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Wilhelm von Humboldt an Caroline von Humboldt, 12.11.1823

Weimar, 12. November 1823

Ich habe Goethen, liebe Li, leider krank gefunden. Er hat seit 10 bis 12 Tagen einen Husten, der ihn sehr mitnimmt. Er wirft nicht aus dabei, hat kein Fieber, obgleich vollen Puls und krampfhafte Anwandlungen, so daß ihm die Nägel oft blau sind. Er klagt besonders über schlaflose Nächte, die mit dem Husten natürlich verbunden sind. Er schreibt die Verschlimmerung seines Zustandes großenteils einer gefährlichen Krankheit zu, an der sein Arzt, ein Hofrat Rehbein, daniederlag. Jetzt ist dieser, auf den er großes Vertrauen setzt, wiederhergestellt, und so ist er auch mutvoller. Sein Aussehen kann ich demungeachtet nicht sehr verändert finden. Auch spricht er heiter, sobald ihn der Gegenstand belebt. Da es ihm aber unmöglich gut sein kann, viel zu reden, so werde ich mich doch in acht nehmen, ihn nicht zu viel und zu lange zu besuchen. Es ist mir sehr leid, daß es sich gerade so hat fügen müssen. Was ich seinem Zustand unangemessen finde, ist die schreckliche Hitze bei ihm, nach der der Bagration und der meines Bruders verdient sie die dritte im Grade zu heißen. Ich halte sie aus, aber es erfordert eine Gewohnheit wie die meinige. Ich habe mir die Freiheit genommen, in Gegenwart des Arztes darauf aufmerksam zu machen, und der riet sehr einen Thermometer an. Allein Goethe ist in meinen Prinzipien und protestiert gegen einen so gefährlichen Zeugen.

Im Gespräch habe ich ihn wie sonst gefunden, höchst interessant und leicht zu großer Teilnahme zu bringen, aber abgebrochen, so daß man das einzelne zusammenlesen und sich sehr hüten muß, ihn nicht durch ein dazwischengeworfenes Wort aus seinem Ideenzusammenhang zu bringen. Mit mir ist er, man kann nicht freundlicher, er hat mir auch versprochen, mir vorzulesen oder mir zum Lesen zu geben, und er muß doch also allerlei bereit haben. In den Gesprächen über Kunst, und namentlich über Berlinische, habe ich in den Gesprächen mit ihm und dem Großherzog immer viel von den alten Ideen gefunden, die nicht frei von Vorurteil sind. Der Großherzog sagte mir ganz naiv, daß er das Komödienhaus anfangs sehr häßlich gefunden habe, er gestand aber auch, daß, als er es oft und in allen Beleuchtungen gesehen, er sehr von seiner ersten Meinung zurückgekommen sei. Vom Tegelschen Hause[a] spricht er noch mit großem Beifall und hat in meiner Gegenwart der Großherzogin und Großfürstin von den Winden[b] erzählt.

Auf Meyer hat bei uns nichts einen solchen Eindruck gemacht als der Lippi, den er für einen der besten erklärt, die er je gesehen hat, und das Fragment des Männerkopfes, das Du nicht liebst. Von beiden hört er nicht auf zu reden. Goethe ist ungemein begierig, das Fragment zu sehen, und ich wünschte ihm wohl die Freude zu machen. Sei doch so gut, teure Seele, und sprich mit Rauch, ob er Lust hat, es formen zu lassen, aber zugleich, ob es ohne allen Schaden des Stücks geschehen kann. Denn, da es so sehr selten ist und Westmacott in London es bloß mir zuliebe formen ließ, so möchte ich es allerdings nicht verderben. Einen Abguß der großen Juno nach unserm Kopf hat Goethe auch und ist erstaunt über die Schönheit des Abgusses.

Den Minervakopf, der bei uns auf dem Ofen steht, hält Meyer für schöner als den der Velletranischen. Diese Meinung möchte ich nun nicht teilen, um so weniger, als ich den Kopf der letzteren hier wieder bei Goethen gesehn habe.

