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  3. Nr. 373

Heinrich Wilhelm Adolf Graf von Kalckreuth an Wilhelm von Humboldt, 25.11.1827

|68r| Hoch und Wohlgeborener Freiherr
Höchstzuverehrender Herr Staats-Minister.

Gleich nach meiner Rückkehr von Berlin habe ich, wiewohl andere Geschäfte mir vorlagen, dennoch für mich nichts anziehendes gefunden, als Eu. Excellenz Schrift über die gramatikalischen |sic| Formen u. die chinesische Sprache, als ein Sendschreiben an H. Rémusat in Paris mit Fleiß durchzulesen – Es ist mir jetzt leid, daß ich meinen Brief an den verst: Pr. Bernhardi über Sprache im Allgemeinen, nicht wieder auffinden kann, denn Pr. Fichte ließ mir damahls durch meine Schwester sagen: er habe meinen Brief an Bernhardi gelesen, u. es verstehe sich, daß er über die Sätze, die ich darin aufstellte, mit mir völlig zusammenstimme. Ich erinnere mich, daß ich an B. schrieb: Sie stehen, wenn ich freimüthig seyn soll, in ihrer Untersuchung über die Sprache, gerade auf dem Punkt, wo Schelling steht, mit seiner Naturphilosophie. Sie tragen von Außen hinein, indem Sie gleich den Satz feststellen, es gibt eine menschliche Sprache ἀνθρωπίνως λαλεῖν, und deduciren nicht von Innen heraus, u. s. w. – Ich setze heute hinzu, dieser, einzig daher |68v| rühren alle jetzt beinah verschollenen Hypothesen über einen göttlichen, und menschlichen Ursprung der Sprache, die jetzt lächerlich erscheinen, weil man sich denn endlich über das Wort Entstehung mehr verständigt hat. Daß Entstehung nicht historisch, d.h. als ein faktisch nachweißliches Entstandenseyn erscheint, ist an sich klar, alle Fragen über die Entstehung wollen also weiter nichts bedeuten, als wie muß[a] dies und dies entstanden seyn, nicht, wie ist[b] es entstanden? Es gibt ja nichts Inneres, als die eine und allgemeine Freiheit, also erheischt die Beantwortung solcher aufgeworfener Fragen eine Construktion a priori.

Sonach gibt, und muß es geben, eine natürliche Sprache aller gebildeten zuvor, obschon die natürliche u. gebildete Sprache immer noch mit einander vermengt zu werden pflegen, weil unsere heutigen Gelehrten ohne Wissenschaftslehre etwas seyn wollen, was sie ohne dieselbe durchaus nicht seyn können, d. h. gründliche Gelehrte. – Also die natürliche Sprache von der gebildeten unterschieden, was ist die natürliche?

