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  3. Nr. 390

Heinrich Julius Klaproth an Wilhelm von Humboldt, 01.07.1830

|109r| Paris 1. Julius 1830
5 Rue d’Amboise


Herr Abel-Rémusat hat die Güte gehabt, mir Ew. Excellenz höchst interessante Abhandlung über die Verwandtschaft der Ortsadverbien mit dem Pronomen, mitzutheilen, und ich kann Ihnen nicht sagen wieviel Vergnügen mir das Lesen derselben gemacht hat. Was das Japanische anbetrifft, so ist es zu bedauern, daß die Missionaire, welche Sprachlehren dieser Sprache verfaßt haben, in denselben den Japanischen Wörtern die Chinesischen Buchstaben beizusetzen vernachlässigt haben. Wäre das <nicht> der Fall, so würden wir in manchen Fällen klarer sehen als jetzt, zumal in den Höflichkeitspartikeln und Pronomen, die in dieser Sprache eine große Rolle spielen; wir würden durch die Chinesischen Buchstaben den eigentlichen Sinn derselben kennen lernen, der uns jetzt entgeht.

So sehr ich im Ganzen Ew. Excellenz Ansichten über die Ortsadverbien und Pronomen beipflichte, so kann ich aber auf der anderen Seite durchaus nicht dem beystimmen, was Ihnen Herr Neumann über das Chinesische mitgetheilt hat. Es wird niemand in Abrede seyn daß Ta und tai derselben Wurzel angehören, aber tai bedeutet nicht "sehr oder ausnehmend groß". Der Unterschied dieser beiden Wörter ist ein ganz anderer; ta bedeutet groß im Allgemeinen, oder wie der P. Basil in seinem Wörterbuche[a] sehr richtig sagt "magnum et mole et virtute" dagegen wird tai, nur von <in> moralischer Hinsicht gebraucht, selbst da wo es scheint materiel |sic| genommen zu werden, wie in  Sankskrit tai yang, Sonne und  Sankskrit tai yn, Mond; in welchen Ausdrücken von den beiden Principien yang und yn der Chinesischen Philosophen die Rede ist.

Herrn Neumanns Angabe, daß "Ta und tai in der Characterschrift erst spät unterschieden worden sind" ist ebenfalls unrichtig und von ihm |190v| ersonnen. Zum Beweise setze ich hier die alten Formen beiden |sic| Charactere her:

1.  Sankskrit Ta  Sankskrit

2.  Sankskrit Tai  Sankskrit

Was tscha und tschai anbetrifft, die durch den Character  Sankskrit ausgedrückt werden, so ist Herr Neumann ebenfalls im Irrthume; tscha bedeutet nicht "außerhalb seyn" Morrisons Erklärung "To be out of the straight line"[b] hat ihn dazu verleitet. Tscha wird nur moralisch gebraucht "aberrare a recta ratione".  Sankskrit Kue tscha würde, nach H. Ns. Erklärung, außerhalb des Reiches bedeuten, das ist aber nicht der Fall, denn diese Phrase hat gar keine Bedeutung; wohl aber  Sankskrit Kue wai, denn wai bedeutet physisch außerhalb; aber kein Chinesisches Wörterbuch erklärt  Sankskrit tscha durch  Sankskrit wai. Alle geben als Definition  Sankskrit tchhuen, errare <excedere> moraliter und  Sankskrit thso was dieselbe Bedeutung hat.

Ich komme nun auf  Sankskrit und  Sankskrit nài, die schon durch den Accent von einander verschieden sind. Nai ist niemals etwas anders als eine Conjunction und Disjunction, und namentlich in den drei Stellen die Herr Neumann zum Beweis seiner paradoxen Meinung, als sey es zuweilen Pronomen, angeführt hat. Für einen Kenner der Chinesischen Sprache findet in dieser Hinsicht kein Zweifel statt. Den vollkommendsten Beweis aber giebt die vom Kaiser Khian lang verfaßte Mandshu-Übersetzung, in der hier nai stets als Conjunction genommen worden ist, wie Ew. Excellenz aus der gegenüberstehenden Seite ersehen können. Die Mandshu Übersetzung ist so wörtlich als es der Genius der Sprache zuläßt, und man kann die Bedeutung der Wörter in Amiots Dictionnaire von Langlès herausgegeben verifizieren. Ich glaube sie braucht keines weiteren Commentars.

