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  3. Nr. 467

Friedrich Eduard Schulz an Wilhelm von Humboldt, 25.12.1824

|87r| Hochzuverehrender Herr Baron,
Hochgebietender Herr Staatsminister!

Ich glaube vor Allem mir die Verzeihung Ew. Excellenz dafür erbitten zu müßen, daß ich Ihnen noch nicht früher meinen wärmsten Dank für die ausgezeichnete Güte ausgesprochen habe, mit welcher Sie mich durch ein eigenes Schreiben zu beehren die Gewogenheit hatten. Sicherlich konnte mich einer solchen Auszeichnung nur die liebevolle Güte theilhaftig machen, mit welcher ich hier von dem Bruder Ew. Excellenz beehrt zu werden so glücklich bin. Der Werth, den ein solches Verhältnis für mich haben muß, Ew. Excellenz zu berühren, würde unnöthig seyn. Ew. Excellenz werden, als Bruder, mehr als Alle, den Mann zu würdigen wissen, um welchen wir Deutsche uns, selbst von dem eitlen und misgünstigen Frankreich täglich recht von Herzen uns beneidet sehen. Möchten Ew. Excellenz die Gewogenheit haben, es zu entschuldigen, wenn ich, durch das Wohlwollen dieses Ihren Herrn Bruders nicht weniger, wie durch Ihre eigene Erlaubnis so kühn gemacht, von Zeit zu Zeit mir die Freiheit nehme, bei Ihnen Einsichten in meine Gebiete der Wissenschaft mir Belehrung zu suchen, in welchen ich nur bei wenigen so viel Tiefe, neben Anregung für mich, mir versprechen dürfte, wie bei Ihnen.

Es müßte mich ungemein für das Studium des Chinesischen freuen, daß gerade Sie sich mit demselben zu beschäftigen unternommen haben. Wenige Sprachen möchten sich, scheint es mir, nachweisen oder |87v| selbst nur denken laßen, deren Verständniß und wahres Erfaßen mehr Aufmerksamkeit auf die allgemein philosophische Betrachtungsweise der Sprachen <überhaupt> erforderte. Täglich habe ich Gelegenheit, Leute zu beobachten, die bei allem Fleiße und aller Ausdauer in diesem Studium kein Nachdenken über das, was eben nicht in Grammatik und Wörterbuch steht, hinzubringen und sich zwar dann immerhin recht viel Routine im Verstehen erwerben, nie aber auf völlige Sicherheit und Festigkeit ihres Urtheils über einzelne die Chinesische Philologie betreffende Punkte Anspruch machen können, ebenso wenig, wie ihnen je von dem Ganzen dieser interessanten Sprache und namentlich von ihrem Verhältnis zu unserer Sprache, eine irgend klare und haltbare Ansicht zustehen kann. Manches freilich mag sich, auch wenn man das Chinesische dollmetscherartig behandelt, aus seinem Studium gewinnen laßen; sicherlich aber nicht viel Tiefes. Verloren geht alsdann insbesondere Alles, was sich für allgemeine Sprachforschung und für die Darstellung der bald auseinander bald zusammen laufenden Wege daraus lernen läßt, welche der menschliche Geist <von jeher> einschlug, um sein Innres durch Sprache und Schrift, in Lauten und in Laut- oder Anschauungsdarstellungen auszusprechen. Hierfür vor Allem laßen sich von gründlicher Erforschung des Chinesischen treffliche Leistungen hoffen; und Ew. Excellenz werden es nur Ihren eigenen Abhandlungen zuzuschreiben haben, wenn jedermann von Ihnen hierfür Alles erwartet. Vielleicht dürften Ew. Excellenz in diesem offenen Geständnis, welches von aller, ebensowohl mit der Achtung, die ich Ihnen schuldig bin, wie mit meinem eigenen Charakter unverträglichen, schmeichlerischen Complimentsucht entfernt ist, die Entschuldigung für die Bemerkungen finden, welche ich *** über manche in Ihrem Briefe ausgesprochene Zweifel Ihnen mitzutheilen so frei bin. –

Die Unbestimmtheit des Chinesischen oder vielmehr seiner Constructionen, von welcher Ew. Excellenz nicht ganz abzugehn zu wollen scheinen, läßt sich, wie ich bei öfterem Nachdenken mich selbst überzeugt habe, allerdings mit ungemein scheinbaren Gründen behaupten, nie aber, wie es mir scheint, wirklich sich erweisen.

