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Wilhelm von Humboldt an Caroline von Humboldt, 21.11.1823

Rudolstadt, 21. November 1823

Goethen fand ich gestern morgen sehr schwach. Er hatte die Nacht wieder nur im Lehnstuhl zugebracht, und die Augen fielen ihm alle fünf Minuten zu, wobei dann sein Kopf gleich auf seine Brust sank. Dann hob er ihn wieder und öffnete die Augen, und so ging es die ganzen Stunden, die ich da war. Dazwischen sprach er aber wieder mit Lebendigkeit. Er sagte mir auch einiges über seine Lage, wovon mündlich. Er braucht eine außerordentliche Erheiterung, glaube ich, in dieser Einförmigkeit seines Lebens. Eine solche würde, meiner Meinung nach, einen sehr glücklichen Einfluß haben. Ich habe ihm allerlei Vorschläge gemacht, allein es wird wohl beim alten demungachtet bleiben. Die Ärzte behaupten, daß es mit seiner Krankheit nichts zu sagen habe. Ich kann leider diese Meinung nicht teilen. Sein Leib ist offenbar geschwollen. Er nimmt fast lauter flüssige Nahrung zu sich. Die schlaflosen Nächte und der Husten matten ihn außerordentlich ab. Man erwartet jetzt sehr gute Wirkung von Blutegeln, die man ihm in der Nierengegend gesetzt hat. Ich konnte ihn deshalb gestern nachmittag nicht mehr sehen und habe nicht von ihm Abschied genommen. Ich werde aber, wenn ich übermorgen von hier abreise, wieder über Weimar gehen, weil der Weg über Jena gar zu schlecht sein soll, und dann nur Goethen und Carolinen besuchen.

Die Großfürstin, die Großherzogin und der Großherzog lassen Dich sehr grüßen und haben es mir ganz besonders aufgetragen, mit dem Zusatz, daß Du doch ja einmal selbst mitkommen möchtest. Der Erbgroßherzog hat das noch mit den schönsten Phrasen ausgeschmückt. Die Höflichkeit gegen mich hat sich bis zuletzt erhalten. Die Großfürstin hat wirklich alles hervorgesucht, um ihre Aufmerksamkeit zu beweisen, und der Großherzog hat mir so für mein Kommen gedankt, daß man sah, daß es ihm sehr lieb gewesen war. Er hat mich gestern noch bis Mitternacht bei sich behalten.

Hier ist es mir heute sehr gut gegangen. Die verwitwete Fürstin ist jetzt gerade wohl, sehr heiter und gut mit mir und hat nach allem gefragt. Alles, was man ihr je gesagt hat, weiß sie noch und muß vieles mehr gehört haben. So sagte sie vom Tegelschen Bau[a]. Auch von den amerikanischen Sprachen und dem Sanskrit weiß sie, und ich habe ihr Sanskritbuchstaben vormalen müssen. Es ist nichts zwischen Himmel und Erde, wonach sie nicht fragt. Dabei aber hat sie immer zugleich den wahren Ton der guten Gesellschaft, macht schnelle und hübsche Übergänge, appesantiert sich auf nichts und ist bei dieser Leichtigkeit doch in den wichtigen Dingen recht tief eingehend. Im Äußeren möchte ich sagen, daß sie gewonnen hat, sie ist magerer geworden, was ihr sehr gut steht. Dabei ist sie ganz einfach schwarz angezogen.

Die regierende Fürstin[b] habe ich ganz verändert gefunden. Sie spricht viel, von selbst und sehr angenehm. Sie ist wirklich eine sehr liebenswürdige Frau. Ihr Äußeres hat freilich verloren, doch ist ihr Wuchs sehr schön und das Gesicht von bedeutenden Zügen.

Prinzessin Karl[c] und ihr Mann sind wie immer. Bei der chère mère habe ich nach der Tafel Kaffee getrunken. Die chère mère ist im 80. Jahre aber noch rüstig im Gehen und Sprechen. Sie steigt sogar noch die hohe Schloßtreppe. Sie hatte eine kindische Freude, mich zu sehen, und sagt Dir und Carolinen und Gabrielen tausend Liebes. Die Lebensgeschichte und Verheiratung der Kinder habe ich heute unendlich oft erzählen müssen.