Goethes Art, sich zu beschäftigen, ist mir, nachdem ich nun alle seine Hefte gelesen und ihn hier noch darüber höre, sehr klar. Ich fragte ihn nach verschiedenen Sachen, die ihn an sich interessieren müssen, Alexanders neuestem geognostischen Werk, seiner Reise usf. Auf alle Fragen gestand er, daß er das gar nicht gelesen habe und nicht lesen wolle, bis er in seinen eigenen Forschungen darankomme. Bei dieser Gelegenheit sagte er dann deutlich, daß er jetzt gar nicht mehr anders lese, als indem er gleich auch darüber schreibe, und darum hüte er sich vor neuen Büchern, die ihn nur anregen und auf Untersuchungen führen würden, die außer seinem Weg lägen, und zu denen er jetzt nicht mehr Zeit und Kraft habe. Von mir hatte er die Sprachabhandlung[c] jetzt wieder gelesen und war sehr bewandert darin. Merkwürdig aber ist mir gewesen, daß er mir auf die über die Geschichte nie weder schriftlich ein Wort geantwortet, noch jetzt eine Silbe gesagt hat. Diese Abhandlung hat überhaupt ein eigenes Schicksal. Einigen, wie Du weißt, und unter denen auch ziemlich trockene Menschen sind, wie Heeren in Göttingen, hat sie wirklich über die Maßen gefallen, so auch Dir. Andere haben schon durch ihr Stillschweigen das Gegenteil gezeigt, so gewiß der größte Teil der Akademie in Berlin, selbst Schleiermacher, wie ich glaube, Alexander, dem nun schon die paar Worte mißfällig sind, die von höherer Weltregierung darin vorkommen, Schlegel, auch Körner, dem ich sie in der Handschrift zeigte, urteilte nur sehr mäßig davon, ebenso Welcker. Ich gestehe aber, daß ich auf der Seite derer bin, die von der Arbeit eher viel halten, und diese Erfahrung wird mich künftig mehr bestimmen, bloß meinem Urteil zu folgen. Denn ich war wirklich sehr zweifelhaft, ob ich die Abhandlung nur überhaupt sollte drucken lassen.

Zwischen Goethe und der Schiller ist eine Art Angelegenheit über die Briefe Schillers und Goethes. Goethe möchte diesen Briefwechsel zusammen drucken lassen, und die Lücken von der Zeit, wo sie zusammen waren, erzählend ausfüllen. Wenn er diese Idee ausführt, so ist sie für die Leser offenbar die beste. Die Schiller aber möchte, und mit Recht, den aus diesen Briefen zu ziehenden Vorteil nicht für die Kinder aufgeben. Sie hält also Goethes Briefe zurück und hat einige von Goethe gemachte Vorschläge, sie für eine geringe Summe zurückzukaufen, abgeschlagen. Ich habe nun dadurch, daß ich Goethen meine Schillerschen Briefe gegeben, ihn aber gebeten habe, sie, wenn er sie gelesen hätte, der Schillern zu geben, und daß ich ihm so indirekt zu Gemüte geführt, daß von Schiller geschriebene Briefe von seinen Freunden billig als Eigentum der Kinder angesehn werden, eine neue Bewegung in die Sache gebracht, und beide Teile haben mich nun gebeten, sie zu vermitteln. Ob das aber gelingen wird, steht doch dahin. Denn obgleich beide sich ehren und lieben, so bestehen sie doch gegenseitig auf ihren Meinungen. Das alles muß natürlich ganz unter uns bleiben.

Schillers jüngste Tochter, Emilie denke ich, ist ein wunderbares Gesicht und Gestalt. Man kann sie lange ansehen und ungewiß bleiben, ob man sie schön nennen soll, aber nicht einen Augenblick, ohne nicht sehr auf sie hingezogen zu werden. Sie hat etwas so Einfaches, so Reines, so Edles in den Zügen, etwas so durchaus Jungfräuliches, ohne im Gespräch irgend verschlossen zu sein, daß man so etwas gewiß nur äußerst selten erblickt. Sie hat mir ausnehmend gefallen. Die Älteste ist bei der Chère mère und soll gar nicht anziehend sein.

