach allen meinen Spuren, in eines Confratis Hand in Ungern seyn; ich werde die Spur nach Möglichkeit verfolgen; Ew. Exc. könne sich aber selbst vorstellen, wie die verschiedenen Charaktere auch ihre Spuren verschieden behandeln. – Bischoffs Sindica endlich überbrachte mir der Prof. Kucharski, nach der Instruction der Prager Slawisten, im Gasthause, wo ich eben an B. von Hormayr’s Seite saß. Dieser Umstand ist Schuld daran, daß H**r das Buch sich ausbat, um eine Anzeige davon in seinem Archiv zu machen. Hier ist diese Anzeige, mit deren Tumultuarität (ne dicam gravius) ich sehr unzufrieden bin. Doch solche misère erreicht Ew. Exc. nicht. Puchmayer werde ich Ew. Exc. indessen kommen lassen.[a] In Ungern, Serbien und der Walachey & Moldau, wo es ganze Herden dieser Unglücklichen gibt, wäre freilich eine reiche Ernte, aber die Arbeiter fehlen! Der Serbe Vuk Stephanovich Karadschitsch (Караџић), der die herrlichen drey Bände serbischer Volkslieder gesammelt,[b] u. noch 10 ähnliche sammeln könnte, hätte er durch 2–3 Jahre ein Stipendium von 600 Thalern, wie der Philister Schottky hier von Berlin aus durch 5–6 Jahre hatte, wäre auch hiezu der brauchbarste Mann. Er ist graeci ritus, also ein Landsmann unter diesen Leuten; ein grammaticus von Geburt (indolet ingenio), wie er durch seine serbische[c] und die Elemente der bulgarischen Grammatik bewiesen, die er hier (in Wien) von Bulgaren ausgefragt, und wovon ich Ew. Exc. vor drey Jahren durch R R Schulz[d], ni fallor, ein Exemplar geschickt habe,[e] quod spero Te recte accepisse (Si non, dic, ut mittam aliud exemplum opusculi, non vendibilis); und endlich von soviel sens commun, daß er auch unter Philistern vollkommen gut durchkommt. Er hat zwar eine Pension von 100 # vom Kais. Nicolaus: aber dabei Frau & Kinder. Und der Arbeiter ist seines Lohnes werth; doppelt wenn er ein tüchtiger ist. Vielleicht wäre ein Wort von einer guten Autorität an St R Adelung, oder sonst in Petersburg, hinreichend, ihm diesen Auftrag (gegen eine momentane Zulage) zu verschaffen. Soviel könnte ich, als genauer Bekannter, verbürgen, daß die Auslage auf diesem Hoffnungsschacht nicht verloren wäre.

Ich bitte Ew. Exc. um die Fortdauer dero gütigen Wohlwollens und habe die Ehre mit Ehrfurcht zu verharren.
Ew. Excellenz
gehorsamster Diener
Kopitar.
Wien, den 20. Juny 1827.

PS. Der Anwurf wegen Vuk ist eben nur ein Anwurf, und bittet, nicht als Unbescheidenheit oder Zudringlichkeit ausgelegt zu werden. Vuk ist in Wien mit Entwürfen zu einer Papiermühle und Druckerey für Serbien. Er wird in einem Monate nach Leipzig gehen. Der sel. Vater kannte ihn, Grimm und St R Jacob in Halle kennen ihn und sind ihm gut. Er ist der beste Kopf, den ich unter allen Serben bisher kennen gelernt habe. – Böte also das Glück noch zufällig die materiellen Bedingnisse, – der Mann wäre in Vuk gefunden.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Dieses Buch von Antonín Jaroslav Puchmajer scheint Humboldt nicht erreicht zu haben, stattdessen befand sich in seiner Bibliothek das Lehrgebäude der Russischen Sprache aus dem Jahr 1820 vom selben Autor; Schwarz 1993, S. 31 Nr. 196. [FZ]
    2. b |Editor| Ein vierter, abschließender Band erschien im Jahr 1833, ebenfalls in Leipzig bei Breitkopf & Härtel. – Eine Auswahl dieser Volkslieder erschien 1825/1826 in zwei Bänden in der deutschen Übersetzung von Therese von Jakob (der Tochter des weiter unten genannten Staatsrates von Jakob, unter dem Pseudonym "Talvj"): Volkslieder der Serben. Metrisch übersetzt und historisch eingeleitet von Talvj. 2 Bände, Halle: Renger. [FZ]
    3. c |Editor| Die serbische Grammatik erschien 1824 in einer deutschen Übersetzung von Jacob Grimm: Wuk’s Stephanowitsch Kleine serbische Grammatik, verdeutscht und mit einer Vorrede von Jacob Grimm. Nebst Bemerkungen über die neueste Auffassung langer Heldenlieder aus dem Munde des Serbischen Volks, und der Uebersicht des merkwürdigsten jener Lieder von Johann Severin Vater, Berlin: Reimer. [FZ]
    4. d |Editor| Gemeint ist wahrscheinlich Johannes Karl Hartwig Schulze, seit November 1818 Geheimer Oberregierungsrat im preußischen Kultusministerium. [FZ]
    5. e |Editor| Siehe Schwarz 1993, S. 13 Nr. 8.

    Über diesen Brief

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    Quellen

    Handschrift
    • Ehem. Berlin, AST
    Druck
    • Grundlage der Edition: Vasmer 1937, S. 20–23
    Nachweis
    • Mattson 1980, Nr. 12007
    Zitierhinweis

    Bartholomäus Kopitar an Wilhelm von Humboldt, 20.06.1827. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/1122

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