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Wilhelm von Humboldt an Christian Gottfried Körner, 01.07.1812

Burgörner bei Eisleben, den 1. Julius, 1812.

Ihr lieber freundschaftlicher Brief ist mir hierher, wo mich auf einem Gute meiner Frau allerlei Geschäfte einige Wochen festhalten, gefolgt, und hat mich zwar herzlich gefreut, aber mir auch einen mächtigen Schrecken eingeflößt, daß Sie gar in der Zeit meiner Abwesenheit in Wien ankommen könnten. Meine Frau finden Sie zwar, aber für mich wäre der Verlust gleich groß, und da Sie so selten Dresden auf lange verlassen, fast unersetzlich. Ich eile daher auch deshalb Ihnen, zu schreiben, um Sie zu bewegen, wo möglich zu machen, daß ich doch nicht einen zu großen Theil Ihres dortigen Aufenthalts verliere. Ich habe zwar nur einen zweimonatlichen Urlaub, und habe Wien am 8ten pr. verlassen. Aber ich denke eine kleine Verlängerung zu erhalten, und treffe schwerlich vor dem 15. August wieder in Wien ein. Länger kann indeß meine Abwesenheit auch nicht füglich dauern. Könnten Sie also Ihre Ankunft dort zwischen den 15. und 20. fallen lassen, und den September bei uns bleiben, so wäre es ungemein erwünscht. Ich riethe Ihnen hierzu um so mehr, als ich mir doch vorstelle, daß, da es jetzt wintermäßig kalt ist, der Herbst schön seyn muß. Er ist in Wien für diejenigen, die nicht, wie ich, passionirte Liebhaber der Hitze sind, überhaupt gewöhnlich schöner, als der Sommer.

Mit Ihren Ideen über Ihren Sohn, und selbst über den meinigen, bin ich ganz einig. Man muß nicht immer allgemeinen Ideen, am wenigsten hergebrachten folgen, und eigne, auf den individuellen Charakter berechnete Wege einschlagen. Mit dem Ihrigen geht es gewiß außerordentlich gut. Er hat entschiednes Talent, und was treflich ist, gar keine Eitelkeit auf die schon gemachten Fortschritte und gehabten Erfolge. Sein unbefangenes, immer heitres Wesen führt ihn gefahrlos, und ohne daß er es selbst weiß, zwischen Eigendünkel und Mangel an Zuversicht zu sich selbst sehr glücklich hindurch. Ich glaube, er wird auch in größeren und tragischen Compositionen Talent zeigen, und es scheint mir sehr möglich, daß er, wenn er mit Liebe und Eifer und Anspruchlosigkeit bei der Kunst bleibt, außerordentlich viel leiste. In diesem Fall ist er geborgen, und alsdann werden auch Sie nichts andres für ihn verlangen. Sollte es aber auch der Fall nicht seyn, sollte, wie ich sicherlich das Gegentheil glaube, sein entschiednes Talent sich früh ausgesprochen und erschöpft haben, so lenkt er sehr leicht in irgend eine bürgerliche Existenz ein, zu der er schon vielerlei Kenntnisse besitzt, und hernach bald die Fertigkeit erwirbt. Wien schadet ihm sicherlich nicht. Er ist und bleibt von den Dingen, die eine große Stadt Gefährliches hat, unangesteckt, nur in wenigen jungen Leuten seines Alters fand ich ein so reines und unverdorbnes Gemüth, und er verliert da wenigstens nach und nach – wenn auch, wie ich freilich offen gestehe, da das das Einzige ist, was ich in ihm auszulöschen wünschte, langsam, die Vorliebe für ältere Studentenerinnerungen, die sogar seinen beiden ersten kleinen Stücken ankleben. Es ist mir sehr lieb, daß er gern in unsrem Hause ist. Wir lieben ihn ungemein, und sehen es immer sehr ungern, wenn er einmal einige Tage nichts von sich hören läßt.

Mit dem meinigen ist das Loos nun geworfen. Röder ist ein treflicher Mensch, und ich bin nie einer Wahl so sicher gewesen, als dieser. Der ganze Schritt; Theodor schon jetzt auf eine Universität zu schicken, obgleich er noch nicht Student ist, wird vielen auch bedenklich vorkommen. Allein Theodor war auf eine ungewöhnliche, durch den Zufall unsres Umherziehens entstandne Weise bis dahin erzogen, und nun konnte man nicht schlechtweg den gewöhnlichen Weg einschlagen.

