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  3. Nr. 316

Heinrich Friedrich Wilhelm Gesenius an Wilhelm von Humboldt, Herbst 1826 bis Frühjahr 1827 (vor dem 26. April 1827)

|101r| Ew. Excellenz

wollen es höchstgeneigt verzeihen, wenn ich mich|?| in Beantwortung der kleinen|?| mir in Berlin vorgelegten Fragen so spät einstelle. Es fehlte mir dazu die maltesische Grammatik von Vassalli, die ich verliehen hatte und von dem Entlehner, welcher verreist war, erst jetzt zurückerhalten konnte. Was ich darüber zu sagen vermag, ist folgendes:

1) Allerdings ist der Dual[a] im Maltesischen gebräuchlich, und zwar in demselben Verhältniß, als im Arabischen. Vassalli (Mylsen [ Sankskrit ] phönico-punicum s. Grammatica Melitensis. Romae 1791. 8) S. 114 führt als Beyspiele an: idejn 2 Hände, ryglein 2 Füße, rkoptein 2 Beine, vydnein 2 Ohren, vyrkein 2 Hüften, Chaddejn 2 Wangen, zum Unterschied von chdûd (Plur. finitus) Furchen.

2) Richtig ist wohl ferner, daß sich im Syrischen die Dualform nur in 4 (eigentlich 3) Wörtern findet,  Sankskrit ,  Sankskrit duo, duae;  Sankskrit 200, und  Sankskrit . So lehrt mich der vollständigste syrische Grammatiker, Prof. Hoffmann in Jena, dessen noch nicht ganz vollendetes aus den syr. Grammatikern geschöpftes Werk mir in den Aushängerbogen vorliegt, S. 252. die einheimischen Grammatiker zB. Amira S. 73 |101v| erwähnen ihn gar nicht, und scheinen die vorkommenden Beispiele für einen anomalen Plural zu nehmen, wie auch die ältesten hebräischen Grammatiker zB. Reuchlin, es vom hebräischen Dual annehmen.

3) In Ansehung des Mizraim neige ich mich jetzt zu Ew. Excellenz Meinung, daß es sich auf das obere und untere Land beziehe. Ich würde es mir dann etwa so vorstellen. Unterägypten, von den Nilarmen durchschnitten, wurde eigentlich durch den Singular  Sankskrit (Jes. 19, 6. 37, 25. 2 Kön. 19, 20),  Sankskrit bezeichnet, daher a. d. angeführten Orten "die Nile d. i. Nilcanäle, Nilarme Ägyptens ( Sankskrit )", daher ferner, daß das arab.  Sankskrit vorzugsweise Memphis und später Cairo, die Hauptstädte Unterägyptens bezeichnet. Sodann aber sprach man von zwey Ägypten im Dual, wenn gleich Oberägypten eigentlich seinen besondern Namen  Sankskrit (Südland) führten. <führte.> Das betrachte ich als eine Art Zeugma, und eine erst genaue Analogie findet sich in dem Gebrauch von  Sankskrit und  Sankskrit . Ersteres ist die eigentliche Stadt und Gegend Mosul, letzteres im Dual Mosul und Mesopotamien; auch beyde Sicilien s. Sicilien und Neapel möchte nicht unpassend verglichen werden. Nachdem später die Dualform herrschend geworden, geschah es denn freylich, daß Mizraim und Patros noch zusammen genannt wurden, also genau genommen ersteres blos für Unteragypten gebraucht (** Jes. 11, 11. Jer. 44, 15), jedoch an beyden Stellen in allgemeinen Enumerationen fremder Länder, wo nicht die höchste Genauigkeit erwartet werden kann.

Zu no. 2. erlaube ich mir noch nachzutragen, daß das gänzliche Aussterben des Duals im Syrischen auch daraus erhellt, daß geographische Namen, die im Hebräischen den Dual haben, und nothwendig haben |102r| müssen, geradezu den Plural anwenden. Als  Sankskrit Syrien der beyden Flüsse = Mesopotamien,  Sankskrit und  Sankskrit ,  Sankskrit (Doppelstadt)  Sankskrit .

Von Herrn Dr. Schott[b], der Ew. Excellenz uns gütigst mitgetheilte Abhandlung nicht ohne höchste Bewunderung der darin in den Geist der Chinesischen Sprache gethane tiefe Blicke gelesen hat, habe ich die Ehre, Ihnen anliegend ein Antwortschreiben zu überreichen[c]. Ich für meinen Theil habe nichts mehr bedauert, als durch ein früheres Engagement in Berlin des Genusses beraubt worden zu seyn, nochmals in Ew. Excellenz Gesellschaft zu seyn, und bitte Dieselben, für die mir dadurch zugedachte Ehre und Freude meinen innigsten Dank zu genehmigen.

Indem ich mich der Fortdauer von Ew. Excellenz mir unschätzbare Gewogenheit angelegentlich erhoffe, habe ich die Ehre, mich ehrfurchtsvoll zu unterzeichnen
Ew. Excellenz
unterthänigster
Gesenius.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Der Brief von Gesenius befindet sich in dem Konvolut der Vorarbeiten zu Humboldts Abhandlung "Über den Dualis", und ging in einigen Aussagen in ebendiesen Text ein; vgl. ebenda S. 175 Anm. 1. Daher wird der sonst undatierte Brief vor dem 26. April 1827, dem Tag der Lesung der Abhandlung vor der Akademie, anzusetzen sein. [FZ]
    2. b |Editor| Autor von De Indole Linguae Sinicae, Halle: Renger 1826.
    3. c |Editor| Der Brief ist nicht überliefert.
    Zitierhinweis

    Heinrich Friedrich Wilhelm Gesenius an Wilhelm von Humboldt, Herbst 1826 bis Frühjahr 1827 (vor dem 26. April 1827). In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/316

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