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Wilhelm von Humboldt an Friedrich August Wolf, 12.12.1801

|152r|Berlin, 12. Xbr. 1801.

Wirklich, liebster Freund, muß ich jetzt Ihre Nachsicht anflehen, wenn ich, so oft ich schreibe, kurz bin. Denn obgleich ich, seit Riemers Ankunft Luft schöpfe, so muß ich mich dennoch gewaltig zusammennehmen, un nur noch etwas zu thun. Müssig aber müssen Sie mich nicht ganz denken. Ich arbeite mich mit jedem Tage tiefer in meine Sprachuntersuchung hinein, u. entdecke immer mehr Griechisch im Baskischen, das nur bisher meinem blöden Blick verborgen lag. Ich werde nun unmittelbar ernstlich daran gehen, u. vielleicht gelingt es mir doch, etwas zu machen, das Sie einen Augenblick interessirt. Könnten Sie mir aber nicht einige Bücher über die Spuren anzeigen, die man noch vom Etrurischen hat? Lanzi[a] ist mir bekannt, er schien mir aber, als ich ihn in Paris freilich mehr durchblätterte, als las, erstaunlich voll von Hypothesen u. Chimären. Auch über die ältesten Bewohner Griechenlands u. die Origines des Griechischen gäbe es vielleicht einiges mir Unbekannte.

Wegen der Italiänischen Sachen werde ich mich erkundigen, u. selbst Denina, den ich recht wohl kenne, sprechen.

Bast werde ich durch Schweighaeuser befragen lassen, ob er unsren Brief empfangen hat, u. warum er ihn nicht beantwortet?

Mit Riemer bin ich bis jetzt sehr wohl zufrieden, nicht daß ich von den ersten Tagen viel urtheilen wollte, aber er ist heiter, vergnügt u. beschäftigt sich viel mit den Kleinen. Gerade in den ersten Zeiten aber, wo er sie sich noch nicht zur Hand gezogen hat, sind die meisten Schwierigkeiten. Behält er also da seinen Frohsinn, so fürchte ich für die Zukunft weniger. Was ich thun kann, ihn mir persönlich zu attachiren werde ich gewiß nicht versäumen. Er ist mir überdieß ein sehr angenehmer Gesellschafter, u. jetzt in meinen etymologischen Nöthen mir von großer Hülfe. Es scheint einmal von den Göttern bestimmt, daß mir durch Sie, mein inniglieber Freund, immer etwas vorzüglich Gutes |157v| u. Liebes kommen soll, u. so danke ich Ihnen denn auch für diese neue Gabe mit herzlicher Innigkeit.

Mit Schröder ist alles besorgt, wie Ihnen die anliegende Quittung sagen wird.[b]

Mit meiner Frau hat Riemer nur zu sehr Recht gehabt. Sie hat recht viel gelitten, seit sie hier ist, u. ist leider noch nicht am Ende. Welche die Veranlassung davon sey, darüber ist sogar der Arzt noch nicht mit sich einig. Doch muß es sich in einigen Wochen ausweisen. Sie grüßt Sie u. die Ihrigen innigst.

Sie wünschen meine Schrift[c], u. sollen sie in wenig Tagen haben. Ich werde alsdann den unter Schlabrendorfs Aufsicht neu stereotypirten Catilina dazu legen.

Nun ein herzliches Lebewohl! Ich hoffe, ich höre bald wieder etwas von Ihnen wenn auch nur Weniges. Auch wenige Zeilen sind doch immer ein süß überraschendes Lebenszeichen.

Gestern Abend aß ich mit Riemer bei Spalding u. heute Mittag bei Klein. Spalding speißte uns mitnach Riemers glücklichem Ausdruck συν λεξαις και γλωσσαις. u. waren es auch nicht seltsame|?| Sprüche, so waren doch viele ******.

Von Herzen der Ihrige
Humboldt.

Den Vico[d] hat die Bibliothek nicht. Buttmann weiß nichts von ihm. Ich lege Biesters Zettel bei.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Gemeint ist Luigi Lanzis Saggio di lingua Etrusca e di altre antiche d’Italia. [FZ]
    2. b |Editor| Schröder war Kriegsrat und Schatzmeister der Berliner Akademie der Wissenschaften; siehe Simon Gerber / Sarah Schmidt (Hrsg.) (2020): Friedrich Schleiermacher. Briefwechsel 1813–1816, S. LXIV. [FZ]
    3. c |Editor| Mattson 1990, S. 509 zu Z. 39 vermutet, dass Humboldts Schrift Über Göthe’s Hermann und Dorothea gemeint sei, die er bereits früher erhalten hatte. [FZ]
    4. d |Editor| Laut Mattson 1990, S. 509f. zu Z. 52 ist wohl Vicos Hauptwerk, Principj di una scienza nuova intorno alla natura delle nazioni aus dem Jahr 1725 gemeint. [FZ]
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Friedrich August Wolf, 12.12.1801. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/1160

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