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Wilhelm von Humboldt an Johann Wolfgang von Goethe, 01.07.1821

|117r| Das freundliche Blatt, das Sie mir, verehrtester Freund, unterm 18. d. übersandt haben, hat mich so herzlich gefreut, und mir Ihr früheres, u. immer unverändert gebliebenes Wohlwollen so lebhaft zurückgerufen, daß ich mir nicht versagen kann, Ihnen gleich wieder einige Worte zu sagen. Auch mir bleibt jene Zeit unsres ehemaligen Zusammenseyns immer die Epoche meines Lebens, die ich mir am liebsten wieder zu vergegenwärtigen suche. Ich kann sie gleichsam als einen Mittelpunkt ansehen, auf den sich das noch früher Vorbereitete gesammelt hatte, u. von dem auf das übrige Leben hin, die Bestrebungen ausgingen, die nun nicht mehr von ihrer Richtung abweichen können. Nichts wirkt so tief auf das Gemüth, als die Verehrung des in der Nähe erkannten Besseren u. Höheren, und was ich Ihnen, was dem verewigten Schiller in dieser Rücksicht schuldig bin, wird nie in mir untergehen. Ich werde dessen erst selbst wieder jetzt recht inne, wo ich wieder ganz mir, und selbstgewählten Beschäftigungen leben kann. Ich kann wohl sagen, daß das Streben nach diesen immer in mir der Grund geblieben sind <ist>, über den Ereignisse u. Geschäfte nur, wie wechselnde Wellen, hinüberglitten, aber es ist doch viel |117v| besser, sich der reinen und freien Muße zu erfreuen.

Es soll mir unendlich willkommen seyn, wenn Sie, theuerster Freund, fortfahren, an meinen wissenschaftlichen Bemühungen freundlichen Antheil zu nehmen. Wenn ich mich hauptsächlich mit Sprachen beschäftige, so ist der Punkt, auf den ich eigentlich ausgehe, der innere Zusammenhang der Sprache mit dem Gedanken, die Abhängigkeit oder Unabhängigkeit dieses u. aller geistigen Bildung von der Sprache, die <welche> ihren Organismus nur zum kleinsten Theil von denen, die sie jetzt reden, empfangen, und ihre eignen Schicksale, wie jedes andre historisch gestaltete Wesen, empfangen <erfahren> hat. Denn es ist nicht abzuläugnen, daß sowohl die grammatischen Formen, von welchen der freie u. vielgewandte Gebrauch so mächtig abhängt, als die Geschlechter der Wörter, welche den an sich vagen Begriff, auf eine bestimmte Weise geprägt, der Empfindung übergeben, von Anbeginn alles Sprechens an, eine Reihe für sich bilden, die es sogar uns bis auf einen gewissen Punkt hin zu erkennen gegeben ist. Gerade dies Problem ist aber auch das schwierigste, u. so begegnet es denn auch mir, daß ich bis jetzt fast nur darum herumgehe, u. oft, bloß um nicht müssig zu seyn, bei Arbeiten stehen bleibe, die höchstens vorbereitend genannt werden können.

