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Wilhelm von Humboldt an Caroline von Humboldt, 01.12.1823

Burgörner, 1. Dezember 1823

Du glaubst nicht, wie viel ich zu schreiben habe. Es wächst einem mit den Gütergeschäften ordentlich unter den Händen. Gestern schien die Sonne sehr freundlich. Heut war der Himmel sehr wunderbar, vorzüglich gegen Abend. Es war windiges Wetter und der ganze Himmel voll schwerer Wolken, die aber nur im Abend unbeweglich lagen, sonst hin und her trieben, und gerade am Abend blieb ein schmaler lichter Streif vom Horizont, durch den die Strahlen der Abendsonne schossen. Dazwischen lag nun das ganze Tal in einem schauerlichen Dunkel. Ich stand sehr lange auf dem Lindenberg und kann Dir nicht sagen, wie mir immer das Herz aufgeht, wenn ich alle Tage einen freien Blick in die weite Natur machen kann. Auch gehe ich sehr viel hier, aber ohne mich zu ermüden. Ich habe nichts von trockenen und mühevollen Studien hierher mitgenommen. Die wenigen Stunden, die mir von der Geschäftsschreiberei und dem Spazierengehen, Leutesprechen usf. bleiben, lese ich fast bloß die Ethik des Aristoteles und den „Bhagavad Gîtâ“, den Schlegel herausgegeben hat. Beide behandeln eigentlich dasselbe Thema, den Zweck aller Dinge, den Wert des Lebens, das höchste Gut, den Tod als den Anfang eines neuen Daseins. Im Aristoteles ist die Erhabenheit eines großen und beinah ungeheuren Geistes und der gebildetsten Nation des Erdbodens, in dem indischen Gedicht die vielleicht noch rührendere des höchsten Altertums und eines zu tiefsinniger Betrachtung gleichsam geschaffenen Volks. Ich lese von beiden eigentlich immer nur wenig, aber jeder Laut ergreift mich mit einer zum eigenen Nachdenken anregenden Stärke. Es fällt mir dabei oft ein, daß es doch eigentlich sonderbar ist, daß Goethe so fast ausschließend in den Produkten der Zeit lebt und an dem hängt, was er seine Arbeit in seinen Heften nennt, was doch wieder nur eine für die neueste Zeit ist. Wenn ich mich meinem Hinscheiden so nahe glauben müßte wie er, seinem Alter und seiner Gesundheit nach, wäre mir das unmöglich. Ich ginge vielmehr dann nur in die Vorzeit zurück und suchte dasjenige um mich zu sammeln, worin sich die menschliche Natur am reinsten und einfachsten ausgesprochen hat.

Du wirst jetzt leicht mehr von ihm erfahren als ich. Selbst wenn ich Carolinen regelmäßig darum schriebe, würde es nicht eigentlich helfen. Man erfährt immer nur in Weimar die Relationen des Bedienten oder die Räsonnements der Ärzte. Wer ihn nicht selbst sieht, kann nicht genau urteilen, und Caroline sieht ihn gar nicht. Sie sind eigentlich auseinandergekommen, und sie urteilt bisweilen über seinen Charakter und sein Benehmen mit einer Strenge, die einem weh tut. Wahr ist es indes, daß er sich gegen die Schillerschen Kinder nicht gut benommen hat.

Dem Kronprinzen habe ich am 29. geschrieben und schicke den Brief mit diesem ab, da eher keine Post ging. Ich habe meiner Abwesenheit gar nicht und am wenigsten entschuldigend erwähnt, auch bin ich überzeugt, daß sie ihm nicht aufgefallen ist, und ich bin recht froh, daß ich die Reise gemacht habe. Wäre ich erst jetzt abgereist, wäre ich so in den Winter gekommen, daß das ein sehr großes Hindernis in allem geworden wäre.

Morgen, wo Dunker[a] abgeholt wird, lasse ich den Ingrimm zu seinem Vater gehen. Er kommt dann Sonntag zurück. Es ist mir nicht angenehm, ihn so lange zu entbehren, da, wenn mich jemand besucht, ich ohne allen Bedienten bin und in homerischer Einfachheit den Schweinerücken selbst teilen muß. Allein es ist eine heilsame Buße, und die vielleicht die Nemesis beschwichtigt, daß ein abgesetzter Minister einige Tage im Jahr in Staub und Asche zubringen muß.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Dunker war Sekretär des Vaters von Caroline von Humboldt gewesen, bevor er Verwalter des Gutes Burgörner wurde; siehe Humboldt-Gesellschaft für Wissenschaft, Kultur und Bildung e.V. (Hrsg.) (2011): Beiträge zur Humboldt’schen Familienchronik, Literatur und deutschen Sprache, Roßdorf: TZ-Verlag, S. 34f. und 64; siehe auch GS XIV, S. 241. [FZ]
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Caroline von Humboldt, 01.12.1823. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/1138

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