Das späte Erscheinen meines Aufsatzes verdrießt auch mich ungemein. Der Herausgeber hat mich erst gedrängt, daß ich wirklich mit Eilfertigkeit habe arbeiten müssen, und nun ist der Aufsatz ein volles Jahr liegen geblieben[a]. Er verdient übrigens Ihre Aufmerksamkeit nur sehr wenig. Allein ich denke jetzt auf ein raisonnirendes allgemeines Werkchen über Sprachen und ihr Studium, und wünsche sehr, daß dies mir gelingen möge[b]. Sie wundern Sich vielleicht, daß ich an diesem, immer von vielen Seiten trocknen und mühvollen Studium klebe. Allein, liebster Freund, ich möchte in den wenigen Jahren, die einem noch übrig sind, etwas machen, das ich selbst Etwas nennen könnte. Wenn man nun, wie es mein Fall ist, nicht geboren ist, ein Kunstwerk hervorzubringen, so ist es am dankbarsten, wenn es gelingt, irgend einem einzelnen Studium eine bestimmte Richtung zu geben, und dazu glaube ich gerade hier im Stande zu seyn. Auch hängt das Arbeiten in diesem Fach weniger von augenblicklich glücklicher Stimmung ab, und verträgt sich mehr mit andern Geschäften und Zerstreuungen.

Daß Sie dem Steigenteschischen Aufsatz seine Abfertigung geben, ist mir eine ordentliche Beruhigung. Schaden konnte zwar ein so unglaublich triviales Gewäsch nicht anrichten, allein es ist immer gut, daß solche aus lauter kleinlichen und mittelmäßigen Fertigkeiten, die man nur fälschlich Talente schilt, zusammengesetzte Stümper sehen, daß man sie in ihren Kreis zu verweisen versteht. Mit dem Schlegelschen Journal hat es aber überhaupt, dünkt mich, wenigen Fortgang. Er selbst thut sogar zu wenig, und besitzt vor Allem nicht die Geschicklichkeit und den Fleiß, etwas, das zugleich und großentheils von Andern abhängt, in Gang zu bringen. Seine und Müllers Vorlesungen waren merkwürdige Erscheinungen am Wiener Horizont, – wenn man es kurz definiren will eine sophistische Rhetorik, die, von höchst einseitigen Gesichtspunkten aus, Philosophie und Kunst in eine bestimmte Form zu zwingen versuchte, und die der eine durch die Kraft der Gedanken, der andre oft nur durch eine künstliche Behandlung der Sprache durchsetzte. Wenn sie über Göthe und Schiller sprachen, und man sich bei ihren Vorlesungen an ein lebendiges Gespräch jener beiden über ähnliche Gegenstände erinnerte, war es einem, als stritten Pygmaeen auf den Gräbern von Heroen. Sehr neugierig bin ich, wie Sie mit Schlegel werden fertig werden. Ich bringe ihn mit mir nicht zu einem interessanten Gespräch. Alles ist abgeschlossen in ihm, und wo einer nicht seiner Meynung ist, kann er nur vor dem Jünger predigen, oder vor dem Ketzer sich verschließen, oder spötteln. Freies Gespräch, ausgehend von der Idee, daß man noch immer nur wenig von der Wahrheit ergriffen hat, und ihr noch immer unendlich viel abzugewinnen übrigbleibt, kennt er, wenigstens mit mir, nicht, und Ihr Sohn bestätigt mir dasselbe.

Aber auch darüber mündlich. Empfehlen Sie mich herzlich allen den Ihrigen, die ich mich unendlich in Wien zu sehen freue, und leben Sie herzlich wohl! Geßler sah ich in Carlsbad, aber was die Heiterkeit und den Frohsinn betrifft, quantum mutatus ab illo! Mit herzlicher Liebe und Anhänglichkeit der Ihrige
H.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Humboldt hatte seine von Vater für den Mithridates erbetenen Arbeiten zum Baskischen bereits im Sommer 1811 eingeliefert. Vater veröffentlichte jedoch zuerst die Sprachproben im Königsberger Archiv, und seine grammatischen Studien zum Baskischen, die in den 1812 erschienenen dritten Band des Mithridates aufgenommen werden sollten, wurden letztendlich erst im Herbst 1816 (im Buch: 1817) im vierten Band publiziert. Siehe hierzu Albert Leitzmann in: GS III, S. 374f. [FZ]
    2. b |Editor| Damit ist wohl die Abhandlung "Über das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung" gemeint, die 1820 in der Akademie der Wissenschaften gelesen wurde. [FZ]

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    Handschrift
    • Ehem. Berlin, AST
    Druck
    • Grundlage der Edition: Leitzmann 1940b, S. 87–90 Nr. 27
    Nachweis
    • Mattson 1980, Nr. 3059

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    Wilhelm von Humboldt an Christian Gottfried Körner, 01.07.1812. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/1161

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