|110r; drei Tabellen| Erste Stelle

chines. mandshurisch
Kao Kao  Sankskrit Kao Kao
yao yao  Sankskrit yao yao
yue sagt  Sankskrit chendume sagt:
tu Gewiß,  Sankskrit mudshangga Gewiss
y auch  Sankskrit
hing handeln  Sankskrit yabun-de Handeln-im
yeu hat  Sankskrit inu auch
kieu neun  Sankskrit ujun neun
te Tugenden  Sankskrit erdemu bi Tugenden sind
y und  Sankskrit tere
yan sagend  Sankskrit
khi dieser  Sankskrit tere diesem
shin Mensch  Sankskrit nialma-de Menschen-in
yeu hat  Sankskrit
te Tugend  Sankskrit erdemu-bi Tugend-ist,
nai Also auch  Sankskrit
yan Wort  Sankskrit
yue sage:  Sankskrit
tsái Handeln  Sankskrit yabungge zu handeln
thsài das ist die Sache  Sankskrit tere baita das ist die Sache
thsai das ist die Sache.  Sankskrit tere beita das ist die Sache
seme auch
gissure. sage.

Zweite <Dritte> Stelle

Chines. Mandshu
U
hu



Oh!
 Sankskrit
ai

Oh!
schang Vielleicht  Sankskrit erebe dies
khe könnend  Sankskrit
schi stets  Sankskrit gemuni stets
schin aufs Kräftigste,  Sankskrit hing seme
muteche-de>
aufs Kräftigste
können-durch
nai so  Sankskrit aintsi so vielleicht
y auch  Sankskrit inu auch
yeu wird seyn  Sankskrit
tschung[1] ein Ende.  Sankskrit tuben < duben> Ende
bitsi zu seyn
ombidere. es mögte seyn.

Zweite Stelle

Chines. Mandshu
Tso Bearbeitet
(das)
 Sankskrit Tarifi Wenn bearbeitet,
(das)
schy  Sankskrit dshuan
yeu 13e.  Sankskrit dreizehnte
san  Sankskrit ilatsi
tsaì Jahr  Sankskrit ania, Jahr[2]
nai dann (auch)  Sankskrit teni dann (auch)
thung dem anderen gleich.  Sankskrit gûwa-de adali dem anderen gleich.

|110v| Erlauben mir Ew. Excellenz nun wieder auf Herrn Neumann zurück zu kommen. Er ist ein geistreicher und im Umgange angenehmer Mann, aber an gründlichen Kenntnissen in den asiatischen Sprachen fehlt es ihm gänzlich. Dabei ist er von der, seiner Nation so sehr eigenen, unbegränzten Eitelkeit beseelt, die ihn dazu treibt alles beurtheilen zu wollen was er nicht versteht. Chinesisch zu lernen ist leicht und ist schwer; es kömmt darauf an wie man es anfängt. Wer ein Jahr lang sich mit eisernem Fleiße dieser Sprache widmet, legt einen Grund auf den er späterhin weiterbauen kann, aber nicht der, der nach 14 tägigem Studio sich weit genug vorgerückt glaubt um die schwersten Chinesischen Philosophen zu lesen und dann anfängt zu lehren statt zu lernen. Ich habe hier H. Neumann oft gesehen und im Stillen seine Eigenliebe bewundert, mit der er es wagte seinem Lehrer, oder andere<n> gründliche<n> Kennern, Übersetzungsfehler zeihen zu können. Vom Tschu hi[c] bin ich überzeugt, hat er kein Wort verstanden, wohl aber seine vorgefaßte |sic| Meinungen in den Text gebracht, denn als er schon ziemlich weit in der Übersetzung dieses Schriftstellers gekommen war, kannte er nicht einmal den Gebrauch der Partikel  Sankskrit tschi, die doch im Chinesischen, wie jeder Anfänger weiß, fundamental ist.

