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  3. Nr. 1146

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Wilhelm Riemer, 12.06.1826

|1r| Tegel, den 12. Junius, 1826.

Ich hätte Ihnen schon längst, theuerster Freund, für die gütige Uebersendung der vierten Ausgabe Ihres treflichen Wörterbuchs danken sollen. Ich hatte es sehr oft im Sinne, es kam aber immer bald dies, bald jenes dazwischen. Ich habe indeß Ihr Wörterbuch fleißig und mit großer Belehrung und wahrem Vergnügen gebraucht, und auch öfter die verwandten Artikel im Zusammenhange durchgelesen. Denn bei einem denkenden Lexikographen muß man die Verbindung der Materien, welche das Alphabet zerreißt|?|, um sein System zu übersehen, auf irgend eine Weise wiederherstellen. Ich bin durchaus Ihrer Meinung, daß der Wörtervorrath einer Sprache sich, wenn man einen so großen Theil von ihr besitzt, als wie vom Griechischen, sich systematisch behandeln heißt, u. daß man sogar bei jeder Sprache das zu thun versuchen muß, und jeden Faden so weit verfolgen, als er führt. Zu vermeiden hat man nun die Fäden auch da nach spüren zu wollen, wo es keine mehr giebt, oder sie gewaltsam u. eigenmächtig zusammenzuknüpfen, wie die spätren Holländer freilich oft gethan haben. Es hat mich nach dieser Ansicht betrübt zu sehen, daß Sie in der Vorrede zum 2. Theil so wenig Hoffnung zum 3t machen, den Sie doch in der zum 1sten versprachen. Ein systematisches Zusammenstellen der Formen u. hauptsächlichsten Wörter würde, wieviel auch schon bei den einzelnen Artikeln dafür geschehen ist, doch erst ein wahres Licht über das Ganze verbreiten. Ich hoffe daher immer, Sie ent-|1v|schließen Sich doch noch zur Herausgabe dieser Arbeit, die in Ihnen u. Ihren Papieren gewiß schon sehr weit vorgerückt ist, und wenn meine Ermunterung und Bitte dazu beitragen kann, so können Sie meines Wunsches und meines Antheils versichert seyn. Je weniger noch bis jetzt die wahre Lehre der Lexicographie bei den Philologen durchdringt, desto mehr ist man es der Wissenschaft schuldig, sie so vollendet, als man kann, hinzustellen, und es müßte Ihnen doch, dünkt mich, selbst eine Genugthuung seyn, nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben, sondern Ihr Werk in jeder Art zu Ende zu bringen.

Ich bin mehr, als je, mit Sprachuntersuchungen, die sich aber jetzt freilich sehr von den klassischen Sprachen entfernen, beschäftigt, allein jetzt noch mehr mit dem Grammatischen, als Lexicalischen. Je mehr ich neue einzelne Sprachen in den Kreis meiner Forschungen aufnehme, desto mehr, kann ich wohl sagen, erweitern und berichtigen sich meine Ansichten, und ob ich gleichwohl einsehe, daß ich in den 6 Jahren, die ich nun eine volle Muße genieße, hätte mehr u. viel mehr finden können, so ist es mir doch sehr lieb, den bedeutendsten Theil dieser Zeit nun dem Lernen gewidmet zu haben. Meine Ideen sind auf diese Weise reifer u. minder einseitig geworden. Jetzt bin ich nun aber sehr ernstlich bei der Ausarbeitung meines Werks über die Amerikanischen Sprachen. Ich habe den Plan dazu vollständig angelegt, besitze höchst bedeutende eben in diesen 6 Jahren gemachte Vorarbeiten, und hoffe nun so fortgehen zu können, daß, ohne Gefahr, wieder das Gemachte umarbeiten zu müssen, jeder Tag mich dem Ende näher bringt. Der Haupttheil diese |2r| Werks wird eine vergleichende Grammatik aller Amerikanischen Sprachen, über die man vollständigere data hat, etwa 40 bis 50, seyn.[a] Ich halte eine solche parallelisirend fortgehende Schilderung des Baues aller dieser Sprachen zu einer klaren Einsicht ihrer gemeinsamen Eigenthümlichkeiten für nothwendig. Auf wieder folgende Beschreibungen jeder einzelnen hätten nie zum Ziele geführt, obgleich man allerdings, nach jener gemeinsamen Schilderung, auch die Grammatiken jeder einzelnen zusammenstellen muß, wobei man sich, um Wiederholungen zu vermeiden bald bei den besondern auf das Allgemeine, bald umgekehrt beziehen kann. Zu dieser Arbeit wäre mir die Benutzung eines Buches wichtig, das die hiesige Bibliothek nicht besitzt. Es ist Sagard’s grand voyage du païs des Hurons. Paris. 1631.[b] 8. Ich habe mir aus der Durchsicht des Katalogs der Großherzoglichen Bibliothek in Weimar gemerkt, daß es sich dort befindet, und da der Großherzog immer soviel Gnade für mich hat, würden Sie mir ja wohl, theuerster Freund, leicht die Erlaubniß auswirken können, es zu erhalten. In wenig Wochen wird der Geheimrath Kunth auf seiner Rückreise nach Berlin durch Weimar kommen, u. wird so frei seyn, Sie um das Buch zu bitten. Wollten Sie es ihm alsdann für mich auf einige Zeit mitgeben, so würden Sie mir dadurch einen sehr wesentlichen Dienst erzeigen.

Empfehlen Sie mich Göthe’n auf das innigste, so auch meine Frau, die mir die freundschaftlichsten Empfehlungen für Sie aufträgt. Sie ist leider recht krank in gichtischen Beschwerden, u. wenn auch jetzt weniger leidend, doch überaus schwach.

Leben Sie herzlich wohl, erhalten Sie mir Ihr gütiges Andenken u. nehmen Sie die Versicherung meiner hochachtungsvollsten u. lebhaftesten Freundschaft an.
Humboldt

|Links am Rand:| Sie werden in Kürze in dem Journal Asiatique einen langen französisch geschriebenen Brief von mir an Remusat über die Grammatik des Chinesischen finden[c]. Soviel eine Sprache alle Grammatik entbehren kann, thut es diese, schon dadurch unendlich merkwürdige.
|2v vacat|

Anmerkungen

    1. a |Editor| Zu Humboldts Amerika-Werk siehe stellvertredend für die 3. (Amerikanische) Abteilung des Editionsprojekts "Wilhelm von Humboldt: Schriften zur Sprachwissenschaft" den im Jahr 2016 von Manfred Ringmacher herausgegebenen Einleitungsband (Humboldt 2016). [FZ]
    2. b |Editor| Korrekt ist "1632".
    3. c |Editor| Nach dem genannten Auszug des Briefes im Journal Asiatique erschien die umfangreiche Lettre à Monsieur Rémusat im Jahr 1827 als Monographie; siehe auch die hier den eigenhändigen Brief-Entwurf Humboldts vom 7. März 1826. [FZ]
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Friedrich Wilhelm Riemer, 12.06.1826. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/1146

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