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  3. Nr. 1151

Wilhelm von Humboldt an August Immanuel Bekker, 12.09.1822

|1r| Ich habe neulich bei einer zufälligen Gelegenheit gehört, daß Ew. Wohlgeb. Sich mit einer Ausgabe des Apollonius de syntaxi entweder beschäftigt haben, oder noch beschäftigen. Es erscheint Ihnen daher vielleicht nicht als eine Unbescheidenheit, wenn ich mir die Freiheit nehme, mir Ihre Meinung über eine Stelle zu erbitten, an der mir für eine bestimmte Arbeit gelegen ist.

Sie steht III. 13. ed. Sylb. p. 229. V. 11–20.[a]
ἔστι γοῦν ἐπινοῆσαι τὸ γενικώτατον ὄνομα, ἐν θέσει ἰδία καταγινόμενον ἢ κοινῇ, οὐκ ἐν πτώσει τῇ παρεπομένῃ ἐν γένει τῷ δέοντι· τό γε μὴν εἰδικώτατον καταγίνεσθαι ἐν πατρωνυμικῇ ἐννοίᾳ, ἢ ἐν κτητικῇ, καὶ ἔτι ταῖς ὑπολοίπαις. και δῆλον ὅτι οὐκ ἂν θαρρήσει(έ) τις Φάναι μὴ εἶναι εἰδικώτατον ὄνομα, ὃ μή ἐστι πατρωνυμικὸν ἢ κτητικὸν ἤ τι τῶν ὑπὸ τὸ αὐτὸ εἶδος πιπτόντων.

In den Anmerkungen zu dieser Ausgabe[b] wird vorgeschlagen das οὐκ vor ἐν πτώσει und das εἰδικώτατον vor ὄνομα auszustreichen. Damit aber verlöre, meiner Meinung nach, die ganze Stelle ihren wahren Sinn.

Mir scheinen dagegen andre Aenderungen nöthig, nemlich das εἰδικώτατον vor ὄνομα gar auszustreichen, allein an dessen Stelle γενικώτατον zu setzen, oder diese Aenderung nicht vorzunehmen, sondern das μὴ vor ἐστὶ wegzustreichen, folglich zu lesen
entweder μὴ εἶναι γενικώτατον ὄνομα ὃ μή ἐστι κ.τ.λ.
oder μὴ εἶναι εἰδικώτατον ὄνομα ὃ ἐστι κ.τ.λ.

|1v| Apollonius will nemlich beweisen, daß die modi des verbum finitum species (εἴδε) des Infinitivs als des generellsten Begriffes des Verbum sind. Er sagt also: das generellste kann wohl für sich allein, oder g mit einem andren zusammen stehen, allein nicht in dem casus (πτώσει) immer gerade welchen das Bedürfniß erfordert. Das speciellste dagegen kann in jedem casus stehen.

Nun zieht er die Folgerung.

Diese kann nun nicht seyn: Wie würde jemand wagen zu behaupten daß nicht dies das speciellste sey, welches nicht Casus machen kann? Denn aus dem Vorhergehenden folgt das gerade Gegentheil.

Die Aenderung des Wegstreichens des μὴ ist die kleinere, u. es scheint auch, daß εἰδικώτατον darum gut stehen bliebe, weil gleich darauf von dem εἴδε die Rede ist. Ich würde daher dieses vorziehen.

Ew. Wohlgeb. würden mich sehr verbinden, wenn Sie die Gewogenheit haben wollten, mir zu sagen, ob Sie auch dafür halten, daß die Stelle einer Veränderung bedürfe, u. welcher Sie beistimmen möchten? Vielleicht hatten Sie auch Gelegenheit Handschriften darüber zu vergleichen, u. kennen andre Lesarten.

Wir bleiben vermuthlich noch einige Zeit hier, ehe wir nach Berlin kommen, u. es würde uns sehr angenehm seyn, wenn Ew. Wohlgeb. |2r| uns einmal hier besuchen, u. freundschaftlich mit uns essen wollten. Bloß nächsten Sonntag u. Montag sind wir verhindert. Sonst würde uns jeder Tag gleich lieb seyn.

Mit hochachtungsvollster Ergebenheit
der Ihrige,
Humboldt
Tegel, den 12. September, 1822.

|2v; Anschrift|
An
Herrn Professor Becker,
Wohlgebohren
in
Berlin.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Siehe dazu das Exemplar in der Bayerischen Staatsbibliothek München, Sign. 4 A.gr.b. 121. [FZ]
    2. b |Editor| Siehe Sylburg 1590, S. 373 line Spalte zu p. 229 v. 13 und v. 18. [FZ]
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an August Immanuel Bekker, 12.09.1822. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/1151

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