Ich habe durch Schlegel’s Indische Bibliothek, u. nachher mündlich durch Wolf erfahren, daß Sie der SanskritDichtung nicht hold sind, u. ich theile bis jetzt durchaus dieselbe Empfindung mit Ihnen. Was ich übersetzt gelesen, hat mich nie |118r| angesprochen, und selbst Schlegel’s Verwandlung der klaren Butter in lauteres Oel, u. die Vergleichung des kinderschwangren Kürbisses mit dem Ei der Leda hat für mich der Sache nach wenig Reiz mehr gegeben. Auch da ich nun dahin gekommen bin, 10 Gesänge des Nalus mit völliger Erkenntniß der Bedeutungen u. grammatischen Formen selbst im Original zu lesen, ist meine Bewunderung nicht mehr rege geworden. Wenn, um nur dies Einzige zu sagen, dem Inhalt das schöne Maß, die anmuthige Mitte zwischen dem Kleinlichen u. dem Ungeheuren fehlt, woraus doch allein Lieblichkeit u. Erhabenheit hervorgehen, so ist in dem Ausdruck oft Dürftigkeit u. abstracte Trockenheit, u. in der Wortfügung große Schwerfälligkeit in den ellenlang durch Buchstabenanbildung an einander geketteten Worten. Sollte sich aber dies Urtheil, wie doch auch noch möglich ist, selbst bei weiterem Studium und Lesen nicht abändern, so ist doch auf der andren Seite wahr, daß gerade diese Sprache die älteste uns bekannte wahrhaft zu dichterischer u. wissenschaftlicher Rede (weit mehr als die Hebräische) gebildet ist, u. in nicht abzuläugnender Verbindung mit den Sprachen des klassischen Alterthums steht. Wenn es nicht unrichtig ist, daß die künstlerische u. wissenschaftliche Bildung, die wir in Griechenland, u. im Grunde dort im Alterthum allein, in dieser Art antreffen, bei aller ursprünglichen Fähigkeit der Nation, u. aller Begünstigung des Schicksals, doch auch noch außerdem einen bestimmten, sie möglich machenden Sprachorganismus voraussetzte, so bleibt immer das Indische die Urbedingung zu aller Kultur, die sich von Griechenland aus auch über uns ausgebreitet hat. Dieser Punkt ist es eigentlich, der mich bei dem sehr mühsamen, u. mehr, als man gern sich selbst gesteht, zeitraubenden Studium des Sans-|118v|crit festhält, zu dem mich anfangs nur allgemeine Forschungen über die Verwandtschaft der Sprachen anregten[a].

Man erwartete Sie, liebster Freund, im Laufe des Mais in Berlin. Mir ist es aber sehr lieb, daß Sie damals nicht hingekommen sind. Wir waren nicht mehr dort, u. so bleibt uns doch die Hofnung, daß Sie ein andermal den Ort besuchen, wo wir glücklicher sind. Ich rathe Ihnen wirklich, auch abgesehen vom eignen Vortheil, dazu. Sie werden es dort ganz anders u. besser finden, als ehemals. Für die Kunst ist viel, u. unter dem Vielen nicht weniges zweckmäßig geschehen. Aber ich rathe Ihnen doch, so zu kommen, daß Sie Sich vielem gesellschaftlichen Treiben entziehen können. Dazu wäre nun mein Vorschlag, nicht den Winter zu wählen, sondern den Sommer, Julius oder August. Sie könnten dann theils bei uns in Tegel (nur eine Stunde Weges von Berlin), theils in unsrem Hause in Berlin wohnen, u. dieser wechselnde Aufenthalt gäbe Ihnen alle Leichtigkeit, sich Einladungen zu entziehen. Uns gewährten Sie einen unendlichen Genuß, u. auch Sie, ich wiederhole es, würden Freude haben. Meine Frau war mit mir hier, sie ist jetzt seit der Hälfte des Monats in Carlsbad. Wie ungünstig ist es für sie, seitdem sie Carlsbad u. Teplitz fast regelmäßig besucht, Sie, liebster Freund, fast von diesen Gegenden Abschied genommen haben. Indeß ist es auch ein glückliches Zeichen, daß Ihre Gesundheit dieses Aufenthaltes nicht mehr bedarf.

Von dem, womit Sie in diesem Jahre uns alle beschenkt haben, kann ich Ihnen leider noch nichts sagen. Bei wechselndem Landaufenthalt ist das Kommenlassen von Büchern schwierig. Es bleibt mir also der Genuß bei meiner Rückkunft nach Berlin. Ihre Briefe kommen mir zu jeder Zeit, ich sey dort, oder nicht, nach Berlin addressirt, richtig zu.

Mit der herzlichsten Anhänglichkeit u. Freundschaft
der Ihrige
Humboldt.
Ottmachau bei Neiße, den 1. Julius, 1821.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Bratranek 1872, S. 266: „vermochten“.
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Johann Wolfgang von Goethe, 01.07.1821. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/1154

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