a) Die natürliche Sprache ist entstanden, oder wir können uns ihre Entstehung nicht anders denken, als auf die eine Weise; daß Bild und Begrif |sic| beisammen sind[c], mit einander synthetisch |69r| eins. Anschauung und Freiheit, Totalität u. Unendlichkeit sind eins. Angesehn durch die Freiheit ist die Sprache Begrif, angesehn durch die Anschauung ist die Sprache Bild. Da aber unsere ganze Deduktion sich hier auf ein apriorisches gründet, in Folge einer Construktion a priori, so sind Handlungen auch blos ihr Gegenstand, und ich muß bitten, alles Materielle vorerst auszuschließen. Bild u. Begrif sind beisammen, sich vorzustellen etwa wie Seele, und das reine Ich, das Ich als sittliches Princip, wo der Leib, in der Verbindung des organisirten sittlichen Ich, die eigentliche Seele ist. Wir bleiben also bei unserer Deduktion der natürlichen Sprache stets auf dem Gebiet der Handlung, oder des Apriorischen, indem ja organisch weiter nichts heißt, als die Beweglichkeit der Materie durch den bloßen Begrif. Die Materie, die hinzukomt |sic| ZB. bei der Bildung des hörbaren Lauts: R um den Laut R hörbar zu machen, ist gar nicht Folge der Handlung, des construirten Zusammenseins[d] des Begrifs mit dem Bilde, nicht Wirkung des Ich, oder des individuellen Lebens, sondern gehört vielmehr dem Nicht-Ich an, dem Widerstande der Natur. Das apriorische R R |sic|, als Handlung ist ganz verschieden von dem hörbaren Laut R. |69v| Das apriorische R, nur Handlung, in der Synthese, Begrif u Bild, muß also in allen Sprachen dasselbe bedeuten, ZB. den Begrif der Bewegung ausdrücken. Ueber die Abweichungen mehr! – Der hörbare Laut R /: Und diese Bemerkung mache ich zu Gunsten der Naturforscher, die man deshalb wohl Materialisten schilt, weil sie Sprache von dem Klima u. andern physischen Einflüßen anhängig machen :/ das Materielle gehört dem Widerstande, der Natur, an. Beiläufig gesagt, läßt sich auch hieraus die Verschiedenheit der Zungen und Dialekte erklären, obschon eine apriorische Grundlage[e] bleibt; die Eine natürliche Sprache, in welchem Ausdruck das Beiwort natürlich synthetisch bedeutet, denn von der Synthesis als einem Trennen und einem Verbinden gingen wir ja aus. Getrennt, Begrif u Bild, von dem Nicht-Ich, dem Widerstande der Natur, Verbunden, in der Materie, mit Eintritt der Materie, in der Qualität, damit Quantität möglich werde.

[f]Ich will hier gleich, als an dem schicklichsten Ort eine Bemerkung einstreuen, die für den Sprachforscher im Großen, wie Eu Excellenz, vielleicht nicht ohne Nutzen seyn dürfte. Die Mitlauter bezeichnen eigentlich nur die Qualität, nämlich die Qualität des Begrifs, die Selbstlauter aber Quantität. Jeder besondre Mitlauter bezeichnet |70r| eine sich mittelst des Bildes äußernden Begrif. In der vollständig aufgestellten Reihe der Mitlauter einer Sprache würde also ein System von einzelnen Begriffen liegen, in der natürlichen Sprache durch die Mitlauter eben so abgesetzt, objektivirt, wie in der gebildeten Sprache durch die heraustretenden gramatikalischen Formen. [g]Es ist eine für einen so gelehrten Sprachkundigen, als Eu Excellenz, würdige Aufgabe, die durchgehende Bedeutung der gleichen Mitlauter in allen uns bekanten |sic| Sprachstämmen auf zu suchen, weil die Abweichungen in dem Bezeichneten für die frühere Kultur-Geschichte der Völker nicht ohne Interesse seyn dürften.