Daß der Vorwurf derselben einzig und allein <auf> den Kouwen gerichtet sey, den Kouan hoa |88r| aber[a] durchaus nicht treffen könne, da in diesem, wie jede Seite jedes Romans zeigt, meist selbst die <fast> unnöthigsten Redebestimmungen ausgedrückt sind, werde ich Ihnen weiter unten durch die Analyse einiger in diesem Style verfaßten Stücke darzuthun versuchen. Ich darf mich also jetzt nur auf den Kouwen beschränken.

Ein erster Satz, den ich hier glaube festhalten zu müßen und dessen öftere Nichtbeachtung ich der Rémusat’schen Grammatik zum Hauptvorwurf machen möchte, ist völlige Abstraction von unseren grammatischen Terminologien und den an sie gebundenen Ansichten, oder eine, fürs Chinesische, wie ich glaube, mehr als für irgend eine andere Sprache unerläßlich nothwendige, blos auf die Beobachtung der allgemein logischen Functionen unseres Geistes gegründete Schematologie – wenn ich mich dieses Ausdrucks bedienen darf. Die strenge Gesetzmäßigkeit der Constructionen des Kouwen kommt denn nachher dieser Betrachtungsweise, negativ, oder, alle, in der richtigen Aneinanderreihung der logischen Glieder möglichen Irrthümer beseitigend, so sehr zu Hülfe, daß wir, Beides zusammennehmend, in einer chinesischen Phrase wohl ebenso sicher, wie in der irgend einer anderen Sprache, die wechselseitigen Beziehungen der einzelnen Theile, aus denen sie besteht, richtig auffaßen und somit in dieser Sprache ebenso denken können, wie das Volk in ihr denkt, das sie zu seiner eigenen sich geschaffen hat. Daß dieß wirklich der Fall sey, davon wird man sich und anderen nur durch eine sorgfältige, logische und grammatische Analyse einer jeden einzelnen Phrase <von deren Verständnis es sich handelt,> Rechenschaft geben können. Man wird dabei manches oft mehr fühlen, wie deutlich bezeichnen können. Es thut mir fast leid, daß ich diesen Ausdruck gebrauchen muß; denn ich wünschte gar sehr aus Allem, wo nur logische Schärfe gelten sollte, das Schwankende und Unbestimmte, welches in der Subjectivität des Fühlens liegt, verbannt zu sehen. Allein zu bestimmte Erfahrung <zwingt>, die freilich mich wiederum nur in Unvollkommenheit der Auffaßung oder der Verdeutlichung, von meiner Seite, liegen könnte, zwingt mich zu diesem Geständniß.

|88v| Eine Übersetzung dagegen, sey sie in ihrer Art noch so getreu, kann für die vollkommen logisch richtige Auffaßung einer chinesischen Phrase, wie es mir scheint, hinlängliche Bürgschaft leisten. Denn jede andere Sprache ist durch die Natur ihrer <grammatischen> Formen gezwungen, Bestimmungen in Stellen hineinzutragen, in welchen diese im Kouwen, sobald sie gleichgültig oder unnöthig sind, mangeln. Eben das Bestimmen des Unbestimmten aber scheint mir fehlerhaft; wenigstens ist es im Verhältniß der <einer> Übersetzung zu ihrem Original immer Ungenauigkeit; wenn auch, wie gesagt, hier eine unvermeidbare. Man muß sogar, glaube ich, behaupten, daß durch jede Übersetzung in eine mit grammat. Formen versehene Sprache, der Charakter des Kouwen, der in meist gänzlicher Abwesenheit dieser Formen besteht, von vornherein gänzlich verwischt und verändert wird. Soll dieser Charakter einigermaßen erhalten werden, so muß die Übersetzung so viel als möglich jene Abwesenheit der grammat. Formen selbst auszudrücken, namentlich aber die Ergänzung derselben durch die Stellung, wo es nur irgend angeht, <noch> zu nehmen suchen, was im Deutschen, wie ich finde, oft noch ziemlich erträglich angeht. Die Fremdartigkeit und die abgebrochene Kürze, welche für uns an mehr Ausführung Gewöhnte, eine so gestaltete Übersetzung haben muß, scheint mir, so wenig sie auch, der Natur unserer Sprachen wegen, ganz den Eindruck wiederholen kann, welchen der Chines. Text macht, sie scheint mir, sage ich, dennoch bei weitem jeder Umschreibung vorgezogen werden zu müßen, welche durch ihre, wenn man will, größere Deutlichkeit und Bestimmtheit immer Dinge in den Text hineinträgt, die nicht darin stehen; wie zb schon Rémusats <französ.> Übersetzung des Tchoung young zur Genüge beweisen kann.

|89r| Allein, wozu dieß alles? beweist es denn nicht geradezu recht auffallend die Unbestimmtheit des Kouwen? Wenn man näher und schärfer zusieht, glaube ich, keines wegs. Die vermeintliche Unbestimmtheit dieses alten Styls läßt sich, nach meiner Ansicht, als eine dreifache betrachten; als eine logische, grammatische und verbale. In jeder dieser 3 Hinsichten aber muß sie, scheint es mir, geläugnet werden.

