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Heinrich Julius Klaproth an Wilhelm von Humboldt, 06.11.1823

|68r| Paris den 6. Nov. 1823.

Ew. Excellenz gütiges Schreiben vom 10 October[a] würde ich schon früher beantwortet haben, wenn ich nicht vorher alle Stellen Chinesischer Bücher, die auf die geknoteten Schnüre bezug <Bezug> haben, hätte durchsehen wollen.

Die älteste derselben ist unstreitig diejenige, welche sich im 2ten Capitel des zweiten Buches des Hy Hsü befindet, oder des Commentars den Confucius dem Buche Y king beigefügt hat, und der jetzt als ein integrierender Theil desselben angesehen wird. Es ist eben diese Stelle welche Herr Rémusat pag 67 in der note (2) anführt. Sie bedeutet wörtlich übersetzt: „Im höchsten Alterthume waren geknotete Schnüre zum regieren. In späterer Zeit verwandelte sie ein heiliger Mann in Schriftzeichen, damit die hundert Beamte regieren zu laßen, und das Volk (die zehntausend Völker) aufzuklären.“ – Montucci hat diese Stelle, deren Anfang im Kaiserlichen Wörterbuche citirt ist, sonderbar genug übersetzt.

Das Wai-ki, welches die alte mythologische Geschichte von China enthält, und in der Edition von 1717 den großen Jahrbüchern Thung-kian Kang mu vorgedruckt ist, sagt (Buch I. fol. II. recto) vom Sui-shin-schi, dem Vorgänger des Fu-hi: „Suig* Sui-shin-schi war der erste welche geknotete Schnüre machte um damit zu regieren“ – Der Commentar des Tschu-hi, setzt hinzu: „Das höchste Alterthum hatte keine Schriftzeichen. Die großen Angelegenheiten wurden durch große Knoten in <den> Schnüren, und die kleinen Angelegenheiten durch kleine Knoten in den Schnüren bezeichnet, die zur Erinnerung dienten. – Noch jetzt (im |68v| XII Jahrhundert unserer Zeitrechnung) haben alle südliche Barbaren die in den Thälern und Felsenklüften wohnen solche, und bedienen sich auch der Kerbhölzer zur Erinnerung.“ – Unter südliche Barbaren werden hier die wilden Bergbewohner in den Provinzen Szü-tschuan, Yünnan, Koütschen und Kuangsi verstanden. – Nach einer Chinesischen Geographie die ich in St. Petersburg benutzt habe, und die aus der letzten Hälfte des XVII Jahrhunderts ist, haben diese Bergbewohner noch jetzt den Gebrauch der geknoteten Schnüre. Ich denke sie bedienen sich derselben wie die Samojeden der Kerbhölzer (S. Asia polyglotta 165).

Ich bin so frei gewesen Ew. Excellenz einige Drucksachen mit der Post zu schicken, die auf Sprachvergleichung bezug <Bezug> haben. Das letzte waren die Coptischen Wörter. Hätte ich die in St. Peterburg gedruckte Tscheremissische Grammatik hier gehabt, so würde gewiß die Ausbeute noch reichhaltiger ausgefallen sein. Sollten Sie mir wohl dieselbe von der Berliner Bibliothek, wo sie sich befindet (mit einer Wotiakischen und Tschuwaschischen zusammen gebunden)[b], auf einige Zeit hierhersenden können?

Mit nächstem werde ich vielleicht im Stande sein Ihnen eine sehr interessante linguistische Neuigkeit zu schreiben.

Bis dahin verharre ich mit tiefster Hochachtung
Ew. Excellenz
ganz gehorsamster Diener
JHKlaproth
6. Passage Sendrier.
|69r vacat|
|69v|
A Son Excellence
Monsieur le Baron Guillaume de Humboldt
Ministre d’Etat
à
Berlin.
|Siegel|

Anmerkungen

    1. a |Editor| Der Brief ist nicht überliefert.
    2. b |Editor| Die zusammengebundenen Grammtiken befinden sich heute in der Staatsbibliothek zu Berlin, unter der Signatur Zr 29660. [FZ]
    Zitierhinweis

    Heinrich Julius Klaproth an Wilhelm von Humboldt, 06.11.1823. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/389

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