Lolo und Caroline grüßen Dich, Carolinen und Gabrielen unendlich, auch die Stein hat mit der größten Teilnahme nach Euch allen gefragt. Ich habe ihr von allen Kindern erzählen müssen. Die arme Frau ist aber sehr taub und kann fast gar nicht gehen, ist selbst zu schwach, in ein Bad zu reisen.

Der Fürstin von Rudolstadt habe ich heute geschrieben und mich auf den 21. angemeldet. Es war dies nötig, da sie manchmal so krank ist, daß sie schlechterdings niemand sehen kann. Ich freue mich sehr, zu ihr zu gehen. Ich kann Dir nicht sagen, süßes Herz, was mir das Wiedersehen dieser Gegenden für Freude macht, lauter süße Erinnerungen an Dich und an eine glückliche Zeit. Ich gehöre zwar gar nicht zu denen, die die vergangene Zeit glücklicher nennen als die gegenwärtige, ich kann nicht finden, daß es damals und in der Jugend besser war; es ist nur anders. Ich bin jetzt so glücklich durch Dich, durch die Kinder, durch mich selbst, daß mir nicht nur nichts abgeht, sondern daß ich manches Ungemach, wenn es nur nicht dich und die Kinder betrifft, ohne Mühe tragen und gegen das übrige Glück aufwägen könnte. Mit mir selbst bin ich sogar jetzt wohl eher zufrieden, als wie ich mich nach der Erinnerung an tausend kleine Umstände von damals her besinne. Es gab damals Zeiten, wo ich recht unleidlich war, und ich bewundere noch oft im Stillen und danke es Dir, daß Du das und mich mit vieler Nachsicht getragen hast. Also nicht gerade glücklicher nenne ich jene Zeit, aber darin war sie eigentümlicher und auch besser, daß wir größeren Menschen näher standen und täglich mit ihnen umgingen. Wenn es jetzt auch gleich merkwürdige gäbe, kommt man nicht so leicht mehr mit ihnen nahe zusammen. Die Jugend hat natürlich etwas, das sich leichter anschließt.

Goethe wird seine Wahrheit und Dichtung nicht weiter fortsetzen, und die Champagne wird das letzte bleiben. Aber er hat eine Chronik seines ganzen Lebens von Jahr zu Jahr, oft von Monat zu Monat ausgearbeitet, wo er die verschiedenen Epochen in verschiedener Ausführlichkeit behandelt, und die wohl in einiger Zeit erscheinen wird. Es ist unglaublich, wie viel er sich mit dem Aufsuchen, Ordnen, Redigieren aller alten Papiere beschäftigt. Sogar, was man im „Morgenblatt", der „Literaturzeitung" und früher in der „Frankfurter Zeitung" hat abdrucken lassen, wird aufgesucht und zusammengeschrieben.

Motz hat hier einen Neveu, mit dem ich ehemals in Geschäftsverbindung stand. Von diesem erfahre ich, daß er die Kronprinzessin bis Berlin begleiten, aber den 10. Dezember, doch nicht eher, in Magdeburg zurück sein wird. Eher werde ich also auch nicht Burgörner verlassen können, da ich ihn notwendig sehen muß.

Nun lebe wohl! Umarme alle lieben Kinder und Kindeskinder.
Ewig Dein
H.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Das von Karl Friedrich Schinkel umgebaute Schloss Tegel. [FZ]
    2. b |Editor| Gemeint sind die Reliefdarstellungen der Winde am Schloss Tegel, die auf den Turm der Winde auf der Römischen Agora in Athen zurückgehen. [FZ]
    3. c |Editor| Humboldt hatte Goethe diese Abhandlung am 21. November 1821 zugeschickt; siehe Leitzmann in: GS IV, S. 437. [FZ]

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    Handschrift
    • Verschollen
    Druck
    • Grundlage der Edition: Sydow 1906–1906, Bd. 7, S. 171–177
    Nachweis
    • Mattson 1980, Nr. 7344

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    Wilhelm von Humboldt an Caroline von Humboldt, 12.11.1823. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/1135

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