Für die ersten läßt sich das meiste, Scheinbare vorbringen. Nehmen wir dazu irgend eine beliebige Phrase des Kouwen; **** <betrachten> wir ihn zb wenn er sagt:

 Sankskrit (ji ming ti)

Diese allerdings einen so ganz einfachen Satz bildenden Worte, wird man sagen, sind in logischer, wie in grammatischer Hinsicht ungemein unbestimmt. Der Eine wird übersetzen: sol illustrat terram, während ein Anderer sol illustrat <illustravit>, ein Dritter gar mit gleichem Rechte in einer anderen Stelle illustrabit setzen dürfte; der anderen, doch immer eine feine Nuancirung des Gedankens mit sich führenden, dabei noch möglichen Übersetzungen, wie zb a sole illustratur terra u.s.w., gar nicht einmal zu gedenken. Wenn in einem so leichten Satze so viel Willkühr den Übersetzern gegeben ist, welchen Unfug mag sie erst in schwierigeren u verwickelten Stellen dieses vage Wesen des Kouwen anrichten laßen?

Ich antworte: Sätze der Art haben im Chinesischen nie absolute, sondern immer nur eine relative Unbestimmtheit; die wohl sehr seltene Fälle abgerechnet, wo der Schriftsteller es darin vorsah, daß er seine Worte irrig für hinreichend hält, um in seinen Lesern ganz bestimmt die<selben> Begriffsverbindungen <hervorzurufen>, welche in seinem Geiste im Augenblicke des Schreibens vorlagen und der Darstellung durch die Schrift sich entgegendrängten. Die Sätze des Kouwen sind nur, sagte ich, relativ unbestimmt. Dh für Euch, die Ihr sie in eure Sprachen übertragt, die mich dann, wie ich schon oben bemerkte, sogleich zwingen alles darin zu verkehren oder wenigstens Dinge hineinzuschieben, die ebensowenig in des Chinesen Idee, wie in seinem Ausdrucke liegen. Warum zb in dem angeführten Satze nicht lieber ganz von unseren Sprachen abstrahirend, die Worte so betrachten, wie wir sie uns in dem Geiste des Chinesen durch ihre Verbindung Gedanken hervorrufend vorstellen müßen? was aber drücken sie alsdann anderes aus, als die Sonne in einem bestimmten Verhältniße zur Erde gedacht, welches Verhältnis durch den Begriff des Erleuchtens exponirt ist; – nichts weiter. Daß dieses Verhältnis, welches ein doppeltes seyn könnte, grade hier *** <von> Seiten der Sonne |89v| <als> ein actives ist <dargestellt werden soll>, dieß drückt ganz bestimmt, ohne dem mindesten Zweifel Raum zu laßen, die Stellung aus; und dieß ist es, was ich oben, ein Zuhülfekommen der Construction genannt habe. Nun aber, glaube ich, ist unser Satz absolut best <bestimmt>; er giebt uns auch deutlich was im Geiste dessen, der ihn aussprach, vorging. Von allem dem, was unsere Übersetzungen hineintragen müßen, wie zb namentlich von Zeitbestimmung, hat der Chinese in seinen Worten nichts gesagt, nichts sagen wollen; denn all dieß ist ihm in dieser Ideenverbindung gleichgültig gewesen. Er würde es dagegen, wo er es gewollt, oder wo <es> ihm um die Abwendung eines Misverständnißes gegolten, sicherlich ausgedrückt haben; wie man sich davon häufig genug, selbst aus dem, in wahrem Lapidarstyl abgefaßten Chouking überzeugen kann. So hat der Kouwen also eine beneidenswerthe Freiheit, neben den Mitteln sie, zu Gunsten größerer logischer Bestimmung, überall, wo es gilt, zu beschränken. Sie nachzuahmen habe ich mir, in vielen Fällen, kein beßeres Mittel ersinnen können, als unseren Gedankenstrich, der ja zb oft genug unsere Aufmerksamkeit an einen bestimmten Gegenstand bindet und anhält, welchen er ihn gleichsam als einen besonders und etwas länger zu betrachtenden von den übrigen abtrennt; wodurch er denn unserem, auf diese Art ganz mit einem solchen Gegenstande beschäftigten Geiste die Freiheit läßt, eine gleich darauf folgende Bestimmung dem Gegenstande beizulegen, auch ohne die, in solchen Fällen sonst in den Sprachen übliche Vermittelung durch eine wörtlich ausgedrückte Copula; wie wenn wir sagen: Die Rose – o wie schön! So ziehe ich es zb vor, die Worte, deren sich ein chinesischer Schriftsteller, den Tao charakterisirend, bedient:

