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  3. Nr. 326

Wilhelm von Humboldt an Johann Karl Eduard Buschmann, April/Mai 1828

|3r|
An Herrn Buschmann Wohlgebohren
in Berlin [a]

Ew Wohlgebohren übergebe ich anliegend zwei Wörterbücher der Sprache von Madagascar das eine von Flacourt, das andere von Challan. Beide gehören der Pariser Bibliothek und ich bitte Sie dieselben, besonders den Challon |sic|, welcher am ersten leiden kann, auf das äußerste in Acht zu nehmen. Meine Absicht ist, diese beiden Wörterbücher, da sie ungemein selten sind, abdrucken zu laßen, so wie sie hier vorhanden sind, sie aber zusammenzuschmelzen und so umzustellen, daß man für beide Sprachen die Wörter darin auffinden kann. Das ganze bleibt also Französisch. Diese Arbeit wünsche ich von Ew Wohlgebohren besorgt, und es muß daher zum Behuf derselben folgendes vorgenommen werden.

I.
Das zuerst Nothwendige ist die Umstellung des Flacourtischen französisch-madagascarischen Wörterbuchs in ein madagascarisch-französisches und die Zusammenschmelzung dieses mit dem madagascarisch-französischen des Challan. Jede kleinste Veränderung eines Wortes muß aufgenommen |3v| werden und hinter jedem Worte die Quelle angezeigt werden. Flacourt wird mit F. Challan mit Ch. bezeichnet und diese Buchstaben werden nicht in Klammern gesetzt.

1. Im Flacourt kommen viele französische Wörter vor, welchen kein madagascarisches gegenübersteht. Diese bleiben natürlich ganz von der Arbeit ausgeschlossen.

2. Beiden <| Handschrift wvh| Bei den> gegenüberstehenden Wörtern ist der Druck oft schiev <| Handschrift wvh| schief> gerathen, so das <| Handschrift wvh| daß> ganz falsche Wörter einander zu entsprechen scheinen. Ein früherer, wie es scheint, wohlunterrichteter Leser hat deshalb schon Bleistiftstriche angebracht. Gewöhnlich lassen sich zweifelhafte Fälle durch anderweitiges Nachschlagen entscheiden. Wo Sie aber zweifelhaft bleiben sollten bitte ich es auf einem besonderen Blatte zu notiren.

3. Sehr häufig stehen bei dem selben <| Handschrift wvh| demselben> französischen Worte zwei madagascarische, und es ist alsdann, da oft das Comma dazwischen fehlt, zweifelhaft, ob die beiden Worte eine Frage <| Handschrift wvh| Phrase> ausmachen, oder ein zwiefacher Ausdruck desselben Begriffs sind? |4r| <auch> dieß ergiebt sich meistentheils durch Nachschlagen. Zweifelhaftes aber muß auch auf einem besonderen Blatte bemerkt werden.

4. Wo zwei madagascarische Wörter jedes denselben Sinn mit einem <| Handschrift wvh| Einem> französischen ausdrücken muß bei dem einen nicht auf das andere verwiesen werden, sondern das französische Wort wiederholt werden.

5. Die französische Orthographie ist, besonders bei Flacourt, eine ganz veraltete. Diese muß in die heutige umgeändert werden, und ich schicke Ihnen zugleich das Wörterbuch der französischen Academie um sich mit der strengsten Genauigkeit, auch in den Accenten, soweit die Wörter darin enthalten sind, daran zu binden.

6. Das madegascarisch-französische Wörterbuch von Challan ist nicht mit der Genauigkeit gemacht daß es <nicht> vollständig das ganze französisch-madagascarische enthält. Ich wünsche indeß nicht, daß Sie sich jetzt mit dieser Vervollständigung aufhalten mögen. Was Sie gelegentlich bemerken, setzen Sie indeß natürlich hinzu

7. In der Orthographie der madegas-|4v|carischen Wörter, wird durchaus gar nichts verändert.

II.
Ist das obige geschehen, so müssen nun beide französisch madegascarische Wörterbücher in Eins zusammengeschmolzen werden, und es ist hierbei nichts weiter zu erinnern, da mehreres in dem ad I. Gesagten natürlich auch hier Anwendung findet.