Ich sagte Dir, glaube ich, noch nichts von Schadows Madonna. Der Großherzog, der sie gekauft, liebt sie sehr. Sie stand einige Tage auf einer Staffelei im Versammlungssaal des Schlosses, und alle waren damit zufrieden. Auch Goethen wurde sie geschickt. Öffentlich und gegen den Großherzog lobt er sie sehr: „Artig, reinlich, nett, sauber, lieblich, anmutig," und wie alle seine „Artigkeitswörter" heißen. Unter vier Augen hat er mir aber seine Theorie über diese Art Bilder auseinandergesetzt. Er teilt alle Bilder in die ein, die zur Bilderwelt, und die, welche zur Natur gehören. Bei den ersten hat der Maler nur andere Bilder vor Augen gehabt, bei den letzten die wahre, volle und doch idealische Natur. Dies Bild rechnet er zu den ersten. Die Madonna sei keine Mutter, keine Amme, keine Wärterin, sondern eben eine Madonna, wie man sie so gemalt zu finden pflege usf. Giotto und Cimabue hätten wirklich die Natur ergriffen, da ihre Vorgänger nur Byzantinische Bilder nachgemacht hätten. Unter ihren Nachfolgern sei wieder viel von dieser Malerei nach Bildern gewesen. Rafael habe zuerst wieder die Natur ergriffen, darum müsse man aber nun nicht die vor ihm, sondern ihn nachahmende zum Muster nehmen.

Van Eyck ist ihm auch einer, der bloß nach Bildern gemalt hat. Es scheint mir darin viel Vorurteil zu sein, und ein Teil davon liegt auch darin, daß er eigentlich Haß auf alle christlichen Sujets, besonders auf Madonnen hat. Über diese seine Ansicht des Christentums schreibe ich Dir ein andermal mehr. Heute ist es mir zu spät, da ich um 5 ausgefahren bin. Dein spanisches Manuskript habe ich wieder, sehr schön in roten Cordouan eingebunden[d]. Die Grammatik einer amerikanischen Sprache, die ich hier auch in einer Handschrift aufgefunden, ist höchst wichtig und ein wahrer Fund, ich bringe sie mit[e].

Nun lebe wohl, innigstgeliebtes Kind. Ewig Dein
H.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Das von Karl Friedrich Schinkel umgebaute Schloss Tegel. [FZ]
    2. b |Editor| Sydow 1906–1916, Bd. 7, S. 191: Amalie Auguste, geb. 1793, † 1854, Tochter des Erbprinzen von Anhalt-Dessau, vermählt seit 1816 mit dem Fürsten Friedrich Günther.
    3. c |Editor| Sydow 1906–1916, Bd. 7, S. 191: Luise Ulrike, geborene Prinzessin von Hessen-Homburg, Schwester der verwitweten Fürstin. Prinz Karl war der Bruder des verstorbenen Fürsten.
    4. d |Editor| D.h. Caroline von Humboldts Manuskript der systematischen Beschreibung der Gemälde im Escorial, das sie nach der Rückkehr aus Spanien von Paris aus zur Veröffentlichung an Goethe geschickt hatte; siehe dazu Osterkamp, Ernst (2017): Caroline von Humboldt und die Kunst, Berlin: Deutscher Kunstverlag, S. 17, 19. Die Handschrift blieb mit Ausnahme eines kurzen Auszugs unpubliziert und gilt seit dem Zweiten Weltkrieg als verschollen. [FZ]
    5. e |Editor| Dabei dürfte es sich um die in dem Brief an Goethe vom 20. November 1823 genannten Sammelband mit Grammatiken zum Arawakischen, Chiquitano und Guarani handeln (Jena, ThULB, Inv. Ms. Prov. q. 330a; freundlicher Hinweis von Joachim Ott, ThULB). Erst 1826, drei Jahre später, konnte Humboldt diesen Band in Augenschein nehmen; vgl. dazu die Briefe vom 13. Februar 1826, 20. Dezember 1826 und 23. Januar 1827. [FZ]
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Caroline von Humboldt, 21.11.1823. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/1137

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