Als Beispiele will ich anführen, die Mitlauter R. L. D. blos um mich verständlich zu machen, dahingestellt seyn lassend, ob gelehrtere Sprachforscher die durchgehende Bedeutung dieser Mitlauter nicht anders angeben dürften. R. bezeichne nur Bewegung, will ich setzen, in den mehrsten Sprachen, worüber nur die ebräischen, griechischen u. lateinischen Wörterbücher unter diese Buchstaben nachzuschlagen sind, so müßte nun, wo von dieser Bedeutung eine Abweichung vorkäme, |70v| die Ursache davon geschichtlich nachgewiesen werden. Auf diese Weise bezöge sich die Kulturgeschichte eines Volks auf die Sprache, und die Sprache zeugte wieder von der zeitigen Bildung des Volks, Sprache und geistige Entwickelung der Nation gingen geschichtlich zusammen, Hand in Hand. Die Abweichungen in der Bedeutung der Zeichen wäre geschichtlich eben so zu verfolgen, wie die Geschichte eines Begrifs als Vorstellung, durch Verwechselung der Zeichen. Ich erkläre mich. <Mächtiger Held> אֵדן – Macht, Gewalt, אֵן – Gott, das Abstrakte von dem Concreten, wie Gesenius will. Macher Elohim des Pluralis /: worin J. H. Michälis die Dreieinigkeit ahnden möchte :/ Jehovah Elohim – Das letzte Wort, äußere Anschauung in der natürlichen Reflexion. Das erste, Adonai gleichbedeutend mit Jehovah, die durch das objektivirende Denken hingestellte Anschauung als Seynsbegrif, eingeführt in die Welt der stehende Begrife. Das Griechische θεός von θέω curro, unser Deutsches Gott von Gehen /: nicht wie Luther etymologisirt von Gut. Vielmehr möchte Gut von Gehen kommen. Denn eigentlich geht nur das Gute, es ist eine Position. Das Schlechte ist lediglich Negation, es geschieht nichts :/ deuten auf Thätigkeit, Lebendigkeit, Leben. Also der |71r| intelligirte Begrif, Gott. Endlich nach der gegenwärtigen philosophischen Erkentnis |sic| durch die W. L. im transcendentalen Wissen, Gott, als sittliche Weltordnung, in der reinen, unveränderlichen Anschauung, als Guttun, das absolute Seyn. Dies ist die Geschichte des einen Gedankens, Gott, der sich bei allen Völkern unter verschiedenen Bildungen wiederfindet. Die Pohlen, als ein Theil des großen slavischen Völkerstamms, nennen Gott Bog, u. bogaty heißt reich, folglich ist die Vorbildung Gottes bei ihnen der Gaben-Spender, der einwirkt auf das Sinnliche; dieselbe Vorbildung, als wie in dem Worte Adonai, welches Gesenius von דון richten, gleichbedeutend mit herrschen, aus dem Phönicischen herstammen läßt. Die slavische Sprache stände also der Kultur und dem Alter nach auf dem Punkt, wo die Ebräische stand zur Zeit der zweiten Mythe in der Genesis.

Gleichwie nun, um zum Schluß zu kommen, der eine u selbe Gedanke, Gott, in allen seinen Bildungen durch alle Sprachen philosophisch[h] verfolgt werden kann, so müßte auch die eine und selbe Bedeutung eines Radicalen durch alle bekantgewordenen Sprachen versucht werden, und, wo möglich, jede Abweichung davon in der Bedeutung, geschichtlich nachgewiesen.

b) Die gebildete Sprache. Diese ist nun im äußern u. innern Bau von |71v| der natürlichen ganz verschieden. Wenn die natürliche aus ganz einfachen Lauten bestehend, nicht syllabisch ist, aus Lauten, die sich folgend, nur mittelst ihrer Stellung zu einander, einen Sinn verrathen, bei welchem die volle Verständlichkeit nur grade zu dieser Zeit, bei dieser begleitenden Handlung, von diesem Individuum, in dieser Nation zu erwarten steht; so strebt im Gegentheil die gebildete Sprache allem Individuellen in jeder Beziehung entgegen, durch wissentliche Entäußerung des Individuellen, das deshalb eben als ein rein Aeußeres heraustritt, u. sich abbildet in der Sprache – spricht ein lebendes Geschlecht der Menschen zu einem folgenden u. künftigen seine Gedanken, und das Denken in diesem Gedachten ist nicht in der Realität, sondern nur in der äußern Form, sich sichtbar, beschränkt. Sobald eine natürliche Sprache geschrieben wird, in todte Zeichen niedergelegt werden soll, geht sie über, schneller oder langsamer, je nachdem äußre Umstände es begünstigen, in die gebildete. Sie wird syllabisch, die Quantität des Wirklichen drückt sich besonders aus, neben u. gleich der Qualität des Begrifbildes, es entsteht das Wort, das objektivirte, als ein steter Gegenstand für den Verstand, ein Haltbares, an dem er sich übend selbst abprägt, Interpunktion, Orthographie, Etymologie, u.s.w, was Eu Excellenz, wie mir sehr passend scheint, unter dem Ausdruck, gramaticalische Cathegorien, verstehen. Dem Cathegorischen |72r| sind allgemeine Vorstellungsarten von Vorstellungen, welche als durchgehende Formen in allen Sprachen der Gebildeten sich zu erkennen geben, sobald sich die natürliche Reflexion zur freien sich erhebt, und der Verstand, als ein Denken des Gedachten, sein Werk an der Sprachbildung vollendet. Zum Schluß noch eine Bemerkung, nützlich vielleicht für Solche, die an einer Classification, gleichsam an einer Naturgeschichte aller uns bekantgewordenen Sprachen arbeiten! Die Ratio grammatica, wie Prf. W. Schlegel den Ausdruck braucht, ist zu ein schwankender Begrif, der sich vielfach deuten läßt, aber gewisse Grundzüge in der Vortreflichkeit |sic| einer besondern Sprache sind unverkennbar. –

