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  3. Nr. 1159

Wilhelm von Humboldt an Christian Friedrich Wurm, 21.07.1833

|1*| Ew. Wohlgeboren gütiges Schreiben von 9ten huj. verpflichtet mich zu dem wärmsten und lebhaftesten Danke, dessen Ausdruck ich Sie bitte, in diesen Zeilen wohlwollend anzunehmen. Obgleich meine Erwartung von einem über die Knotenschnüre in Amerika selbst erschienenen Aufsatz nicht erfüllt worden ist, so war mir doch der darüber in dem Westminster Review herausgekommene gänzlich unbekannt und wie es auch mit der Wahrheit der darin enthaltenen Angaben stehen möge, so bleibt diese Notiz immer zur Vervollständigung der Litteratur über diesen Gegenstand unentbehrlich. Die mir durch Ew. Wohlgeboren Güte mitgetheilten schriftlichen Dokumente klären aber nicht nur die Sache noch mehr auf, sondern zeigen dieselbe auch von einer in anderer Hinsicht intereßanten Seite. Es bedarf wohl kaum mehr der Bemerkung, daß über die Erklärung der Schnüre daraus nichts zu lernen ist. Ich möchte aber darum nicht die ganze Sache für eine bloße Erdichtung halten. An der Aechtheit der Büchse, in welcher die Schnüre befindlich sein sollen, scheint auch der Verfasser des gedruckten Aufsatzes nicht zu zweifeln. Sie ist höchst wahrscheinlich mehr eine mehr oder weniger alte Peruanische Arbeit. Die Schnüre |2*| selbst könnten zwar wohl neues Machwerk sein. Doch zwing|t,|[a] soweit sie da beschrieben sind, auch nichts zu einer solchen Annahme. Es können sich sehr gut in einem Hause solche Schn|üre| aus den letzten Jahren des Peruanischen Staates erhalten h|aben| und durch wechselnde Schicksale an einen Englischen Schiffs-|Zim|mermann gekommen sein. Wenn ich mich nicht sehr irre, so f|indet| sich in Clavigeros Geschichte von Mexico eine Abbildung solcher Schnüre <(>derer es bekanntlich auch in Mexico gab<)> die zu des Verfassers Zeit noch in einer Sammlung (ich denke in der Botturinischen) in Mexico vorhanden war<en> und insofern kann Lord Kingsborough immer einen guten Kauf gemacht haben. Dieser Lord ist ja wohl derselbe, der mit ungeheuren Kosten alle Mexicanischen HieroglyphenHandschriften hat abzeichnen und lithographiren lassen und dessen Werk wohl ebenso das größeste Bücher Format abgiebt, als der mir von Ew Wohlgeboren mitgetheilte Prospectus das kleinste ist. Am schwersten möchte es sein, ein recht bestimmtes Urtheil über den Schlüssel der Knoten-Schnüre zu fällen. Daß er eine wirkliche Erklärung derselben enthielte, muß wohl nicht bloß bezweifelt, sondern geradezu verneint werden. Darum mag aber auch diese Paraphrase leicht |3*| immer ein verhältnißmäßiges Alter besitzen und ebenso eine conjecturale Erklärung dieser Schnüre sein, wie wir so viele, gleich solche von der Phönikischen Scene im Plautus[b] und von den Aegyptischen Hieroglyphen haben. Daß der Schiffs-Zimmermann oder irgend einer vor ihm Schlüssel Schnüre und Büchse ganz nur verfertigt habe, kommt mir sehr unwahrscheinlich vor und so behält die Notiz immer ihren Werth. Ich werde die Ehre haben, Ew. Wohlgeboren das Englische Journal baldmöglichst durch eine sichere Gelegenheit zurückzuschicken. Die übrigen fünf Piecen aber werde ich, da Sie es mir gütigst erlauben, zurückbehalten und so sorgfältig aufbewahren, daß Sie ew Wohlgeboren in jedem Augenblick zu Dienst stehen können. Ich werde auch gewiß keine Indiskretion durch Bekanntmachung derselben begehen, sondern wenn ich jemals den Aufsatz im Review citiren sollte, mich begnügen zu sagen, daß Ew Wohlgeboren die Güte gehabt hätten, mich darauf aufmerksam zu machen und daß die von Ihnen versuchten Schritte weitere Aufklärung über die Sache zu erhalten ohne weiteren Erfolg geblieben wären, daß <s>ich jedoch die Büchse mit den Schnüren in Lord Kingsboroughs Besitz befinden. Ich stimme ganz mit Ew. Wohlgeboren darin überein, daß anderweitige Be-|4*|mühungen über diese Sache fruchtlos sein würden. Hat Alexander Strong die Sache selbst erdichtet, so wird er sich hüten, dies zu gestehen und kommt was von Erdichtung darin ist, von einem andren her, so weiß er höchst wahrscheinlich ebensowenig davon, als wir. Ich finde es vielmehr äußerst lobenswürdig, daß Ew Wohlgeboren die Sache mit einem so seltenen Eifer bis hierher verfolgt haben.

Die Blätter Ihres Journals, welche Ew Wohlgeboren, ohne derselben zu erwähnen, Ihrem Briefe beigefügt hatten, habe ich mit dem größesten Vergnügen gelesen und diese gehaltvolle Zugabe erhöht meine Dankbarkeit gegen Ihr mir so gütig beweisenens Wohlwollen. Der Bericht über die Englische Schrift Göthes Leben und Werke betreffend, ist so reich an treffenden und geistvollen Bemerkungen und hinzugefügten geschichtlichen Notizen, daß er dadurch ebenso belehrend als unterhaltend wird.

Ich bin den Quipos einen besonderen Dank dafür schuldig, daß Sie |sic| mit dazu beigetragen haben, mir Ew. Wohlgeboren Bekanntschaft zu verschaffen und bitte Sie diese Versicherung, sowie die meiner ausgezeichneten Hochachtung und aufrichtigen Ergebenheit anzunehmen. | Handschrift wvh|
Humboldt
| Handschrift Schreiber| Norderney den 21t. Julius 1833.

An
Herrn Dr. C. F. Wurm Wohlgeboren in Hamburg.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Hier und in den folgenden fünf Zeilen Textverlust durch Wasserschaden.
    2. b |Editor| Damit bezieht sich Humboldt auf die Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. verfasste Kömödie Poenulus des römischen Dichters Plautus, in deren 5. Akt die Figur des Hanno einen Text spricht, der Phönizisch sein soll. Der von Johann Joachim Bellermann 1808 erschienene Versuch einer Erklärung der punischen Stellen im Pönulus des Plautus, 3 Stücke, Berlin: Maurer, befand sich in Humboldts Bibliothek: Mueller-Vollmer 1993, S. 435 Nr. 288. [FZ]
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Christian Friedrich Wurm, 21.07.1833. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 15.03.2023. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/1159

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