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Friedrich Gottlieb Welcker an Wilhelm von Humboldt, 02.10.1823

2. October 1823.

Ich habe mich sehr gefreut, von dem Minister von Stein zu hören, dass Ew. Excellenz Ihre Frau Schwiegertochter einen Enkel geschenkt hat und dass diese Erfüllung eines langen Wunsches ein neues Glück in Ihrer Familie vorbereitet hat. Ich wünsche dem Kleinen, dass er recht frisch und stark aufwachsen und in seiner aufblühenden Jugend von dem Einfluss der Grosseltern recht viel aufnehmen möge. Auch seinen Eltern bitte ich meine herzlichen Glückwünsche zu sagen.

Den Herrn von Stein hatte ich im Anfang Sept. in Cappenberg besucht. Ich trennte mich von meiner emsigen Arbeit, welche in der ungewohnten Musse der Ferien mich mit doppelter Anziehung fest hält, weil ich den Vortheil einer gelegentlichen Einladung von ihm nicht aus den Händen lassen wollte, in der Absicht und Erwartung einen so merkwürdigen Mann in der Nähe zu sehen. Die kleine Reise ist mir aber zu einer der erfreulichsten Ereignisse ausgeschlagen, weil er so gar nicht zu denen gehört, die sich nur sehen lassen, sondern Charakter und Gemüth so klar und offen zu erkennen giebt, und weil fast alle seine Reden mir einnehmend und bedeutend waren. Ein so bescheidner Sinn bey soviel Stolz und Kraftgefühl, die Vereinigung altväterlicher Einfachheit mit dem Geist und Ton neuerer Welt, und die durchgängige Richtung aufs Grosse und Bedeutende, wodurch der Gedanke an alles, was ein einzelner Charakter oder Standpunkt im Leben ausschliessen kann, entfernt wird, übt einen wahren Zauber.

Seitdem habe ich mehrere Wochen auf dem Lande bey meinen Eltern in angenehmer Ruhe und Einförmigkeit gelebt. Es ist hier mein Tegel, nur ohne Eigenthum, und ohne vieles andre; aber meine Eltern sind noch gesund und sehr empfänglich. Mein jüngster Bruder lebt verheirathet im Haus, hat ein allerliebstes Kind von Einem Jahr und zieht viel Musik in das Haus. Ich unterdessen habe einen Aufsatz über die Trilogie im Allgemeinen geschrieben, nachdem ich neulich die einzelnen Trilogieen herauskonstruirt hatte, und habe mich dabey noch fester überzeugt, dass wirklich das Aeschylische Drama eine Gattung für sich war, mit welcher die neuere Tragödie des Sophokles und Euripides in vieler Hinsicht auf ganz andere Art verglichen werden muss, als bisher geschehen ist Merkwürdig war mir dabey zu sehen, wie dem Aristoteles die ganze idealische Kunstanschauung, worauf auch die grossen Compositionen der bildenden Kunst in der besten Zeit beruhen, so sehr abgeht, und wie Aeschylus nach nicht viel mehr als hundert Jahren ihm gewissermassen veraltet gewesen ist. Demohngeachtet glaube ich auch Beziehungen auf die Trilogie in der Poetik zu finden, welche meiner Behauptung seht zu Statten kommen. Wenn ich irre, dann wird Herrmann grosses Recht haben mich zu tadeln. Denn ein grösserer Contrast der Ansichten hinsichtlich der Haupt- und Nebensachen als in meiner kleinen Schrift mit seinem Programm über Aeschylus liegt, ist kaum möglich: nur diess setzt mich in einige Verlegenheit. Aber Ew. Excellenz werden müde seyn, von einer im Werden begriffenen Schrift zu hören, welche Sie wenn es Ihnen dann gefällt, bald gedruckt lesen können. Fort muss ich sie haben, weil ich es sonst nicht lassen kann, mich auf die Geschichte des Dramas immer weiter einzulassen, was doch darum verkehrt ist weil ich erst das andere über die epische Poesie ausgeführt haben müsste, um alles unter den vielleicht entstehenden Beziehungen und in übereinstimmender Ordnung zu behandeln.

Niebuhr zu sprechen habe ich bey seiner neulichen Anwesenheit in Bonn nicht das Glück gehabt, ein einziges mal, dass ich ihn besuchte und einen andern antraf, der ihn beschäftigte. Er hat sich nur mit wenigen eingelassen und soll verstimmt gewesen seyn. Es war auf Veranlassung eines eifrigen Anhängers von ihm ein Plan, von Seite der Professoren seine Anstellung in Bonn nach Ablauf der fünf Jahre zu sollicitiren, und diess ist so wenig geheim geblieben, dass mir auf meiner Hinreise Graf Beust (?),[a] der aus der Schweiz zurückkehrte, in Coblenz davon erzählte. Mir ist es auffallend gewesen, manches zu hören, woraus ich schliessen muss, dass der Aufenthalt in Rom gar nicht dazu beigetragen hat Niebuhr’n die Poesie und Kunst des Alterthums lieber zu machen. Palimpseste, wie sie bis jetzt sie gefunden haben, sind anziehende Sachen, besonders in Rom, wo einem selbst diejenigen, welche sich im Mauerwerk finden, angenehm beschäftigen. Aber zu bedauern wäre es doch, wenn viel solche Männer wie Niebuhr in unserer Zeit, welche auf das historische Wissen und die Antiquitäten aller Art versessen genug ist, das Ansehen historischer und grammatischer Subtilität zum Nachtheil einer lebendigen Erkenntniss des Alterthums bey dem grossen Haufen der Jugend zu ausschliessend beförderte; Herder, Göthe, die Schlegel haben neben dem Grossen und Guten ihrer Wirkung freylich auch ein oberflächliches Raisonniren unter den Mittelmässigen und Schwachen erzogen. Man wird noch viel unerträglicheres mitpflanzen, wenn man zu einseitig die Richtung der blossen Schule nimmt. Doch hätten wir nur Niebuhr zum Curator! Die Schätze seines Wissens würden der Universität nicht blos Glanz, sondern auch vielfache Anregung mittheilen.

Ich hoffe, dass Ew. Excellenz bald wieder eine Vorlesung geben; es ist nur fatal, dass der Abdruck so sehr hinausgeschoben zu werden pflegt. Herr von Stein sagte mir von einem Vorschlag, den er Ihnen gethan, in Bezug auf die Urgeschichte der deutschen Stämme aus der Etymologie. Ich habe ihm aber so viel von Ihren Studien im Remayana und Baghvat Gita erzählt, dass seine Hoffnung für die deutsche Geschichte noch kleiner geworden ist. Ich bitte recht viele Empfehlungen.

Mit grösster Verehrung
Ew. Excellenz
treu ergebenster
F. G. Welcker.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Das Fragezeichen steht so bereits bei Harnack. Eventuell handelt es sich um den preußischen Geologen und Berghauptmann Ernst August Graf von Beust, der seit 1817 erster Berghauptmann des Oberbergamtes Bonn war. [FZ]
    Zitierhinweis

    Friedrich Gottlieb Welcker an Wilhelm von Humboldt, 02.10.1823. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/119

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