So scheint es mir, eine große Mannigfaltigkeit in den Abbeugungen der Fälle bei dem Nennwort gibt weiter nichts zu erkennen, als daß eine Sprache viel im täglichen Leben gehandhabt worden ist, viel unter Menschen gewesen ist, möchte ich sagen. Die Substanz ist nichts, als das Eine und allgemeine Denken, das die Accidenzen trägt, wer nun die Substanzen in sich, vermehrt, dessen Horizont kann sich nicht über das tägliche Leben erstrecken, in welchem sie sich vielfach berühren. Sprachen, beinah ohne Declination, wo nur der Status absolutus, constructus u. etwa emphaticus besteht, zeugen von einem kleinen, isolirtlebenden Volk, das sich ihrer bediente, oder wenigstens die Isolirung.

Ein anderer Grundzug! Bei der Flexion berühren sich Wörter nur von außen, |72v| bei der Conjugation ist aber ein innrer Zusammenhang, wie denn die Zeit überhaupt die Form der Freiheit, an sich trägt, mehr als der Raum. Wo daher die modi, tempora, u. personae in der Conjugation des Zeitworts bestimt |sic| auseinandergesetzt, u. ausgedrückt sind, wo man die unendliche Zeit, ohne eine herausgehobene zu seyn, anzudeuten vermag in dem Aoristus dergestalt, daß man Gal. V. 24. τὴν σάρκα ἐταύρωσαν von der vergangenen als der gegenwärtigen Zeit verstehen kann, wie Michälis anführt, zeugt eine Sprache von Wissenschaftlichkeit.

Drittens. Wenn eine Sprache, außer u. neben den beyden vorhergehenden Ausbildungen, wodurch sie geschickt wird, die einzelnen Sätze in einander zu schieben, und das Ganze zu Vermehrung des Eindrucks auf einen Punkt zusammenzudrängen, noch überdies die größte Freiheit der Construktion hat, wodurch die Bedeutsamkeit des Einzelnen gewinnt, wie ZB im Thucicides |sic| so oft der Fall ist, so thut sie der Beredsamkeit Vorschub, und ist im eigentlichsten Sinne rhetorisch. Ich kenne zu wenig Sprachen, aber diesen Vorzug scheinen mir blos die römische, und ganz vorzüglich die griechische zu haben. –

Alles bisher Gesagte unterwerfe ich gern der gelehrten Beurtheilung von Eu Excellenz. Was den Gang des Denkens und des eigentlich Philosophischen betrift |sic| in dem gegenwärtigen Schreiben, so ist es zu sehr mein Angehöriges, um mich nicht des Lobes sowohl, als des Tadels zu überheben.

Mit der vollkommensten Hochachtung
Eu Excellenz
ganz gehorsamster Diener
GvKalckreuth
Siegersdorf
d. 25. Nov. 1827

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    Zitierhinweis

    Heinrich Wilhelm Adolf Graf von Kalckreuth an Wilhelm von Humboldt, 25.11.1827. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/373

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