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  3. Nr. 231

Immanuel Bekker an Wilhelm von Humboldt, 16.10.1822

|258r| Indem ich Ew. Excellenz ergebenst danke für die Mittheilung womit Sie mich beehrt[a], bitte ich in den gar unerheblichen Bemerkungen, die ich beifüge, nur meinen Gehorsam gegen Ihren Befehl zu sehen.


I. Bekker
16 Oct. 22.
|258v vacat|


|Anhang|

|259r| S. 43.[b] (2) ὄνομα ῥηματικόν] Ich finde nur ὄνομα ῥήματος, ὀνόματα ῥημάτων, wie auch Priscian, hier wie meist treure Übersetzer des Apollonius, nomen verbi sagt, nicht verbale. Vgl. Apollonius de adverbio p. 539. 29 <23:>[c] πᾶν ἀπαρέμφατόν ἐστιν ὂνομα πράγματος, und Choëroboskus zum Theodosius p. 1276.[d]

S. 45 (3) Daß diese Verba, die einen Infinitiv an sich hängen ohne zu, in den zusammengesetzten Temporibus den Infinitiv statt des Particips setzen (ich habe reden wollen, müssen, hören, lernen, lassen), ist das blos nachbarliche Assimilation?

S. 47 (4) ganz gleichgültig] Gleichgültig, für den Sinn, vielleicht nur in den Fällen wo διὰ τὸ ἄκλιτον τῆς φωνῆς ἡ πρόσθεσις τοῦ ἄρθρου γίνεται, wie zB. bei Plato de rep. 4. p. v. 209, 10 ἀρχῆς τε πέρι καὶ τοῦ ἄρχεσθαι. Wäre der Artikel dem Begriffe nothwendig, so stünde auch τῆς τε ἀρχῆς.[e]

— Z. 12. Ist der Gegenstand bereits im Vorigen beschrieben, so könnte es scheinen daß der Artikel bei diesem Infinitiv stehe wie er bei jedem Redetheil stehen kann, in seiner allgemeinsten Bedeutung der ἀναφορά oder δευτέρα γνῶσις, ohne im Begriff des Infinitivs selbst begründet zu sein.

S. 49. Z. 10. absondert] Aus solcher Absonderung ist wohl die Construction des Accusativus cum Infinitivo zu erklären.

(5) impersonativus] wie ist aber der Portugies. Infinitiv anzusehn. Der <bald impersonativ bleibt, bald> Person und Numerus annimmt oder vielmehr in ein Tempus finitum übergeht, nicht nur wo Unterscheidung der Personen nothwendig ist, wie Camões Lus. 1, 18
mas em quanto este tempo passa lento
de regerdes os pouos

und 3, 111
não tanto desuiado resplandece
de nos o claro sol para julgares
que

|259v| und 2, 75
o rei que já sabia da nobreza
que tanto os Portuguezes éngrandeces,
tomarem os <o> seu porto tanto preza etc.

sondern auch wo die Person dieselbe bleibt, wie 2, 9
os Mouros cautelosos se guardárem
de lhe mostrarem tudo o que pediam

und 4, 93
nósoutros sem a vista alevantarmos
por nos não magoarmos ou mudarmos
do proposito.

S. 51. (7) was den Numerus betrift] Der Ausdruck enthält eine Beschränkung, die wohl nicht gemeint ist.

S. 53 (9) arbitraria — voluntativa] Übersetzungen von des Apollonius προαιρετικά.

S. 57. Z. 15. v. u. Apollonius] Und vor ihm die Stoiker, wenn sie den Infinitiv ῥῆμα nannten, das Verbumfinitum aber κατεγόρημα oder σύμβαμα (synt. 1, 8).

S. 63 (13). Als vielleicht einzige Ausnahme dürfte zu merken sein Sallust. Jugurth. 100: non diffidentia futuri quae imperavisset, τοῦ γενήσεσθαι ἃ etc. (dasselbe Capitel, so wie das nächste, enthält Beispiele des sogenannten infinitivus historicus, über den, so viel ich weiß, auch noch nichts genügendes gesagt worden ist, wiewohl er auch neuern Sprachen, dem Französischen z. B., nicht ganz fremd ist.)

S. 65. Z. 8. v. u. keine eigentl. Partic. futuri] nicht futuri, sondern ursprünglich zugleich praesentis, daher einzelne (oriundus) sich als praesentia erhalten haben: nicht Participia, sondern schwankend zwischen Particip u. Adjectiv, wie die offenbar verwandten und ebenfalls dem Activ u. Passiv gemeinschaftlichen Formen auf bundus (moribundus, furibundus).

|260r| S. 66, 2. Daher in einigen Germanischen Sprachen sollen das Hülfsverbum des Futurums.

S. 65, 3. Nicht ganz ohne Griechischen Vorgang, könnte es scheinen nach Stellen wie Theognis 338:
Ζεύς μοι τῶν τε φίλων δοίη τίσιν
τῶν τ᾿ ἐχθρῶν μεῖζον, Κύριε, δυνησόμενον.
wo jedoch schon der Gegensatz von τίσιν eher ein Nomen als einen Infinitiv verlangt.

S. 73. hat man das Supinum auf u vielleicht als Dativ anzusehen? Die Form erlaubt es, nur der hier entwickelte Sinn scheint daraus klarer hervorzufallen[f]

Anmerkungen

    1. a |Editor| Humboldts Antwort auf Bekkers vorgehenden Brief vom 14. September 1822 ist nicht erhalten. [FZ]
    2. b |Editor| Diese und die folgenden Seitenangaben beziehen sich auf eine wohl nicht mehr erhaltene Handschrift. [FZ]
    3. c |Editor| Diese Angabe verweist auf den 1816 erschienenen zweiten Band von Bekkers Anecdota Graeca. Die ersten beide Bände befanden sich Humboldts Besitz (Bücherverzeichnis in Schloss Tegel: Berlin, AST, Archivmappe 75, M. 4, Bl. 145r). [FZ]
    4. d |Editor| Diese Angabe verweist auf den 1821 erschienenen dritten Band von Bekkers Anecdota Graeca. [FZ]
    5. e |Editor| Diese Auskunft wurde verwendet bei Wilhelm von Humboldt (1824): Ueber die in der Sanskrit-Sprache durch die Suffixa twâ und ya gebildeten Verbalformen. In: Indische Bibliothek 2, Heft 1, S. 77 Anm. * (= GS IV, S. 387 Anm. *). [FZ]
    6. f |Editor| Diese Auskunft wurde verwendet bei Wilhelm von Humboldt (1824): Ueber die in der Sanskrit-Sprache durch die Suffixa twâ und ya gebildeten Verbalformen. In: Indische Bibliothek 2, Heft 1, S. 98 Anm. * (= GS IV, S. 398f. Anm. ***). [FZ]
    Zitierhinweis

    Immanuel Bekker an Wilhelm von Humboldt, 16.10.1822. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/231

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