Im Armenischen, das er 3 Monate lang in Venedig studirt hat, soll er ebenfalls sehr schwach seyn. Er hat die Correcturen seiner Abhandlung über die Übersetzung des Aristoteles, die im Journal Asiatique steht, selbst übernehmen wollen; auch ist der armenische Text, nach dem Urtheile aller Kenner, voll der lächerlichsten Fehler, indem er häufig ein Wort in zwei getheilt, oder aus zweien eins gemacht hat. Ganz Paris weiß auch, daß er fast gar nicht Griechisch versteht, und daß die griechisch übersetzten Stellen von Herrn Professor Sinner[d] sind. |111r| Wahrscheinlich wird Herr Dr. Kurz die Ehre gehabt haben, Ew Excellenz ein Exemplar seines Schreibens an Prof. Ewald, über H. Neumann’s Chinesische Unternehmungen, zu übersenden. Ich glaube daß er in alle dem, was er gegen ihn aufstellt, Recht hat. Was hier besonders <gegen> Herrn Neumann Allgemeine Animadversion erregt hat, sind seine Verläumdungen gegen Herrn Rémusat, die er hier und in England im Stillen ausgebreitet hat. In Deutschland soll er dasselbe gethan haben.

Ich muß um Verzeihung bitten, daß ich Sie mit dieser Angelegenheit schon so lange unterhalten habe, es schien mir aber der Mühe werth zu seyn, den Werth oder Unwerth der Bemerkung des H. Neumann über Chinesische Grammatik zu bestimmen, damit sie nicht zu Irrthümern verleiten mögen.

Indem ich mich Ihrer fortwährenden Güte und Gewogenheit empfehle, habe ich die Ehre mit vorzüglicher Hochachtung und Ergebenheit zu seyn
Ew. Excellenz
ganz gehorsamster Diener
JHKlaproth
|111v|
A Son Excellence
Monsieur le Baron Guillaume de Humboldt
Ministre d’Etat
Berlin
|Zwei Stempel|

Anmerkungen

  1. 1 |Klaproth| Dieser Buchstab, den Herr Neumann tang ausspricht, hat nur die Aussprache tschūng.
  2. 2 |Klaproth| oder im 13.ten Jahre

  1. a |Editor| Basile de Glemona (1648–1704), ein Missionar des Minoritenordens in China, verfasste ein handschriftliches chinesisch-lateinisches Wörterbuch, das 1813 von Chrétien-Louis-Joseph de Guignes in Paris leicht verändert (ohne Nennung des eigentlichen Autors) veröffentlicht wurde. Zu Basile de Glemona siehe das Dizionario Biografico degli Italiani, Band 14, 1972. [FZ]
  2. b |Editor| Morrison 1822, S. 64. [FZ]
  3. c |Editor| Zhu Xi (1130–1200), chinesischer Neokonfuzianer der Song-Dynastie; siehe Internet Encyclopedia of Philosophy. [FZ]
  4. d |Editor| Gabriel Rudolf Ludwig von Sinner (1801–1860), Schweizer Orientalist, klassischer Philologe und Bibliothekar, Mitherausgeber des Thesaurus Graecae Linguae ab Henrico Stephano constructus: Post editionem anglicam novis additamentis auctum, ordineque alphabetico digestum tertio ediderunt Carolus Benedictus Hase, in schola regia speciali linguarum orientalium professor … G. R. Lud. de Sinner et Theobaldus Fix, Paris: Didot 1830. [FZ]

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Quellen

Handschrift
  • Grundlage der Edition: Ehem. Preußische Staatsbibliothek zu Berlin, gegenwärtig in der Jagiellonen-Bibliothek Krakau, Coll. ling. fol. 49, Bl. 109–111
Druck
-
Nachweis
  • Mueller-Vollmer 1993, S. 201

In diesem Brief

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Zitierhinweis

Heinrich Julius Klaproth an Wilhelm von Humboldt, 01.07.1830. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/390

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