 Sankskrit nao pou ko tsi

 Sankskrit chin pou ko tsé.

zu übersetzen: hoch – unbegränzbar; tief – unergründbar; wodurch mir, da schon das Vorhergehende die Beziehung aller dieser Prädikate auf den Tao klar macht, weit mehr die Begriffsbeziehungen <des chines. Denkens> in ihrer relativen Unbestimmtheit treu dargestellt zu werden scheinen, als wenn ich eine der vielen anderen Übersetzungen wählte, durch welche sich der Text mehr bestimmen, aber |90r| auch[b] mehr verwäßern ließe; wie: an Höhe, kann er nicht begränzt werden; er ist so hoch, daß er etc.

Daß der Vorwurf der zweiten Art von Unbestimmtheit – der grammatischen – den kouwen nicht treffe, dieß zu zeigen, war, wie es mir scheint, eine der Hauptaufgaben, welche die Rémusatschen élémens zu behandeln hatten. Da alle Kouwensätze wenig wortreich und äußerst einfach sind, so laßen sich fast alle, ohne irgend eine Ausnahme, die <wie> ich Ew. Excellenz, wenn ich nicht irre, schon früher bemerkt habe, auf eine verhältnißmäßig nicht allzu große Zahl algebraischer Formeln ähnlicher Schemata zurückführen; eine Erscheinung, welche man wohl für unmöglich halten müßte, wenn der Charakter der Kouwenconstruction nicht größte Bestimmtheit wäre.

Ew. Excellenz werden sich durch grammatische Schwierigkeiten, namentlich durch den Mangel grammatischer Formen, im Kouwen immer nur alsdann aufgehalten gesehn haben, wenn Ihnen die Bedeutung eines oder einiger Wörter nicht klar war, so daß Sie, das Subject etwa für ein Verbum nehmend, die Construction nicht finden oder mit der angenommenen zu keinem vernünftigen Sinne gelangen konnten. Natürlich, daß in solchen Fällen das Daseyn einer grammatischen Form selbst für uns Europäer alle Ungewißheit hätte haben können. Allein, da in diesen Stellen das Dunkel nur von dem Verstehen oder Misverstehen eines Wortes abhängt, welches der Chinese oder der mit dießer Sprache Vertraute sogleich in seinen üblichsten Seiten|?| auffaßt, in welchem <genommen> es in der den Fremden quälenden Stelle sogleich völliges Licht giebt und in welchem es auch der Schriftsteller <selbst> gebraucht hat; so, glaube ich, muß man dieß mehr als eine verbale Schwierigkeit – wenn ich so sagen darf – betrachten, als es für eine eigentlich grammatische ausgeben. Dem Chinesen hat dieß, uns allen vielleicht dunkle, Wort seine bestimmte und übliche Bedeutung – bald als Substantiv, bald als Verbum etc. Er wendet es in diesen an und eben ihre Üblichkeit ersetzt ihm die bestimmte grammat. Form durch die bei uns jedes Wort als Substantivum, als Verbum etc. charakterisirt ist: Indem er es dann diesem gemäß construirt, fällt für den mit der Sprache Vertrauten jetzt Un-|90v| Ungewißheit |sic| durchaus weg; wer aber kann es ihm verargen, daß er im Bestimmtseyn Überflüßiges vermeidet, oder, wenn er diesen, welche, ihm Mangel an grammat. Formen vorwerfend in der Setzung derselben nichts Überflüßiges, sondern nur Nothwendiges erblickend, wenn er sie darauf aufmerksam machte, daß nur, weil ihnen selbst, in sonstiger Sprachkenntniß nicht allein das Überflüßige, sondern selbst das Nothwendige abgehe, sie einen Mangel in der oder jener bestimmten Stelle erblicken könnten? Unschuldig mag zwar oft der Anfänger seyn, der, wenn das dickleibige Wörterbuch die confuseste Maße aller möglichen Bedeutungen über ihn ausschüttet, bei dem 2ten Worte für diejenige sich entschließen zu müßen glaubt, welche ihm zu derjenigen, die er sich für das erste herausgewählt hat, am meisten zu paßen scheint; der, wenn er dann noch bei ein paar der folgenden Wörter nach einem ähnlichen Associationsspiele verfährt und mitunter die Construction ein wenig danach modificirt, einen Sinn sich herauswürfelt, der dem lächelnden Könner auf den ersten Blick als Unsinn erscheint – unschuldig mag er dabei – das Constructionsverdrehen abgerechnet – immer seyn, allein bleibt er deßhalb weniger ein Anfänger? Unglücklicherweise fängt man auch im Chinesischen gewöhnlich gerade mit den Schriften die Erlernung der Sprache an, welche zwar allerdings die Grundlage bilden, auf der <welcher> der Koloß|?| der chinesischen Litteratur aufgeführt, und das Muster, wonach fast alles in ihr geformt ist; – mit den King’s und den Sséchou, <bei> deren Verständniß <man> fast auf jeder Seite <mit den> größten historischen und philosophischen Schwierigkeiten zu kämpfen hat; während eine Menge anderer, auch in sehr gutem Kouwen geschriebener Werke, namentlich geschichtlicher, wie zb das lesenswerthe Werk von Se ma tsien, unserem Ideenkreise näher und damit unserem Verständniß <weit> offener liegen.

