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  3. Nr. 466

Friedrich Eduard Schulz an Wilhelm von Humboldt, Frühjahr bis Spätherbst 1824

|85r| Über eine das Chinesische betreffende Stelle der Abhandlung über das Entstehen der grammat. Formen u ihren Einfluß auf die Ideenentwicklung. p. 27[a]

Eine der Haupteigenschaften der von den Chinesen  Sankskrit ku wen, „alter Styl“ genannten Ausdrucksweise ist allerdings Kürze. Diese herrscht, wenn auch in sehr bedeutend verschiedenen Graden, ebensowohl in dem, was die Chinesen  Sankskrit schang ku wen, wie in dem, was sie  Sankskrit und  Sankskrit (tschong ku wen und hia ku wen) genannt haben, oder, um wörtlich zu übersetzen, in dem hochalten Styl ebensowohl, (dh in den King’s und in einigen Inschriften des höchsten Alterthums) wie in den mittel-alten (in den Schriften des Confucius u seiner Schule) und in den niedrig-alten (dh <in der> in allen späteren historischen u philosophischen Werken gebräuchlichen, der älteren klaßischen nachgeahmten, freilich schon etwas gedehnteren, aber vom kouan hoa doch noch sehr weit verschiedenen Schreibart.)

Diese Kürze, die hauptsächlich in dem fast gänzlichen Nichtvorhandenseyn eigener grammat. Formen und Bestimmungen besteht, ist es, was, wie es mir scheint, <was> mehr als alles andere, was dem Ku wen den Vorwurf der Unbestimmtheit und den Operationen seiner Erklärer und Übersetzer den des Errathens zugezogen hat.

Obgleich nun diese, im hochalten Styl sicherlich auf das äußerste, nur je erreich- und gedenkbare getriebene Kürze nur sehr selten oder wenig <im niedrigalten>, und selbst schon weniger in dem mittelalten Style stattfindet, und man, wenn man wollte, durch die Nachweisung einer Menge ausdrücklicher grammatischer Formen und Bezeichnungen in beiden, den Vorwurf des Errathens <der> Unbestimmtheit allein auf den ältesten kou wen, also <auf> eine verhältnißmäßig äußerst kleine Anzahl chinesischer Schriften zurückführen könnte, so glaube ich, würde doch |85v| selbst dieß zuviel zugegeben und dem Charakter jener ältesten Litteraturüberreste in mehrfacher Beziehung dadurch zu nahe getreten seyn. Ich behaupte vielmehr, daß als eine zweite Haupteigenschaft alles kou wen, folglich auch jedes ältesten, vollkommene Klarheit und höchste Bestimmtheit zu betrachten sind und daß eben durch die Vereinigung dieser, mit <jener> durch keine nur erdenkliche Form oder Wendung einer anderen Sprache zu übertreffenden Kürze, der menschliche Geist eine ihm zur höchsten Ehre gereichende Erscheinung aufgestellt hat. Dieß ist nun freilich eine Behauptung, welche rein auf Erfahrung beruht und keinen anderen Beweis zuläßt, als den der Hinweisung auf die im Ku wen aus vorliegenden Schriften, verbunden mit der, wie ich mich unter H Abel Rémusat’s Anleitung unzähligemale selbst überzeugen konnte, sehr leichten Darlegung deßen, daß gerade jene, beim ersten Anblick oft verzweifelt scheinende Kürze, weit entfernt den Leser irgend etwas errathen zu laßen, <ihn> vielmehr geradezu zwingt, für jedes Wort und Zeichen seine, ihm nur durch die Stellung fixirt, nothwendige Geltung <als Verbum, Subst. Adjectivum u dglch.> heraus zu finden, welche denn immer die einzige ist, deren Annahme streng philologisch sich rechtfertigen läßt. Dem hier sehr richtig scheinenden Einwurfe dagegen : daß doch immer in jenen Schriften eine Menge von Stellen unklar und vielleicht auf ewig unverständlich bliebe : kann ich auf das leichteste mit der Bemerkung entgegen treten, daß all dieß Unklare und Unverständliche durchaus nicht in der Unbestimmtheit und Mangelhaftigkeit der Sprachbezeichnung, sondern einzig u allein in hiervon ganz unabhängigen Umständen zb in der Unvollständigkeit unserer lexikographischen Kenntniße, in unserer Unbekanntschaft mit einer Menge darin <in jenen Stellen> berührter histor. Thatsachen u dgl., seinen Grund habe. –

