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Wilhelm von Humboldt an Christian von Schlözer, 27.10.1823

|1r| Ew. Wohlgeboren werden Sich mit Recht wundern, daß jemand, der vielleicht kaum dem Namen nach das Vergnügen hat, Ihnen bekannt zu seyn, Ihnen mit diesen Zeilen beschwerlich fällt. Da es aber einen literarischen Gegenstand betrift, über den ich Sie um Auskunft ersuchen möchte, so darf ich mir mit der Hoffnung schmeicheln, daß Sie diese Freiheit gütig verzeihen werden.

Ich beschäftige mich seit längerer Zeit mit Untersuchungen über die Americanischen Sprachen, und bin bei Gelegenheit derselben auf einen Brief voll heller u. treflicher Ansichten über Sprach- u. Völkerstudium gestoßen, den Ew. Wohlgeboren unvergeßlicher Herr Vater, dessen Schüler zu seyn ich noch das Glück genossen habe, im Jahre 1782. in Rom an den Abate Gilij geschrieben hat, u. der in dessen Storia Americana abgedruckt ist. Ich werde ein eignes Geschäft daraus machen, daran zu erinnern, daß dieser Mann, dessen Wirken sich nach allen Seiten hin erstreckte, auch der erste in Deutschland war, der auf diese Sprachen aufmerksam machte.

In diesem Briefe (Gilij saggio di storia Americana. T. 3. p. 354.) erwähnt Ihr Herr Vater, daß er durch den Ex-Jesuiten Camaño eine Grammatik der Chiquito Sprache, u. eine der Guarani Sprache besaß. Diese beiden Grammatiken auf eine Zeitlang benutzen zu können, würde mir von ausnehmender Wichtigkeit seyn. Vorzüglich wünschte ich dies in Absicht der Chiqui-|1v|to Grammatik. Von dieser Sprache giebt es nichts andres, als den dürftigen Auszug aus Camaños Arbeit in Gilij’s Werk. Von der Guarani Sprache giebt es eine gedruckte Grammatik des nördlichen u. eine handschriftliche des südlichen Dialects, die ich beide besitze[a]. Doch bliebe die Vergleichung der Arbeit Camaño’s immer sehr wichtig.

Ich habe mich wegen dieser beiden Schriften zuerst an Herrn Hofrath Heeren in Göttingen gewendet, weil mir bekannt war, daß ein Theil der Bücher des verewigten Schlözer in die dortige Bibliothek gekommen ist. Sie befinden sich aber nicht dort. Ich vermuthe daher, daß beide Grammatiken handschriftlich waren, u. mit den übrigen Handschriften Ihres Herrn Vaters sich in Ew. Wohlgeboren Händen befinden.

Wäre dies nun der Fall, u. wollten Ew. Wohlgeboren mir die große Gewogenheit erzeigen, mir dieselben mitzutheilen, so würde ich sie in spätestens drei Monaten vom Empfange an gewiß u. unfehlbar Ihnen zurück übermachen. Die Preußische Gesandtschaft in Petersburg würde ein sichres Mittel der Übersendung darbieten, u. ich habe unsren Gesandten, den Herrn Gen. Lieut. v. Schöler vorläufig darum ersucht.

Indem ich Ew. Wohlgeboren meine Entschuldigungen wiederhole u. es mit dem lebhaftesten Danke erkennen würde, wenn Sie die Geneigtheit haben wollten, mir die erbetenen Mittheilungen zu machen, habe ich die Ehre mit der ausgezeichnetesten Hochachtung zu verharren
Ew. Hochwohlgeboren
ergebenster,
der Preußische Staats-
minister Freiherr von
Humboldt.
Berlin, den 27. Oct. 1823.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Siehe dazu Harald Thun, Guaraní-Grammatik, in: Humboldt 2011, S. 237f. zur Sprache (d.h. den Sprachen Tupi und Guarani) bzw. S. 240–243 zu Humboldts Quellen. [FZ]

    Über diesen Brief

    Eigenhändig
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    Folgebrief
    • 01.12.1824

    Quellen

    Handschrift
    • Grundlage der Edition: Ehem. Berlin, Preußische Staatsbibliothek, acc. ms. 1934.52; heute Krakau, BJ, Ms. Berol. Autographen Sammlung, Humboldt
    Druck
    -
    Nachweis
    -
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Christian von Schlözer, 27.10.1823. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/1140

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