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Christian Gottfried Körner an Wilhelm von Humboldt, 10.08.1830

|192r| Für die gütige Mittheilung des hierbey zurückfolgenden Manuscripts bin ich Ew. Excellenz äußerst dankbar. Was Sie über die totale Wirkung Roms auf den empfänglichen Reisenden schreiben, hat mir großen Genuß gewährt. Die Begeisterung, die bey Ihnen selbst von Erinnerungen herrührt, und die sich stellenweise in einer Art von Hymnus ausspricht, mußte sich auch mir mitheilen, obwohl bey mir leider! die Phantasie nicht durch eigne Erfahrung unterstützt wird.

Bey Gothen mußte allerdings Rom sehr viel wirken, um die Virtuosität der Empfänglichkeit bey ihm |192v| zu entwickeln, wodurch er sich auszeichnet. Doch kann ich mich noch nicht überzeugen, daß seine vielseitigen Studien auf seine poetischen Leistungen eine durchaus vortheilhafte Wirkung gehabt haben. Schon die künstliche Indifferenz und Nüchternheit, die er sich bey der Beobachtung – wie eine Art von Casteyung zur Pflicht machte, konnte für seine Productionen gefährlich werden. Und wie viel Zeit gieng für die Thätigkeit verloren, die sein eigentlicher Beruf zu seyn schien! In den bildenden Künsten schien er nur immer, soviel ich ihn beobachten konnte – einen zu hohen Werth auf das Technische im Gegensatz des Poetischen zu legen. Vielleicht war dieß eine Folge |193r| seiner Resignation. Was die Naturforschung betrifft, so kann man seinen geistvollen Blicken in die Gesetze des Organismus alle Gerechtigkeit widerfahren lassen, aber doch bedauern, daß er soviel Zeit auf die Farbenlehre verwendete, da die Männer vom Fach die Resultate seiner Untersuchungen mehr aus Höflichkeit tolerirt, als freundlich aufgenommen haben. Wie viel hätte er dagegen für die deutsche Sprache leisten können, die doch das eigentliche Werkzeug seiner künstlerischen Thätigkeit war!

Doch ich fürchte Sie zu verletzten |sic|, wenn ich den kleinsten Schatten in einem Bilde bemerklich mache, das Sie mit solcher Wärme ins glänzendste Licht gestellt haben. Uebrigens war Ihre Aufgabe nicht leicht, und dieß hat verursacht, daß es bey manchen Stellen einige Anstrengung bedarf, um den Sinn ganz zu fassen. |193v| Doch werden Leser, für die Sie geschrieben haben, den ächten Gehalt erkennen und zu schätzen wissen.

Ein Paar Schreibefehler habe ich gefunden, als S. 23. da statt: der. S. 27. Z. 14. v. o. fehlt: er S. 29. sind die Gansefüße am Rande nicht bis zur 16ten Zeile fortgesetzt.

Von Ihrem Befinden haben wir erfreuliche Nachrichten erhalten und hoffen Sie bald durch den Augenschein bestätigt zu finden. Meiner Frau ist der künstliche Brunnen sehr gut bekommen, und der Zustand meiner Schwägerin hat sich wenigstens nicht verschlimmert.

Tausend Empfehlungen von den Meinigen!
Berlin den 10. Aug. 1830.
Körner.

Über diesen Brief

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Quellen

Handschrift
  • Grundlage der Edition: Ehem. Preußische Staatsbibliothek zu Berlin, gegenwärtig in der Jagiellonen-Bibliothek Krakau, Coll. ling. fol. 49, Bl. 192–193
Druck
  • Leitzmann 1940b, S. 135f.
Nachweis
  • Mueller-Vollmer 1993, S. 203
  • Mattson 1980, Nr. 12308
Zitierhinweis

Christian Gottfried Körner an Wilhelm von Humboldt, 10.08.1830. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/399

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