Zwar scheinen die Arbeiten mancher Missionäre, welche größtentheils zum durchaus keinen, auf grammatische oder allgemeinphilosophische Forschungen gerichteten Geist, zum Theil selbst nicht einmal <auch nur> einigermaßen richtige Ansichten von irgend einer einzelnen der ihnen geläufigen europäischen Sprachen, |86r| in deren Formen sie nun sogleich das Chinesische hineinzwängten, zum Studium dieser Sprache mitbrachten, <manche> ihrer Arbeiten, sage ich, scheinen allerdings sehr für jenes behauptete Errathen des Sinnes der Kou-wenschriften zu sprechen, und mehrere ihrer Übersetzungen in der Hand, ließe sich <könnte man> füglich von Kou wen behaupten, daß sich aus <bei> seinen Erzeugnißen alles Mögliche nach Belieben hierin oder heraus verstehen laße. Aber von diesem Unfuge, der nothwendigen Folge routinenmäßiger Erlernung einer Sprache, wie das Chinesische, darf, wie ich glaube, nach Erscheinung der trefflichen Rémusat’schen Élemens nicht mehr die Rede seyn; und ich bin überzeugt, H. von Humboldt wird, wenn er von diesem Werke geleitet, dem Studium der Kouwenliteratur seine Aufmerksamkeit schenken will, mit Vergnügen zugestehen, daß der <harte> Ausdruck des Errathens doch jetzt nicht mehr füglich von dem Verständniß dieser Schriften <nicht mehr füglich> angewandt werden könne. H. Abel Remusat wenigstens wird den in der angeführten Abhandlung dem Chinesischen gemachten Vorwurf sicherlich nicht zugeben und bei den, als Beweis dafür aus seinen élémens dort angeführten Stellen, bemerken, daß er allerdings selbst in seiner Grammatik aussprechen mußte, was ein unläugbares Factum ist, – daß nämlich ein jedes der von den Missionären darum oft mit Bias verglichenen, Chinesischen Wörter alles mögliche oder die Fähigkeit bald als Verbum, bald als Substantivum, oder Adjectivum oder partikel etc. aufzutreten, in sich trage – <nur wird er hinzusetzen> daß er aber darum noch weit davon entfernt sey, dem Chinesischen dieß als einen Vorwurf anzurechnen, indem er vielmehr durch sein ganzes Werk hindurch zu zeigen gesucht, wie das aus jenem Factum vermuthete Schwankende, Unsichere und Willkührliche im Kou wen gar nicht statt habe, sondern wie, wenn ich mich dieses Ausdrucks bedienen darf, die Evolution der in einem einzelnen Worte eingefloßenen hier substantivischen, dort adjectivischen oder verbalen etc. Geltungen, mit größter Sicherheit und nach sehr fest bestimmten Gesetzen vor sich gehe.

Diese, wie Rémusat zuerst <es> gezeigt hat und wie tausendfache Erfahrungen es bestätigen, großentheils auf der Wortstellung beruhenden Gesetze sind so fest und so unabänderlich, daß sich für die |86v| des Kouwen eine Art algebraischer Formeln aufstellen ließe, in welchen Buchstaben die nothwendige Stelle des Subjects, des Objects, des Verbums u. s. w. bezeichneten und so bestimmt angäben, welche eigenthümliche Rolle ein jedes Wort <in> der Rede spiele, wodurch dann natürlich von selbst dem Schwanken zwischen der Maße seiner verschiedenen grammat. Geltungen, deren es <für sich genommen> fähig ist, ein Ende gemacht wird. Wie <wir> zb wenn wir, in der einfachsten Satzform, die Stelle des Subjects durch A, die des Verbums durch B und die des Objects durch C bezeichnen, durch die, als <ein> unabänderliches Stellungsgesetz ausdrückende Formel

A
B
C

und ihre Anwendung auf die 3 Chinesischen, zusammenconstruirten Wörter

 Sankskrit jin hao hiŏ

sogleich wissen, daß dieser Satz vernünftigerweise nur ausdrücken könne: homo amat studium wiewohl  Sankskrit außer homo, ebensowohl humanus, wie hominem esse, humanum reddere u.s.w. bezeichnet,  Sankskrit aber *** <in> einer Menge anderer Stellen *** <eine> substantive, oder adverbiale etc Bedeutung hat, bei welcher Analyse ich nun das bemerken muß, daß ich der Kürze wegen amat gesagt und damit einen Zeitbegriff in das entsprechende chines. Wort hineingetragen habe, der, wie es mir scheint, eigentlich nicht darin enthalten ist, indem, wie ich überzeugt bin, dasjenige was man überall Chines. Verbum genannt findet, bei der logischen Analyse <in den meisten Fällen>, wenn man sich unserer Terminologie bedienen will, als ein bloßer Aorist oder als eine bloße Verknüpfung der Copula mit dem Adjectiv ohne alle Zeitbestimmung zu betrachten ist.

Gegen die Aufstellung solcher Buchstabenformeln möchte sich nun vieles, auf den ersten Blick sehr Erhebliches anfechten <anführen> oder dieselbe <möchte> vielleicht nur für die allereinfachste, der <alle> vollständig ausgesprochenen Theile eines Urtheils enthaltenden Satzformen als zuläßig sich betrachten laßen; aber ich glaube ebenso wohl jenes <hier>|?| bestätigen, wie dieser Einschränkung, durch Nachweisung der Zuläßigkeit dieses Verfahrens für fast alle chines. Sätze, zuvorkommen zu können.

Nur wage ich es nicht im voraus zu vermuthen, ob Ausführungen der Art der gütigen Nachsicht sich zu erfreuen haben dürften, welche ich durch das Ebengeschriebene vielleicht allzulange in Anspruch zu nehmen mir erlaubt habe.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Diese Seiten sind keinem Brief zuzuweisen. Die Abhandlung "Über das Entstehen der grammatischen Formen und ihren Einfluß auf die Ideenentwicklung", auf die Schulz Bezug nimmt, erschien im Frühjahr 1824 als Separatdruck (siehe dazu Leitzmann in GS 4, S. 439, mit Nennung u.a. des Briefes an Welcker vom 22. Mai 1824). Dass Schulz einen Sonderdruck vorliegen haben musste, erweist die angegebene Seitenzahl (die Seite 27 des Separatdrucks entspricht den Abhandlungen der historisch-philologischen Klasse der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin aus den Jahren 1822 und 1823, S. 427) und lässt sich aus einer Bemerkung Alexander von Humboldts in seinem Brief vom 13. September 1824 annehmen ("Il se trouverait très flatté de ton souvenir, tu pourrais lui adresser des questions sur le chinois…"). Der Text wird vor dem Brief vom 25. Dezember 1824 an Humboldt abgegangen sein. In dem ganzen genannten Zeitraum hielt sich Schulz in Paris auf, bevor er 1826 nach Persien und in die Türkei reiste. [FZ]
    Zitierhinweis

    Friedrich Eduard Schulz an Wilhelm von Humboldt, Frühjahr bis Spätherbst 1824. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/466

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