Ich sehe fast nicht ohne Schrecken, daß ich es gewagt habe durch zwei |91r| volle[c] Bogen, die Aufmerksamkeit Ew. Excellenz in Anspruch zu nehmen und vielleicht zu ermüden; und dennoch bleiben gerade 2 der Hauptpunkte, über welche Ew. Excellenz mir einige Fragen vorzulegen die Gewogenheit hatten, unerörtert. Ich meine die chinesische Poesie und den Kouan hoa. Wenn ich auch in diesem Briefe, deßen Länge ich kaum bei Ew. Excellenz zu entschuldigen weiß, es nicht mehr wagen darf, einige Bemerkungen über diese zwei Gegenstände Ew. Excellenz gütiger Beurtheilung vorzulegen; so würde ich mich doch durch die Erlaubniß, ein anderesmal sie Ew. Excellenz mittheilen zu dürfen, äußerst geehrt fühlen. Namentlich dürfte es vielleicht Ew. Excellenz nicht unangenehm seyn, durch eine etwas ausführliche Analyse eines größeren Abschnittes irgend eines Romanes, von welchem hier Exemplare vorräthig sind, den äußersten Unterschied zu bemerken, welcher zwischen dem alten und dem modernen Style statt findet; welchen letzteren Ew. Excellenz alsdann gewiß selbst von allem und jedem Vorwurfe der Unbestimmtheit freisprechen würden.

Schließlich nehme ich mir noch die Freiheit, Ew. Excellenz für die Anzeige Ihres mémoirés |sic|, welche ganz in der Kürze im Asiat. Journal erscheinen wird, in gar vieler Hinsicht um Nachsicht zu bitten. Es handelte sich hier, wie Ew Excellenz einsehn werden, um nichts geringeres, als, eine ausführliche Abhandlung, voller eng mit einander verbundener Gedanken, deren keinen man von dem anderen losreißen sollte, in die Fatalität eines ganz engen Raumes hineinzuzwängen; eines Raumes, den ich mir durch ein paar Vorbemerkungen, die mir in anderer Hinsicht nöthig scheinen, noch mehr verengern müßte. Nur schmeichle ich mir bei dem Interesse welches jene treffliche Arbeit von Anfang an für mich gehabt hat und bei dem Vergnügen, welches mir die Beschäftigung mit derselben gewährt hat, vielleicht weniger der Gefahr ausgesetzt gewesen zu seyn, dem Gang Ihrer Gedanken zu verfallen, als jemand, der etwa nur flüchtig in Dinge hineinstöbert, welche gründlich und vielseitig erforscht zu werden verlangen.

Genehmigen Ew. Excellenz die Versicherung der hochachtungsvollsten Verehrung, mit welcher ich die Ehre habe zu seyn,
Ew. Excellenz
gehorsamster Diener,
Dr Frd. Ed. Schulz.
(rue Vivienne, hótel Vivienne.)
Paris 25 Decb. 1824.


|91v + 92r vacat|
|92v|
Á Son Excellence
Monsieur Guillaume de Humboldt.
ministre d’état de S. M. le roi de Prusse.
Berlin.
affranchie.
|In Roter Tinte:| 8./4
|Stempel:| **AYÉ PARIS

Anmerkungen

    1. a |Editor| Ergänzt aus der Kustode.
    2. b |Editor| Ergänzt aus der Kustode.
    3. c |Editor| Ergänzt aus der Kustode.
    Zitierhinweis

    Friedrich Eduard Schulz an Wilhelm von Humboldt, 25.12.1824. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/467

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