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Wilhelm von Humboldt an Christian von Schlözer, 27.02.1826

|1r| Was werden Ew. Wohlgeboren von mir denken, daß ich Ihren so überaus gütigen Brief vom 1. December, 1824. erst heute beantworte, und Ihnen erst heute meinen herzlichsten und innigsten Dank für das kostbare Geschenk abstatte, das Sie mir mit den beiden[a] Original Handschriften der Chiquita und Guarani Grammatik zu machen die Gewogenheit gehabt haben? Ich kann Ew. Hochwohlgeboren mit gutem Gewissen bitten, das nicht einem Mangel an Dankbarkeit gegen Ihr zuvorkommendes Wohlwollen, oder auch nur einer Vernachlässigung einer mir gewiß theuren Pflicht zuzuschreiben. Der Grund lag bloß darin, daß ich von einem Monat zum andren das zweite Paket erwartete, das Ew. Hochwohlgeboren, wie Sie mir anzeigten, auch nach Herrn LegationsRath von Küster für mich übersendet hatten[b]. Dies Paket war mir um so wichtiger, als es eigne Schriften Ew. Hochwohlgeboren und die Handschrift[c] Ihres von mir noch immer so innig verehrten Herrn Vaters enthalten muß. Leider aber habe ich es noch immer nicht empfangen, und noch heute Herrn Legat. R. von Küster deshalb sehr dringend geschrieben. Die angenehme Hoffnung, Ew. Hochwohlgeboren in Deutschland zu sehen, hat sich leider auch nicht bestätigt. Haben Sie den Plan dieser Reise ganz aufgegeben? Wie sehr würde ich mich freuen, Ihnen hier meinen Dank unendlich wiederholen zu können!

|1v| Nicht unangenehm ist es Ew. Hochwohlgeboren vielleicht zu erfahren, daß es in Jena in der Büttnerschen Bibliothek eine Abschrift der Grammatiken giebt[d], deren Originale ich nun durch Ihre Güte besitze. Es ist dieser Abschrift aber gar keine Bemerkung über ihren Ursprung beigefügt, so daß ich mich erst habe durch die Vergleichung von der Richtigkeit meiner Vermuthung überzeugen können. Ich hatte nemlich die Büttnersche Abschrift geliehen erhalten u. schon selbst eine neue Abschrift davon anfertigen lassen, ehe ich Ew. Hochwohlgeboren Geschenk erhielt. Nun ist es aber sehr wichtig durch das Original von allen Abschreiberfehlern gesichert zu seyn. Wenn man bedenkt, wie wenig Hülfsmittel man über die Amerikanischen Sprachen hat, wie viel Notizen u. wirkliche, nun ungedruckt gebliebene, Werke mit den vertriebnen Jesuiten untergegangen sind, so ist der Verdienst <es> nicht genug zu schätzen eine so vollständige Grammatik, wie die der Chiquita Sprache, durch den Verdienst Ihres großen Vaters, dessen Geist alles die Menschheit Interessirende umfaßte, aus dem Schiffbruch gerettet zu wissen.[e]

Ich schließe hier, sobald mir das zweite Paket noch zukommen sollte, nehme ich mir die Freiheit, Ew. Hochwohlgeboren abermals zu schreiben, und bis dahin habe ich die Ehre mit der ausgezeichnetesten Hochachtung zu verharren
Ew. Hochwohlgeboren
ergebenster,
Humboldt
Berlin, den 27. Februar, 1826.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Einfügung von fremder Hand in Druckbuchstaben: „(bloss zur Abschrift verlangten)“
    2. b |Editor| Dieses Paket ist nie angekommen; siehe dazu Humboldt in: GS VI, S. 137 Anm. **: "Schlözer erhielt auf dieser Reise von dem Ex-Jesuiten Camaño in Faenza eine von demselben verfasste Grammatik der Chiquitischen Sprache, die, vorzüglich durch ihre Buchstabenveränderungen, eine der merkwürdigsten unter den Amerikanischen ist, und von der es an allen andren Nachrichten fehlt. Da ich dies aus dem angeführten Briefe ersah, wandte ich mich an den gelehrten Sohn des grossen Mannes, den damals noch in Moskau lebenden Etatsrath Schlözer. Durch seine zuvorkommende Güte besitze ich nunmehr Camaño’s eigenhändige Handschrift. Er erstreckte seine grosse Gefälligkeit noch weiter, und schickte mir in einer zweiten Sendung noch andre Papiere über Amerikanische Sprachen aus dem Nachlasse seines Vaters, die aber unglücklicherweise in dem Hause in Petersburg, von dem sie an mich besorgt werden sollten, bei der grossen Ueberschwemmung untergiengen."
    3. c |Editor| Einfügung von fremder Hand in Druckbuchstaben: „(auch einer Gr. einer s. amerikan. Sprache)“
    4. d |Editor| Dabei handelt es sich um den in dem Brief an Goethe vom 20. November 1823 genannten Sammelband mit Grammatiken zum Arawakischen, Chiquitano und Guarani handeln (Jena, ThULB, Inv. Ms. Prov. q. 330a; freundlicher Hinweis von Joachim Ott, ThULB). Erst 1826, drei Jahre später, konnte Humboldt diesen Band in Augenschein nehmen; vgl. dazu die Briefe vom 13. Februar 1826, 20. Dezember 1826 und 23. Januar 1827. [FZ]
    5. e |Editor| Hier befindet sich ein Einfügungssternchen; die dazugehörige dreizeilige Anmerkung am Fuß des Blattes ist leider unleserlich gemacht. – Ein ebenfalls unleserlich gemachter Zusatz befindet sich in der linken oberen Ecke der Vorderseite.

    Über diesen Brief

    Eigenhändig
    Schreibort
    Antwort auf
    • 01.12.1824
    Folgebrief
    -

    Quellen

    Handschrift
    • Grundlage der Edition: Ehem. Berlin, Preußische Staatsbibliothek, acc. ms. 1934.52; heute Krakau, BJ, Ms. Berol. Autographen Sammlung, Humboldt
    Druck
    -
    Nachweis
    -
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Christian von Schlözer, 27.02.1826. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/1141

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