III.
Außerdem will ich mit diesem Wörterbuche diejenigen Wörter aus dem handschriftlichen Wörterbuch von Chapelier verbinden, welche in den beiden andern nicht vorkommen, auch noch andere hinzusetzen, welche ich aus Bibelübersetzungen englischer Missionarien gezogen habe. Der Chapelier wimmelt von Unrichtigkeiten. Ich habe schon vieles berichtigt, vieles aber bleibt immer noch zweifelhaft; dennoch bleibt er für viele Wörter sehr wichtig. Die genaue Berichtigung kann mit Sicherheit und Leichtigkeit nach Vollendung der Arbeit ad I vorgenommen werden, und ich behalte dieselbe mir selbst vor. Sie haben jetzt nur insofern darauf Rücksicht zu nehmen, daß Sie im madagascarisch französischen Wörterbuche |5r| die Wörter weitläuftiger aufeinanderzustellen <| Handschrift wvh| auseinanderzustellen>, so daß man zwischen zwei noch eins einschieben kann. Im französisch madagascarischen läßt sich hierauf nicht Rücksicht nehmen.

IV.
Für den Augenblick und für die Zeit meiner Abwesenheit bitte ich Ew Wohlgebohren bloß Sich der Arbeit ad I. zu widmen da ich diese sehr gern bei meiner Rückkunft am 1ten August fertig und ins Reine geschrieben finden möchte[b]. Hätten Sie noch Zeit übrig so würden Sie die Arbeit ad II anfangen.

1. Die Reinschrift wünsche ich auf einzelnen, ungehefteten, gebrochenen Bogen, und zwar auf dem sogenannten Bischofpapier, welches Sie wie gewöhnlich von mir zu solchen Arbeiten erhalten haben.

2. Sehr deutliche Handschrift brauche ich Ew Wohlgebohren nicht erst zu empfehlen. Ich muß nur bemerken, daß zum Druck keine neue vollständige Abschrift, sondern höchstens das Umschreiben einzelner Bogen nothwendig werden darf.

3. Ich muß Ew Wohlgebohren sehr bestimmt bitten, welche Unrichtigkeiten |5v| Sie auch in den Wörterbüchern finden möchten, durchaus nichts zu verändern noch hinzuzusetzen. Dagegen ersuche ich Sie, alle solche Bemerkungen, wären es Ihnen auch bloß aufgestoßene Zweifel, auf dem besonderen Blatt aufzuzeichnen.

4. Nach meiner Rückkehr wird es mir schwerlich möglich sein, Ihnen die beiden Wörterbücher länger zu laßen, da ich sie beständig brauche.

5. So eben fällt mir ein, daß sich in dem Flacourt auch noch ein nach Materien geordnetes kleines Wörterbuch befindet. Dieses würden Sie nicht ganz vernachlässigen können, sondern wohl nachsehen müssen, weil ich bemerkt habe, daß es Wörter enthält, welche nicht im alphabetischen Verzeichniß stehen. Die Pag. 55. bis 60 verzeichneten Wörter einer afrikanischen Sprache gehen dagegen Ihre Arbeit gar nichts an[c]. Wo Sie ein Wort aus dem nach Materien geordneten Wörterbuch entnehmen müßten, würden sie auf folgende Weise citirt:
F. p. r. pag.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Diese Anweisungen Humboldts zur Erstellung eines madegassischen Wörterbuchs liegen in dem in Berlin befindlichen Konvolut Coll. ling. fol. 169 (aus dem Nachlass Buschmann) mit dem Titel "Madecassisch-Französisches Wörterbuch, alle in Flacourt und Challand enthaltenen Madecassischen Wörter, nebst den bei ihnen angegebenen Bedeutungen enthaltend". [FZ]
    2. b |Editor| Humboldt hielt sich zwischen 23. April und 14. Mai in Paris auf, bevor er nach London weiterreiste. Erst am 21. September 1828 ist er wieder in Berlin nachweisbar. [FZ]
    3. c |Editor| Dieser Abschnitt im zweiten Teil des Buches von Flacourt ist übertitelt: "Langage des Sauuages de la Baye de Saldaigne au Cap de Bonne Esperance". Bei den genannten "Sauvages" dürfte es sich um Angehörige der Xhosa gehandelt haben, die an der Saldanha Bay, an der Südwestküste des heutigen Südafrika lebten. [FZ]
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Johann Karl Eduard Buschmann, April/Mai 1828. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/326

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