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  3. Nr. 357

Wilhelm von Humboldt an Heinrich Kurz, 04.12.1830

|117r|
An H. Dr. Kurz. Wohlgeb. in Paris
Tegel den 4.ten December 1830.

H. Professor Bopp hat mir, auf meine Bitte, einen Brief mitgetheilt, welchen Sie < | Handschrift wvh| Ew,> | Handschrift Schreiber| ihm unterm 1t. Julius e. geschrieben haben, und den ich mit großem Interesse gelesen habe. Ich dancke |sic| Ew. zuvörderst recht lebhaft für die mir in demselben geäußerten Gesinnungen, Sie brauchen aber durchaus nicht zu besorgen, daß mir Ihre Bemerkungen über Herrn Neumanns Stelle in meiner letzten Abhandlung unangenehm sein könnten. Da H. |117v| Neumann scharfsinnige und interessante Behauptungen aufstellte, so schien es mir besser, Gefahr zu laufen, daß dieselben aus wiederlegt |sic| würden als sie auf bloßes Mistrauen hin zu unterdrücken. Ein gänzliches Vertrauen hatte ich allerdings selbst nicht dazu, und ich bin Veranlassung gewesen, daß H. Neumann seine zuerst weiter gefundne Behauptungen beschränkt hat.

Gänzlich Unrecht glaube ich aber noch heute, |118r| < | Handschrift wvh| hat er> | Handschrift Schreiber| doch nicht gehabt. Ich bin zwar vollkommen überzeugt, daß Ew. und H. Klaproth Recht haben in demjenigen was sie gegen seine Uebersetzung der einzelnen Stellen erinnern. Aber die Hauptfrage, ja sogar die einzige, die mich hierin interessiert, ist ob nai zugleich Pronomen und Particel < | Handschrift wvh| Partikel> | Handschrift Schreiber| ist, und ob sich ein zusammenhang |sic| zwischen dieser doppelten Bedeutung in ihm annehmen läßt? Ich hatte durchaus keinen zweifel |sic|, daß nai auch Pronomen ehemals gewesen sey, und wunderte mich daher sehr, als H. Klaproth mir neulich |118v| dies durchaus verneinte[a]. Ich glaubte sogar, aber < | Handschrift wvh| es> | Handschrift Schreiber| könne dies nur so zu verstehen sein, daß es nicht Pronomen dritter Person sey. Durch Ew. Schreiben wird mir nun aber dies alles klar und darum bin ich Ihnen so sehr dafür < | Handschrift wvh| dessen> | Handschrift Schreiber| dankbar verpflichtet. Wenn ich aber zusammen nehme, waß < | Handschrift wvh| was> | Handschrift Schreiber| Ew. über die Sache sagen, so kommt doch nur immer soviel heraus, daß einige Commentatoren diese Eigenschaft von nai geleugnet haben, und daß Premare[b] die Sache zweifelhaft stellt. Alles |119r| dies wird nun, gestehe ich Ihnen, für mich durch die Autoritaet des H. Abel-Remusat vollkommen aufgewogen. Er stellt die Behauptung ohne den mindesten Zweifel auf. Ew. sagen zwar, daß er nur in einem Elementarbuche die Zweifel weggelassen habe. Sie verzeihen mir aber, wenn ich gerade in einem Elementarbuche dies Verfahren so sonderbar und unzweckmäßig finden würde, daß ich es H. Remusat unmöglich beimessen kann. Man |119v| würde ja offenbar den Anfänger irre führen, wenn man das zweifelhafte |sic|, um kurz zu sein, als gewiß darstellte. Daß < | Handschrift wvh| Das> | Handschrift Schreiber| Natürliche in solchem Fall ist, die zweifelhafte Sache ganz zu übergehen. Es kostete übrigens auch nur zwey Worte mehr, premare’s < | Handschrift wvh| Premare’s>: | Handschrift Schreiber| alii volunt cet. ebenso zu übersetzen[c].

Es ist < | Handschrift wvh| für mich> | Handschrift Schreiber| daher eine entschiedene Thatsache, daß H. Abel-Remüsat < | Handschrift wvh| Abel-Remusat> | Handschrift Schreiber| als er seine Grammatik schrieb, von Premare’s Meinung abging und es als gewiß ansah, daß in alter Zeit nai als |120r| Pronomen gedient hat. Davon ist H. Neumann, und davon bin ich ausgegangen. Ohne diese Thatsächliche < | Handschrift wvh| thatsächliche> | Handschrift Schreiber| Grundlage würde ich H. Neumanns Stelle nie aufgenommen haben. Wäre Würde also die Eigenschaft des Pronomen dem Worte nai fälschlich zugeschrieben so hätte mich H. Abel-Remüsat < | Handschrift wvh| Abel-Remusat> | Handschrift Schreiber| irre geführt nicht aber H. Neumann. Eine Möglichkeit bleibt indeß allerdings, nehmlich die daß H. Remüsat < | Handschrift wvh| Remusat> | Handschrift Schreiber| seine Meinung später verändert und |120v| berichtigt[d] habe. Um hierüber nun zur Gewißheit zu kommen, habe ich H. Remüsat < | Handschrift wvh| Remusat> | Handschrift Schreiber| selbst geschrieben, und ihm waß < | Handschrift wvh| was> | Handschrift Schreiber| H. Klaproths und Ew. Brief darüber enthält, vorgelegt[e]. Ich sehe seiner Antwort jetzt um so mehr mit Verlangen entgegen, als ich in dem noch nicht ausgegebenen Theile der Abhandlungen unserer Akademie, zu welchem meine letzte gehört, mich über die Sache der jetzigen Aeußerung H. Remusats gemäß äußern möchte[f]. Wenn Ew. noch bisweilen H. |121r| Marc-Girardin sehen, so bitte ich Sie mein Andenken bey ihm zu z erneuern.

Empfangen Ew. die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung
|121v + 122r/v vacat|

Anmerkungen

    1. a |Editor| Siehe Klaproths Brief an Humboldt vom 1. Juli 1830 sowie dessen Antwort vom 9. September 1830. [FZ]
    2. b |Editor| Joseph Henri Marie de Prémare (1666–1736), jesuitischer Missionar in China. Autor der Notitia linguae sinicae.
    3. c |Editor| Dies bezieht sich wohl auf die Notitia linguae sinicae, S. 180. [FZ]
    4. d |Editor| Ergänzt aus der Kustode.
    5. e |Editor| Damit meint Humboldt wohl seinen Brief an Abel-Rémusat vom 9. Dezember 1830. Den Entwurf hatte er anscheinend vor dem 4. Dezember verfasst, der dann aber erst am 9. Dezember ins Reine geschrieben wurde. [FZ]
    6. f |Editor| Humboldt hatte keine Gelegenheit mehr, seine Abhandlung zu verändern. Jedoch sorgte er dafür, dass ein Auszug der Antwort von Abel-Rémusat im Nouveau Journal Asiatique 1833 erschien. [FZ]
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Heinrich Kurz, 04.12.1830. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/357

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